Nichtstun

Von allen Erfindungen des Menschen gefällt mir eine wirklich sehr gut: das Nichtstun. Es ist allerdings etwas, das in der modernen Gesellschaft nur mehr rudimentär vorhanden ist. Am ehesten ist das Nichtstun noch im spirituellen Bereich erhalten geblieben. Die Mönche sterben allerdings allmählich aus (kein Wunder, sie dürfen sich ja nicht vermehren) und neue gesellschaftlich akzeptierte Formen des Nichtstuns sind noch eher Randerscheinungen. Die Jagd erscheint mir eine davon zu sein: bis drei Uhr in der Früh am Hochstand zu sitzen und auf ein Wildschwein zu warten ist eine gute Einübung ins Nichtstun. Auch als Autofahren wird es schon praktiziert: Mit dem Auto ein wenig ziellos herumzufahren, den Blick auf die liebliche Landschaft zu richten – und sonst nichts: Keine Frage, nirgends ist der moderne Mensch der Natur näher als im Auto. Die Facebook-Gruppe der spirituellen Autofahrer wird sicher demnächst gegründet.

Als ich daher zu einer Veranstaltung mit dem Titel „Durch Nichtstun aus der Krise“ eingeladen wurde, weckte das meine Neugierde. Die Grundgedanken der Veranstalter: Je mehr wir machen und produzieren, desto schwieriger wird es für den Planeten. Wenn alle so genannten Entwicklungsländer auf unser Konsumniveau kommen, dann haben wir ein Problem. Besser sei es daher, schön langsam das Nichtstun zu lernen. Ich rief den Veranstalter Erwin Hauch an: „Klingt gut“, sagte ich, „aber wie könnte eine Gesellschaft aussehen, in der das Nichtstun an erster Stelle steht? Was passiert dann mit den Machern? Werden die dann ins Gefängnis gesperrt? Und wer macht das dann?“

Erwin Hauch sagte mir, dass es genau darum ginge, neue Utopien zu entwerfen, Zukunftsszenarien zu entwickeln. „Aber ist das nicht auch sehr gefährlich?“, fragte ich, „kann das nicht missverstanden werden, zum Beispiel Nichtstun als ‚ich bin nicht zuständig‘?“ Erwin Hauch erklärte mir: „Wir müssen uns den Neandertaler als glückliches Geschöpf vorstellen. Er musste weder Klimawandel, Finanzkrise noch Nord-Süd-Problematik lösen.“ „Er hat aber auch nicht überlebt“, erwiderte ich. Darauf Erwin Hauch: „Fehlt er jemandem?“

Ich weiß nicht recht, dachte ich bei mir. Irgendwie erscheint mir auch das Nichtstun nicht als die Lösung für alle Probleme. Außerdem muss man ja – in dieser Gesellschaft – etwas machen. Aber an manchen Tagen, da denke ich mir schon: als Teilzeit-Neandertaler in Frühpension, das hätte vielleicht doch etwas …

Georg Bauernfeind ist Kabarettist und Publizist in Wien.
Programm und Termine auf www.georg-bauernfeind.at

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