Nigerias Chefaktivistin

Die Twitterkampagne #BringBackOurGirls brachte weltweite Aufmerksamkeit für die entführten Schülerinnen von Chibok – und für die Initiatorin Obiageli (Oby) Ezekwesili, Nigerias ehemalige Bildungsministerin. Katrin Gänsler hat die 52-Jährige in der Hauptstadt Abuja getroffen.

© Katrin Gänsler

JournalistInnen müssen mitunter viel Geduld haben, um mit Obiageli Ezekwesili zu sprechen. Fast jeden Nachmittag sitzt sie auf einem der weißen Plastikstühle, die am „Unity Fountain“, dem Brunnen der Einheit, mitten in der nigerianischen Hauptstadt Abuja aufgestellt wurden. Bei der Presseschau hört sie genau zu, was am Vortrag über die Terrorgruppe Boko Haram, deren Entführungsopfer und den Ort Chibok in nigerianischen und internationalen Medien geschrieben wurde. Dann begrüßt die 52-Jährige all jene, die zum ersten Mal am Treffen der „BringBackOurGirls-Familie“ – so bezeichnen sich die AktivistInnen – teilnehmen. Und wenn die tägliche Zusammenkunft fast vorbei ist, stimmt sie gerne in den Protestsong ein, der einfach und gleichzeitig prägnant ist – ein Ohrwurm: „Wir fordern, dass unsere Mädchen sofort und lebend zurück gebracht werden. Und die Wahrheit – nichts als die Wahrheit.“ Es klingt fast so wie oft in nigerianischen Freikirchen.

Erst danach spricht Obiageli Ezekwesili mit MedienvertreterInen: wieder laut, deutlich und direkt. Manchmal wirkt sie ein bisschen ruppig. Das mag daran liegen, dass die Harvard-Absolventin fast nie lächelt. Ohne müde zu werden wiederholt sie stattdessen das, was sie seit Ende April 2014 antreibt: „Es muss endlich alles dafür getan werden, dass die Mädchen von Chibok freikommen.“

Ungeklärte Massenentführung. Chibok – eine Kleinstadt im Nordosten des einwohnerreichsten Staates in Afrika – ist in Nigeria zum Synonym für Regierungsversagen, Ignoranz und Gerüchte geworden. In der Nacht zum 15. April 2014 drangen dort Kämpfer von Boko Haram (dt. „Westliche Bildung ist Sünde“, Anm.) in die Schlafsäle einer weiterführenden Schule ein und brachten 276 Schülerinnen in ihre Gewalt. Bis heute sind 219 verschwunden. Während die Regierung um den mittlerweile abgewählten Präsidenten Goodluck Jonathan versuchte, die Massenentführung totzuschweigen, begann eine kleine Gruppe um Ezekwesili spontan für die Schülerinnen und deren Familien zu kämpfen. In kurzer Zeit entwickelte sich eine Protestbewegung, die dank des Kurznachrichtendienstes Twitter weltweit Beachtung erhielt. Michelle Obama, Carla Bruni und Malala Yousafzai, Friedensnobelpreisträgerin im Jahr 2014, gehören zu den bekannten UnterstützerInnen, die sich mit dem Hashtag fotografieren ließen.

#BringBackOurGirls machte Obiageli Ezekwesili, die mit dem Pastor einer großen nigerianischen Freikirche verheiratet ist und drei Söhne hat, damit auch bei jenen bekannt, die sich sonst wenig für Afrika interessieren. Dabei war sie schon vorher eine bekannte Persönlichkeit. Ezekwesili war Bildungsministerin, Beraterin von Alt-Präsident Olusegun Obasanjo, Mitgründerin von Transparency International und arbeitete in führender Position für die Weltbank. Auch wegen dieser Karriere erhielt sie zu ihrem 50. Geburtstag auf der Internetseite „The Scoop“ einen Artikel mit der Überschrift „20 Gründe, weshalb Aunty Oby cool ist“.

Verblasste Euphorie. Was der Bewegung einerseits geholfen hat, wird ihr auch zum Vorwurf gemacht. #BringBackOurGirls ist KritikerInnen zu elitär und zu wenig in der Bevölkerung verankert. Heute kommen zu normalen Treffen, die in Abuja weiterhin jeden Nachmittag stattfinden, zwischen 20 und 30 TeilnehmerInnen. Nigeria hat 180 Millionen EinwohnerInnen. Spricht man in der Hauptstadt mit Taxifahrern, Telefonkartenverkäufern oder Gemüsehändlerinnen, finden alle das Engagement zwar gut. Doch niemand würde selbst zum „Unity Fountain“ gehen. Der Anfangshype ist längst vorbei.

KritikerInnen haben Ekzewesili schon im vergangenen Jahr vorgeworfen, dass sie #BringBackOurGirls zu undemokratisch führe. Sie lasse keine andere Meinung gelten und auch keine anderen Ideen. Vielen stößt es auch auf, dass Chibok zu sehr im Mittelpunkt steht, andere Entführungsopfer aber vergessen werden. Zum ersten Jahrestag ging die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) schließlich davon aus, dass mindestens 2.000 Frauen und Mädchen von den Terroristen entführt wurden. Vermutlich liegt die Zahl weit höher.

Auch als das Militär ab Mai die ersten Terroristencamps befreite, schien eine Frage besonders wichtig zu sein: Sind die Schülerinnen von Chibok darunter? Den Vorwurf der Einseitigkeit lässt die Chef­aktivistin aber nicht gelten. „Wir freuen uns über jedes Mädchen, das befreit wurde“, sagte sie darauf. n

Katrin Gänsler ist Korrespondentin mehrerer deutschsprachiger Medien in Westafrika. Sie lebt in Abuja, Nigeria und Cotonou, Benin.

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