Niklas Reese / Rainer Wernig (Hg.): Handbuch Philippinen

Von rld
Horlemann Verlag, Bad Honnef, 2006, 381 Seiten, EUR 14,90

Kennen Sie Ferdinand Blumentritt? Nein? BesucherInnen von den Philippinen würden sich wundern, war der Prager Ethnograph und Gymnasialdirektor (1853-1913) doch Altösterreicher, der im böhmischen Leitmeritz lebte. In Manila sind ein eigener Stadtteil und eine U-Bahn-Station nach dem Mann benannt, mit dem der philippinische Freiheitsheld José Rizal befreundet war und lange Jahre korrespondierte. Rizal, der doch in Heidelberg Augenheilkunde studierte, kennen Sie auch nicht? Diese Bildungslücke füllt ein Kapitel des Handbuchs, das im besten Sinne über fast alle Bereiche des Lebens auf den Philippinen Auskunft gibt.
Die Wahrscheinlichkeit, dass man einem Filipino oder einer Filipina in Europa oder sonstwo auf der Welt begegnet, ist hoch. Schließlich leben acht Millionen von ihnen in rund hundert Ländern verstreut. Nicht nur als Krankenschwestern und Prostituierte. Fast jeder dritte Matrose weltweit kommt aus den Philippinen. Allen gemeinsam ist, dass sie sich außerhalb der Heimat bessere Chancen erwarten. Sogar ausgebildete Ärzte lassen sich oft auf Krankenpfleger umschulen, um in Japan, den USA oder Europa eine Stelle zu finden. Der Brain-Drain ist gewaltig. 68% der Ärztinnen und Ärzte verlassen das Land, dessen Bildungssystem für eine extrem niedrige Analphabetenrate sorgt.
Von der wechselvollen Geschichte der ehemals spanischen Kolonie über Bildungswesen, Umweltprobleme, Religion, Agrarreform bis zu Verhaltenshinweisen für den gesellschaftlichen Umgang, von der Einstellung gegenüber Homosexuellen über Gewalt und Militarisierung bis zu den Problemen der Entwicklungspolitik werden Daten, Fakten und Einschätzungen kenntnisreich und ohne ideologische Schlagseite geliefert. Für Leute, die nur am Strand liegen wollen, ist das Buch ein Luxus. Aber alle, die sich wirklich auf das Land einlassen wollen, sei es für Geschäfte oder aus kulturellem Interesse, sollten es vor der Reise studieren und während des Aufenthaltes immer bei sich tragen.

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