Nirgendwo im Haus meines Vaters

Assia Djebar

Von Christine Kohlmayr

Roman. Aus dem Französischen von Marlene Frucht. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, 441 Seiten, € 22,60

Was passiert, wenn man jahrelang etwas verschweigt? Nicht nur den anderen, sondern auch sich selbst? Fatima macht sich auf die Suche nach diesem Moment, den sie vorsätzlich verdrängt und vergessen hatte. Und so erkunden wir Leser und Leserinnen mit dem Mädchen seine Jugendjahre. Sie erzählt von ihrer Kindheit in einem kleinen Dorf in Algerien und ihrer Internatszeit als muslimisches Mädchen auf einer französischen Schule. Das Land wird beherrscht von den französischen Kolonialherren, und die kulturelle Spaltung spaltet auch die junge Fatima. Auf der einen Seite das Leben ihrer eigenen Gesellschaft unter dem Schleier, auf der anderen das freie Leben des Westens.

Assia Djebar, die weibliche Stimme Algeriens, gibt mit ihrem autobiografischen Roman allen islamischen Frauen eine Stimme. Zugleich vermittelt sie einen wunderbaren Eindruck von der weiblichen, sinnlichen Welt – den tagelangen Hochzeiten und den Stunden im Hamam mit den rituellen Waschungen. Es ist erkennbar, dass sie ihre arabische Heimat liebt, und doch schreibt sie ihre Romane in der Sprache der Kolonialherren.

Immer jedoch schlummert hinter den Beschreibungen der Schmerz. Nicht nur der Schmerz, als Frau ihre Knöchel nicht zeigen zu dürfen, und das schon als Fünfjährige. Sondern auch der eingemauerte große Schmerz. Fatima erinnert sich nach fünfzig Jahren, dass sie als junges Mädchen wegen eines Jungen einen Selbstmordversuch unternommen hat. Mit diesem Mann verbrachte sie dann 21 Jahre ihres Lebens – und sie bedauert heute noch, dass sie damals nicht gestorben ist!

Djebar ist als Autorin und Ich-Erzählerin immer fassbar. Sie versucht erst gar nicht, den Eindruck zu erwecken, als seien ihre Erinnerungen Wahrheit. Vielmehr befragt sie sich immer wieder selbst, versucht in konzentrischen Kreisen auf die heiklen Punkte zurückzukommen.

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