Nodira gegen Goliath

Hundert Frauen haben in Tadschikistan einer skrupellosen Agrar-Elite den Kampf angesagt und überraschend gesiegt. Eine mutige Anwältin half ihnen dabei.

Von Meike Kloiber
Es ist heiß und trocken. In den tief gelegenen Tälern schimmert keine Wolke in der Glut der aufgehenden Sonne. Ohne Bewässerung wächst hier nichts. In Tadschikistan, dem Land zwischen China und Afghanistan, verhüllen die Feldarbeiterinnen ihre Körper. Wie unter bunten Turbanen bleibt nur ein Schlitz für die Augen. Dennoch blicken sie weitsichtig in die Zukunft und kämpfen um ihr Landrecht. Seit Mitte der 1990er Jahre werden die Agrar-Kombinate aus der Sowjet-Zeit aufgelöst. Streitigkeiten entstehen, ob die riesigen Kolchosen als Ganzes in eine Aktiengesellschaft übergehen oder ob sie in kleinere Einheiten zerschlagen und von Dehkan-Farmern bewirtschaftet werden sollen, was in der Regel einer stärkeren Privatisierung entspricht. Dehkan heißt Bauer oder bäuerlich auf tadschikisch und ist Ausdruck der traditionellen Hoflandwirtschaft.
"Wir brauchen das Land von der Kolchose zum Leben, sonst geht es nicht", bekräftigt Egonberdieva Orzigul: "Deshalb haben wir angefangen zu kämpfen!" Hundert Frauen schlossen sich zusammen und gaben ihrer Organisation den Namen "Saodat" - ein gebräuchlicher tadschikischer Frauenname. Deno Rustamova, ebenfalls eine von ihnen, ergänzt: "Auf unseren Feldern keimt und wächst jetzt, was wir brauchen, und nicht mehr nur Baumwolle - wir haben vorerst gewonnen." Die gut 50-Jährige hat mit ihren Mitstreiterinnen gegen ihre Kolchoseleitung und den Investor für ihr Landrecht prozessiert. Seit Jahrzehnten schon haben sie die Felder der Kolchose beackert und nun eine Dehkan-Farm gründet - gegen den Willen der Kolchoseleitung. Doch die Wendegewinner, die neue ökonomische Oberschicht der Ex-Sowjetrepublik, kümmert das wenig.

Zentralasien soll auch in Zukunft das weiße Gold ernten, schließlich zählt Baumwolle zu den wichtigsten Exportgütern. Zur Erntezeit sind die Universitäten für zwei bis drei Monate geschlossen; die Studierenden müssen stattdessen auf den Feldern arbeiten. "Baumwollernte ist die Hölle", schildert eine zierliche Studentin. "Etliche Kommilitonen werden krank während der Ernte - manche todkrank." Hautprobleme, Schwierigkeiten mit der Atmung und Rückenschmerzen sind die häufigsten Folgen; die medizinische Versorgung ist mangelhaft. Baumwolle wird intensiv mit Herbiziden, Insektiziden und Düngemitteln behandelt. Die durch diese Chemikalien ausgelösten Gesundheitsschäden sind verheerend. Die Säuglingssterblichkeit in Tadschikistan ist 15mal so hoch wie in Österreich.
Die Verpflichtung zum Ernteeinsatz basiert auf keiner gesetzlichen Grundlage im westlichen Sinne. Vielmehr greift hier ein ungeschriebenes Gesetz, welches traditionell Arbeiten im Sinne des Gemeinwohls regelt. Es verpflichtet moralisch und stammt aus der Zeit der Staatsbetriebe. Doch der Zwang zur "freiwilligen" Erntearbeit gilt auch nach der Privatisierung der Kolchosen weiter, schließlich sorgt er für hohe Profite. Die Einnahmen aus der Baumwollproduktion kassieren lediglich lokale Eliten in Zusammenarbeit mit internationalen Investoren und mit Duldung sowie Unterstützung der tadschikischen Regierung. Das System ist korrupt und destruktiv - es wird gemeinhin als "Baumwollmafia" tituliert.

"Die Baumwollmonokultur wirkt auf die Zukunft Zentralasiens zerstörender als die Tonnen Heroin, die die Region täglich passieren", sagt David Lewis von der International Crisis Group, einer Organisation, die sich weltweit um Konfliktprävention bemüht. "Aber während die Welt Millionen in Drogenbekämpfung investiert, geschieht sehr wenig, um die negativen Folgen der Baumwollindustrie einzudämmen." Die Baumwollproduktion fördere politische Repression und Armut und bilde damit den "Nährboden für die Rekrutierung von Extremisten mit potenziell tödlichen Folgen für die regionale Stabilität".
Viele Berge und arme Menschen
Die zentralasiatische Präsidialrepublik Tadschikistan ist seit 1990 unabhängig. Im Land leben gut sechs Millionen Menschen: Tadschiken, Usbeken, Russen, Tataren und auch deutsche Minoritäten. Mehr Tadschiken als in Tadschikistan selbst leben in Afghanistan.
Präsident Rachmonow, seit 1992 im Amt, gilt als enger Verbündeter von US-Präsident George W. Bush im Kampf gegen den Terrorismus. Das Land ist strategisch interessant. Innenpolitisch baute Rachmonow in den letzten Jahren seine Herrschaft zunehmend aus, ließ potenzielle Gegner festnehmen und unterstellte die Medien einer strikten Kontrolle des Staates. Tadschikistan ist islamisch geprägt, seit der Unabhängigkeit wurden über 1.000 neue Moscheen gebaut. Für die soziale Absicherung ist die Familie verlässlicher als das staatliche, immer noch sowjetisch geprägte Gemeinwesen. Ehen werden arrangiert, die Ehefrau des jüngsten Sohnes pflegt seine Eltern auf Lebenszeit.
Auf dem Lande gibt es kaum bezahlte Arbeit, viele Männer verdienen ihr Geld daher in Russland. Über 90 Prozent des gebirgigen Landes liegen in luftigen Höhen, die Spitzen des Pamir ragen über 7.000 Meter in den Himmel. Die fruchtbaren Flächen sind rar. Die landwirtschaftliche Anbaufläche ist auf zwei Flussebenen im Norden und Südwesten begrenzt.
M.K.

PS: Siehe Tadschikistan im SWM 9/05 und 12/06.

In Tadschikistan ruht seit dem Ende des Bürgerkrieges 1997, in dem über 60.000 Menschen starben, der erbitterte Machtkampf zwischen den Clans - zumindest an der Oberfläche. Im November 2006 wurde Präsident Emomali Rachmonow für weitere sieben Jahre in seinem Amt bestätigt; die OSZE sprach, wie bei der letzten Parlamentswahl, von der Verletzung demokratischer Wahlstandards; Oppositionspolitiker wurden verhaftet.
Durch die Baumwollmonokultur mangelt es an Grundnahrungsmitteln. Tadschikistan gehört zu den ärmsten Entwicklungsländern der Welt.
Eine alte Frau sitzt mit gekrümmten Rücken am Fahrbahnrand und klopft mit einem Stein die getrockneten Maiskörner als Viehfutter vom Kolben. Jugendliche versuchen, Schlangen zu verkaufen. Selbst an den Abhängen neben der völlig verstaubten Hochgebirgsstraße versuchen Kinder und Frauen, ihre geernteten Kostbarkeiten anzupreisen. Diese Menschen kämpfen um ihre tägliche Existenz. Sie leben zwischen aufgestapelten Feldsteinen, die ein wenig Lehm zusammen hält, ohne Fenster, ein Stück Stoff als Tür. Drum herum wächst etwas Gemüse und werden ein paar Tiere gehalten. Ein Zeitsprung - mehr als hundert Jahre zurück.
Aber es wächst eine neue Generation in Tadschikistan heran: engagiert und unbestechlich. Zu ihnen gehört die junge Anwältin Nodira Sidykova. Sie unterstützt zusammen mit der im Land tätigen französischen Hilfsorganisation Acted die hundert Frauen von Saodat. Sidykova geht den langen, aber geraden Weg und prozessiert mit den Frauen zwei Jahre lang durch alle Instanzen für ihr Landrecht. Sie gewinnen vor dem höchsten Wirtschaftsgerichtshof, aber die Generalstaatsanwaltschaft geht in die Revision. Der Fall wird brisant.
Die Anwältin gerät unter massiven Druck. "Ich habe Angst gehabt. Von allen Seiten wurde mir gedroht und gleichzeitig Geld angeboten, wenn ich den Prozess fallen lasse - Jahresgehälter wurden mir geboten." Besonders getroffen hat Sidykova eine Begegnung mit einem früheren Professor, zu dem sie immer ein gutes Verhältnis und Vertrauen hatte. Er verdeutlichte ihr, dass sie, wenn sie den Prozess nicht aufgebe, weitere Qualifikationen und somit eine Karriere vergessen könne. Doch die erst 28-Jährige beweist Stärke - und gewinnt schließlich in höchster Instanz vor dem Obersten Gerichtshof.
Nodira Sidykova ist sich darüber klar: "Durch die Hilfsorganisation im Rücken hatte ich die Möglichkeit, international zu drohen - das war ein Druckmittel."

Die hundert Bäuerinnen in der Region Sughd blicken nun hoffnungsvoll in die Zukunft. Die Hoflandwirtschaft ist ihre einzige Chance. Das Landrecht haben sie gewonnen, mit Brief und Siegel. Doch wie können sie es durchsetzen? Bei ersten Versuchen, die Felder zu bestellen, wurde ihre Aussaat zerstört. Vertreter der OSZE zeigten Präsenz, aber "besonders die unverheirateten Frauen und Witwen aus der Gruppe sind auch körperlich angegriffen worden", berichtet eine der Saodat-Bäuerinnen. Eine unbestechliche Exekutive fehlt. Obwohl das Gericht den Frauen ihren Besitz zusprach, wird das Urteil in der Praxis nicht durchgesetzt. Der Kampf geht weiter. Dieses Jahr wollten die Frauen 3,5 Hektar Reis, 16 Hektar Baumwolle und 49 Hektar Getreide anbauen. Aber nachdem sie auf einem Acker ein Bewässerungssystem installiert hatten, wurde dieses Feld unmittelbar besetzt, von einem Gemeindemitglied mit guten Beziehungen. Wieder einmal sitzt die Anwältin Nodira Sidykova mit den Frauen vor Rustamovas Haus auf dem Taptschan, einem Podest unter freiem Himmel, mit bunten Blumenmatten gepolstert. Gemeinsam diskutieren sie weitere Vorgehensweisen. Sidykova kämpft, jetzt unterstützt durch die Entwicklungsorganisation US-Aid, und hofft nach wie vor auf eine gerechte und gesetzestreue Lösung.

Meike Kloiber ist Ingenieurin und Journalistin und lebt in Hannover. Sie bereist auch Länder abseits des Mainstream und arbeitet sozialkritisch zu den Schwerpunkten Entwicklungspolitik und Reise.

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