Nullo Problemo?

Katastrophenstimmung ist lähmend, blinder Optimismus auch. Die Welt entwickelt sich nur durch Kritik am Bestehenden weiter.

Von Irmgard Kirchner
Das konnte ja nicht ausbleiben: Kaum ist der von Menschen gemachte Klimawandel durch den neuesten internationalen Klimabericht wissenschaftlich belegt, liest man schon wieder vom „Märchen von der Klimakatastrophe“. Und das, während fast alle wichtigen heimischen Medien an einem breiten, gesellschaftlichen Bewusstsein dafür arbeiten, dass energisch gegengesteuert werden muss, um eben genau diese Klimakatastrophe abzuwenden.
Der „Zukunftsforscher“ Matthias Horx hat ein neues Buch geschrieben, ein mit knackigen Sagern gespicktes „Pamphlet gegen Untergangs-Ideologen, Panik-Publizisten, Apokalypse-Spießer und andere Angst-Gewinnler“.
Er vertritt die Meinung, dass uns der Fortschrittsglaube und der Zukunfts-Optimismus abhanden gekommen seien und plädiert für einen „gelassenen lösungsortierten Optimismus“.
Zum „Schreckensdiskurs“ (Horx) zählt er nicht nur das „Märchen von der Klimakatastrophe“ sondern unter anderem auch das „Märchen von der aufklaffenden Schere zwischen Arm und Reich“ und das „Märchen von der tödlich bedrohten Natur und der Formel der Nachhaltigkeit“.
Man könnte eine derartige Schreibe natürlich gelassen ignorieren und argumentieren, dass ein „Zukunftsforscher“ wohl nicht kompetent genug ist, mit einem Rundumschlag die Klimawissenschaften zu widerlegen (was ja auch gar nicht seine wichtigste Absicht ist). Man könnte boshaft anmerken, dass mittlerweile auch der Zukunftsforscher bemerkt hat, dass sich die Medien im Allgemeinen zuallererst auf negative Ereignisse und weit weniger auf geglückte Projekte stürzen. Was nach einer Erwiderung verlangt, ist die vertretene Meinung, dass „Alarmismus“ eine Gesellschaft lähmt.

Wäre der „gelassene lösungsorientierte Optimismus“ à la Horx die leitende Grundhaltung der Menschheit in allen geschichtlichen Epochen gewesen, säßen wir vermutlich noch immer optimistisch in unseren Höhlen. Optimismus ist immer angebracht und die Voraussetzung für jedes politische Denken und Handeln. Doch Veränderung und Weiterentwicklung erfolgt stets über die Kritik des Bestehenden, wenn notwendig in Form von Alarmismus. In der entwicklungspolitischen Publizistik ist es schon lange anerkannter Standard, den negativen, aufrüttelnden Aussagen stets auch Handlungsmöglichkeiten entgegenzustellen. Ohnmächtige Betroffenheit ist nicht das gewünscht Ergebnis.
Was sich in den letzten Jahrzehnten wirklich verändert hat, ist eine Art Rückkehr zum Idealismus: Veränderungen in der Welt werden über Veränderungen im Bewusstsein angestrebt und nicht umgekehrt, wie das im Marxismus postuliert wurde.
Der Glaube an den Fortschritt ist eines der wesentlichen Charakteristika der westlichen Kultur und unserer Geistesgeschichte. Was den materiellen Fortschritt anbelangt, ist Ernüchterung eingetreten. Doch Fortschritt kann auch nichtmaterieller Natur sein: Wer würde leugnen, dass ein Mehr an Gerechtigkeit, Dialog und Demokratie nicht auch einen riesigen Fortschritt bedeutet?
Arm an Zukunft, wer das nicht erkennen kann, wer Optimismus mit Kritiklosigkeit gleichsetzt.

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