Nur die Verzierung des Gebäudes

Für Mildtätigkeit gibt es viele Begriffe. Was sie im Kern ausmacht, hat es immer und überall gegeben. Egal, unter welchem Namen sie auftritt, entscheidend ist die Beziehung zwischen GeberInnen und EmpfängerInnen. Ihr Wert für die Gesellschaft muss letztlich an ihrem Beitrag zur Gerechtigkeit gemessen werden.

Von Sarah Funk

Mildtätigkeit gehört zum Menschsein. Seit jeher kannten Menschen verschiedene Formen mildtätigen Handelns, wenn sie auch unterschiedliche Begriffe dafür fanden. Als wirkmächtiges Konzept fand Mildtätigkeit Eingang in politische Theorien und philosophische Konzepte, in naturwissenschaftliche Forschungen und das Alltagsleben von Individuen. In allen Weltreligionen hat mildtätiges Handeln einen wichtigen Stellenwert, die religiös motivierte Hilfe für notleidende Menschen gilt als Tugend und Verpflichtung des Einzelnen (siehe auch Beitrag auf Seite 34). Die Idee der Mildtätigkeit ist eng mit Fragen von Gerechtigkeit und sozialer Ordnung verbunden. Neben der staatlichen Fürsorge kommt privater Mildtätigkeit eine wichtige Bedeutung für die soziale Sicherung zu. Zunehmend werden staatliche Verpflichtungen ausgelagert und die Verantwortung an zivilgesellschaftliche und private AkteurInnen abgegeben (siehe auch Gespräch auf Seite 32). In Österreich wird das Thema Mildtätigkeit vor allem in Zusammenhang mit der steuerlichen Absetzbarkeit von Spenden für mildtätige Zwecke diskutiert. Was genau ist unter Mildtätigkeit zu verstehen?

Im deutschen Sprachgebrauch hat der Begriff der Wohltätigkeit den der Mildtätigkeit weitgehend ersetzt. Im weitesten Sinn werden damit Phänomene des Gebens von Zeit und Geld bezeichnet. Mildtätiges Handeln umfasst freiwilliges Engagement ebenso wie verschiedene Formen des Schenkens, Stiftens und Spendens. All diese Aktivitäten werden freiwillig und unentgeltlich erbracht und kommen bedürftigen Menschen zugute, die in keiner privaten Nahbeziehung zu den GeberInnen stehen. Der österreichische Gesetzgeber definiert mildtätige Zwecke als solche, die darauf ausgerichtet sind, persönlich oder materiell hilfsbedürftige Menschen zu unterstützen. Als persönlich hilfsbedürftig gelten Personen, die aufgrund ihrer körperlichen oder seelischen Verfassung auf fremde Hilfe angewiesen sind. Materielle Hilfsbedürftigkeit besteht dann, wenn Personen aufgrund fehlenden Einkommens oder Vermögens ihren notwendigen Lebensunterhalt nicht bestreiten können. Es ist dabei unerheblich, ob Menschen selbst- oder fremdverschuldet in Not geraten sind.

Davon zu unterscheiden ist der Begriff der „Gemeinnützigkeit“. Die Erfüllung gemeinnütziger Zwecke kommt der Allgemeinheit zugute. Diese dürfen auch aus Eigennutz verfolgt werden, während Mildtätigkeit per definitionem aus Selbstlosigkeit erfolgen muss.

In der aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzung wird Mildtätigkeit überwiegend positiv bewertet. Zu den häufig vorgebrachten Argumenten zählen folgende: Erstens sei mildtätiges Handeln Ausdruck von zivilgesellschaftlichem Engagement und zeuge von Eigenverantwortung und Initiative in Zeiten steigender Haushaltsdefizite und sozialer Kürzungen. Zweitens führe Mildtätigkeit zu einer freiwilligen Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums. Drittens werden soziale Innovationen durch Spendengelder und Stiftungen initiiert und finanziert. Viertens stellen mildtätige Einrichtungen ein demokratiepolitisch wichtiges Korrektiv zu staatlichen Aktivitäten dar und tragen zu einem Wohlfahrtspluralismus bei.

Kritische Stimmen verweisen jedoch auch auf problematische Aspekte mildtätigen Handelns. So erfolge Mildtätigkeit willkürlich und nach Gutdünken der Helfenden. Es gebe zudem kein einklagbares Recht auf Mildtätigkeit. Weiters erhebe Mildtätigkeit keinen Anspruch auf eine Veränderung der Verhältnisse und könne sogar zu einer Perpetuierung sozialer Ungleichheit führen. Ein prominenter Vertreter dieser Lesart ist der slowenische Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Zˇizˇek, der Mildtätigkeit als heuchlerisch bezeichnet. Zwar sei „Charity“ besser als gar nichts und daher nicht gänzlich abzulehnen, gleichzeitig müsse man sich aber bewusst sein, dass die grundlegenden Strukturen des globalen kapitalistischen Systems, die Armut erst hervorbringen, unverändert blieben. Milde Gaben, so sein Fazit, seien keine Lösung, sondern eine Verlängerung der Armutsproblematik. Jenseits der Frage nach den Chancen und Grenzen mildtätigen Handelns verdienen die verschiedenen Formen von Mildtätigkeit eine genauere Betrachtung. Wie sieht Mildtätigkeit in der Praxis aus?

Die bekannteste Form der Mildtätigkeit ist das Spenden: 61% der Österreicherinnen und Österreicher haben 2010 gespendet. Eine Spende von Geld, Sachen oder Zeit ist ein freiwilliger Transfer von Ressourcen an Dritte ohne materielle Gegenleistung. Zumeist gehen Spenden nicht direkt an bedürftige Menschen, sondern werden über Mittlerorganisationen weitergeleitet. Zu den wichtigsten Spendenmotiven der ÖsterreicherInnen zählen laut Spendenbericht 2010 die Sympathie gegenüber Organisationen, Solidarität mit den Armen und Schwachen sowie überzeugende Spendenaufrufe von Hilfsorganisationen. Auch die Unzufriedenheit mit den staatlichen Leistungen für Bedürftige gewinnt als Spendenmotiv an Bedeutung. Viele SpenderInnen sind der Ansicht, dass der Staat zu wenig für hilfsbedürftige Menschen mache. 2010 waren die Naturkatastrophen in Haiti und Pakistan wichtige Anlässe für Spenden. Für die Katastrophenhilfe in den beiden Ländern kamen 46,7 Millionen Euro zusammen (Haiti: 32 Mio. Euro, Pakistan: 14,7 Mio. Euro). Grundsätzlich spenden ÖsterreicherInnen eher kleine Geldbeträge, vergleichsweise viele SpenderInnen kommen aus niedrigen und mittleren Einkommensschichten. Gespendet wird vor allem bei Sammlungen in Gottesdiensten, an der Haustür und per Erlagschein.

Spendenskandale und die Existenz dubioser Organisationen führten zur Gründung von Online-Portalen wie CharityWatch.de, die Auskunft über seriöse und unseriöse Hilfsorganisationen geben. Das seit 2001 bestehende österreichische Spendengütesiegel ist ein wichtiger Qualitätsstandard für Spenden sammelnde Organisationen in Österreich. Es legt strenge und umfassende Kriterien für die Spendensammlung und -verwendung fest. Derzeit sind 218 NGOs berechtigt, das Spendengütesiegel zu verwenden.

Großspenden gibt es in Österreich kaum. Im Unterschied zu den USA besitzt Österreich keine stark ausgeprägte Kultur der Philanthropie. Dieser Begriff, der in seiner eigentlichen Bedeutung Menschenfreundlichkeit oder Menschenliebe meint, wird zunehmend auf reiche Menschen angewandt, die große Teile ihres Vermögens für wohltätige Zwecke stiften. Sie gelten als philanthropisch, also menschenfreundlich. Großspenden werden selten von Privatpersonen gemacht, sondern meist über Stiftungen abgewickelt. Eine Stiftung ist ein spezifisches Rechtsinstitut, das dazu dient, ein Vermögen dauerhaft der Verwirklichung des Stifterwillens zu widmen. Die Mehrheit der österreichischen Stiftungen ist eigen- und nicht gemeinnützig. Damit ist Österreich nach Angaben des Fundraising Verbands Österreich eine absolute Ausnahme in Europa. Im Jahr 2010 haben sich sechs österreichische Privatstiftungen (unter anderem die Erste Stiftung und die Essl Foundation) zusammengeschlossen, um sich verstärkt für gemeinnützige Zwecke einzusetzen. So ermöglichen die „Sinnstifter“, wie sie sich selbst nennen, das erste österreichische Sozialfestival im Lungau 2011. Unter dem Motto „Tu was, dann tut sich was“ sollen ÖsterreicherInnen zu mehr Eigeninitiative angestiftet und ausgewählte soziale Projekte und Initiativen finanziell unterstützt werden.


Melinda und Bill Gates: Ihre Stiftung ist so mächtig, dass sie die politische
Entscheidungskraft der WHO unterlaufen kann.

International spielen Stiftungen eine viel größere Rolle. Eines der prominentesten Beispiele ist die Bill & Melinda Gates Foundation, die mit einem Kapitalstock von rund 37,6 Milliarden US-Dollar die größte Privatstiftung der Welt ist. Die Gates-Stiftung engagiert sich in der Malariaforschung und ist der größte Geldgeber bei der Entwicklung eines Impfstoffes gegen die von der internationalen Gemeinschaft lange vernachlässigte Tropenkrankheit. Zudem unterstützt sie den Kampf gegen Polio, Aids und Tuberkulose, setzt sich für eine Reform des US-Bildungswesens ein und propagiert eine „Neue Grüne Revolution“ in Afrika.

„Was auf den ersten Blick sehr positiv ist – neue Geldquellen für gemeinnützige und philanthropische Zwecke – hat aber auch seine Schattenseiten. Wer viel Geld verteilt, nimmt Einfluss – selbst mit den besten Intentionen hat dies Auswirkungen, die kritisch hinterfragt werden müssen. Entziehen sich schon öffentliche Institutionen oft genug der wirksamen demokratischen Transparenz und Kontrolle, gilt dies für Stiftungen erst recht“, kritisiert Jürgen Maier vom Forum Umwelt & Entwicklung, einer Arbeitsplattform für Nichtregierungsorganisationen in Deutschland. Die Dominanz der Gates-Stiftung könne die politische Entscheidungskraft der WHO unterlaufen, warnte auch der ehemalige Leiter des WHO-Malaria-Programms, Arata Kochi. Andere zeigen auf, dass die offene Propagierung der Gentechnik durch die Gates-Stiftung die Politik zahlreicher afrikanischer Länder konterkariere.

Zudem gerate der vermögensschaffende Teil der Stiftung in Konflikt mit ihrem wohltätigen Anspruch, was sich am besten mithilfe einer Metapher verdeutlichen lässt: Die eine Hand repariert, was die andere Hand zerstört. „Während die Stiftung etwa 1,5 Milliarden Euro für den Kampf gegen Aids ausgegeben hat, verdient sie im Gegenzug ein Vermögen durch Aktien von Pharmafirmen wie Merck und Pfizer. Diese verkaufen ihre Aids-Medikamente so teuer, dass sie für PatientInnen in Afrika und anderen ärmeren Regionen der Welt unerschwinglich sind“, moniert der österreichische Autor Klaus Werner Lobo in seinem Buch „Uns gehört die Welt“ und kritisiert, dass tatsächlich nur etwa fünf Prozent der Gates-Stiftungsgelder für gemeinnützige Projekte ausgegeben werden.

Neben Stiften und Spenden ist Freiwilligenarbeit eine weitere wichtige Form mildtätigen Handelns. Die religiös motivierte Hilfstätigkeit gegenüber Armen gilt als eine der zentralen Wurzeln des Ehrenamts. Heute ist Freiwilligenarbeit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Österreich. Ohne das Engagement jener, die sich freiwillig und unbezahlt engagieren, würde das System sozialer Dienste zusammenbrechen. Ehrenamtliche Arbeit ist für Organisationen und Vereine entlastend und kostensenkend. Für viele Freiwillige bietet sie Chancen zu Selbstverwirklichung und zivilgesellschaftlichem Engagement (siehe Beitrag auf Seite 36). Gleichzeitig muss man sich Freiwilligenarbeit im wahrsten Sinne leisten können. Freiwillige investieren Zeit und Geld, häufig unter (selbst-)ausbeuterischen Bedingungen und nicht selten auf Kosten der eigenen Existenzsicherung. Auch in Zeiten leerer Kassen dürfe hauptamtliche Arbeit nicht durch Freiwilligenarbeit ersetzt und verdrängt werden, fordert die deutsche Autorin Gisela Notz. Sie verfasste mehrere Bücher zum Thema Ehrenamt, und warnt vor einer Funktionalisierung von Freiwilligenarbeit zum Stopfen der Löcher im sozialen Netz.

Warum engagieren sich Menschen freiwillig für andere? Wie ist das Spendenverhalten von Menschen zu erklären? Wieso gründen reiche Menschen gemeinnützige Stiftungen und engagieren sich philanthropisch? Erklärungsansätze für philanthropisches Handeln gibt es mehrere. Die meisten siedeln die Motive der Helfenden zwischen moralisch begründeten Verpflichtungen (Moral) und persönlicher Nutzenmaximierung (Interesse) an. Nicht zuletzt aufgrund neuer Erkenntnisse in der Hirn- und Verhaltensforschung wurde in den letzten Jahren das Konzept des Altruismus wiederentdeckt. Der altruistische Mensch scheint den egoistischen Menschen auch in evolutionstheoretischen Ansätzen zunehmend abzulösen. Im Gegensatz zum Eigennutz des Egoisten zeichnen sich Altruisten durch Selbstlosigkeit aus. Neue soziologische Forschungen interessieren sich verstärkt für Fragen sozialer Anerkennung, um Erklärungen für philanthropisches Handeln zu finden. Darüber hinaus wird derzeit in mehreren wissenschaftlichen Disziplinen Glücksforschung betrieben. Dabei kommt man immer mehr zu dem Schluss, dass Schenken und Spenden zufriedener machen, als sich selbst etwas zu kaufen. Die Freude anderer trägt mehr zu unserem Glück bei als die Ansammlung materieller Besitztümer.

Tatsache ist, dass Phänomene des Gebens eine Jahrtausende alte Geschichte haben. Mildtätigkeit war in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen schon immer Bestandteil menschlicher Gemeinschaften. Was man jedoch bei allem Nachdenken über Mildtätigkeit nicht vergessen darf, egal welchen Begriff man letztlich dafür wählt: Mildtätigkeit kann Gerechtigkeit nur ergänzen, nie jedoch ersetzen. Während mildtätiges Handeln immer freiwillig ist, muss Gerechtigkeit verpflichtend Anspruch und Grundlage einer Gesellschaft sein. „Eine Gesellschaft kann ohne Wohltätigkeit weiter bestehen, wenn auch freilich nicht in einem besonders guten und erfreulichen Zustande, das Überhandnehmen der Ungerechtigkeit dagegen müsste sie ganz und gar zerstören. […] Die Wohltätigkeit ist die Verzierung, die das Gebäude verschönt, nicht das Fundament, das es trägt, […] Gerechtigkeit dagegen ist der Hauptpfeiler, der das ganze Gebäude stützt.“ Diese Worte stammen von dem schottischen Moralphilosophen Adam Smith.

Sarah Funk ist freie Südwind-Mitarbeiterin und Lektorin am Institut für Internationale Entwicklung an der Universität Wien.

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