Ohne Evo in die Zukunft

Zehn Jahre nach dem Amtsantritt ist Boliviens Präsident Evo Morales mit dem Versuch gescheitert, durch eine Verfassungsänderung ein Mandat für eine weitere Amtszeit zu erhalten. Die Gründe dafür untersucht Knut Henkel.

Neues indigenes Selbstbewusstsein: die fahnenschwingende Statue in traditioneller Kleidung und Bombín auf dem Kopf, wie ihn auch Sozialarbeiterin Adela Quispe trägt.© Knut Henkel

Am Rande des Hochplateaus von El Alto thront die Statue einer indigenen Frau auf einer Weltkugel. „Die Chola Aymara auf der Plaza Ballivián ist ein Symbol des Widerstands und des Wandels in der Stadt“, erklärt Mario Rodríguez, sieht kurz auf und tippt noch schnell etwas auf der Tastatur des Computers. Rodríguez, ein graumelierter Mittvierziger mit schlichter John-Lennon-Brille, hat Zeitdruck. Er ist Lehrer, Theaterregisseur, Direktor des Kulturzentrums Wayna Tambo und Moderator des gleichnamigen autonomen Radiosenders in Personalunion. Nun muss er noch die letzten Musikstücke aussuchen, die gleich über den Äther und ins Internet gehen sollen.

Seit vierzehn Jahren gibt es das kommunale Radio, das mehr als nur Musik liefert. Zahlreiche autonome Gruppen aus der Nachbarschaft, dem Stadtviertel Villa Dolores, sind mit von der Partie und berichten über Jugendkultur, die Rolle der Frauen in El Alto oder analysieren neue Infrastrukturprojekte für die zweitgrößte Stadt Boliviens. Die besteht aus vierzehn Bezirken und einige sind auch in der Radiogruppe von Wayna Tambo vertreten.

So auch der nahegelegene Bezirk Ballivián mit seiner stattlichen Plaza. Über den ovalen, von bunt verputzen Ziegelbauten eingefassten Platz fließt ein Teil des Verkehrs in die benachbarten Stadtteile, aber auch in die etwa siebenhundert Meter tiefer gelegene Hauptstadt La Paz. Gleich hinter der Haltestelle für Kleinbusse, wo Halbwüchsige lauthals die Fahrtziele ausrufen und den Fahrpreis kassieren, endet das auf 4.100 Meter Höhe liegende Plateau, auf dem El Alto entstand. Von hier hat man einen prächtigen Blick über den engen, zerklüfteten Talkessel, in den sich La Paz quetscht.

Neues Selbstbewusstsein. Mit dem Rücken zum Tal hat man die Statue der Aymara-Frau – auf einer Weltkugel stehend – in der Mitte der Plaza Ballivián montiert. Traditionell mit der Melone, Bombín genannt, auf dem Kopf, der Manta, dem Umhängetuch, und der Pollera, dem Faltenrock gekleidet, schwingt die Frau die Wiphala, die Flagge der indigenen Bevölkerung. An ihren Rockzipfel hält sich ein kleines Kind fest. „Die Statue soll an die Opfer des Gaskrieges von 2003 erinnern“, erläutert Mario Rodríguez, „allerdings steht sie heute für das gewachsene indigene Selbstwertgefühl.“ Das ist nicht zu übersehen in El Alto, wo viele Frauen traditionelle Tracht tragen und wo das Gros der Menschen den Aymara, einem von insgesamt 36 indigenen Völkern im plurinationalen Bolivien, angehört. Diese 36 Völker stellen etwa 68 Prozent der Bevölkerung, 30 Prozent gelten als Mestizos.

Früher wurden Frauen und Männer in traditioneller Tracht oft scheel angesehen, heute gehen sie in Ministerien ein und aus. Bombín, Manta und Pollera gehören in El Alto zum Straßenbild und oft haben Frauen wie Männer das Handy am Ohr, um Geschäfte abzuwickeln. Manchmal leiten sie auch wie Adela Quispe ein Sozialprojekt. Boliviens erste diplomierte Sozialarbeiterin mit einer Pollera steht für den Wandel in der Gesellschaft, der mit dem Gaskrieg 2003 begann, als sich die Oberstadt El Alto gegen die Politik der Regierung in der Unterstadt erhob. Dem Ausverkauf der Gasvorkommen widersetzten sich vor allem die Frauen: „Wir haben den Widerstand gegen den Präsidenten und seine Leute koordiniert“, erinnert sich Adela Quispe. „Ohne uns wären die Proteste hier und anderswo nicht so erfolgreich gewesen.“

Der Gaskrieg war so etwas wie die Initialzündung der indigenen Selbstbestimmung in Bolivien. Denkmäler wie das der Chola Aymara auf der Plaza Ballivián wären vor 2003 in Bolivien kaum denkbar gewesen – heute stehen sie für das indigene Selbstbewusstsein, welches Evo Morales im Dezember 2006 in den Präsidentenpalast trug.

Symbol einer Dekade. Der 56-jährige Präsident ist für viele BolivianerInnen die Identifikationsfigur, das Vorbild für den gesellschaftlichen Aufstieg. Lange galt er als Vordenker des Buen Vivir, des guten Lebens: das traditionelle indigene Konzept, welches in Bolivien und Ecuador in der Verfassung fixiert ist und ein harmonisches Verhältnis zur Natur vorschreibt. Doch das spielt in Bolivien nur noch eine untergeordnete Rolle, monieren KritikerInnen wie Rafael Puente oder Oscar Olivera. „Evo Morales und seine Regierung stehen für eine konventionelle Wirtschaftspolitik, die auf die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen setzt“, kritisiert Puente, der als Innenminister im ersten Kabinett von Evo Morales agierte. Olivera, Träger eines Umweltpreises, leitet in Cochabamba ein alternatives Bildungs- und Forschungszentrum, welches andere Schwerpunkte als die Regierung setzt und mehr Partizipation einfordert. „Der Druck auf die Organisationen, sich beim MAS (Regierungspartei von Morales, Anm. d. Red.) einzureihen, ist schädlich“, so der 61-Jährige. Vereinnahmung statt Dialog laute das Motto, ärgert sich Olivera, der für mehr Bildung und weniger pompöse Infrastrukturprojekte plädiert.

Wechsel gefragt. Damit steht er nicht allein. Wahnwitzige Prestigeprojekte wie der Bau eines Atomkraftwerks haben dazu geführt, dass Evos politischer Rückhalt selbst in der Aymara-Gemeinde, der er angehört, bröckelt. So hat Adela Quispe ihre Stimme bei den letzten Präsidentschaftswahlen vom Oktober 2014 lieber der grünen Partei geben. „Die setzt auf Nachhaltigkeit, das gefällt mir besser“, erklärt sie und an der Urne hat sie sich auch gegen ein weiteres Mandat des charismatischen Präsidenten ausgesprochen. Der wollte am 23. Februar per Referendum durchsetzen, dass die Verfassung geändert wird, um ihm eine weitere Amtszeit zu ermöglichen. Das haben die Wähler mit relativ dünner Mehrheit abgelehnt, und das werten sowohl Rafael Puente als auch Mario Rodríguez als Wille zum politischen Wechsel. Nach zehn Jahren mit Evo will die Mehrheit neue Gesichter an der Spitze des plurinationalen Landes. Auch ein Indiz für das gewachsene indigene Selbstbewusstsein in Bolivien.

Knut Henkel ist Politikwissenschaftler und freiberuflicher Journalist mit Schwerpunkt Entwicklungspolitik.

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