Ohne Verbote geht es nicht

Wir müssen schrumpfen, um den Planeten zu retten. Wie der schwierige Umbau unserer Ökonomie in eine Postwachstumsphase aussehen könnte.

Von Ulrike Herrmann

Deutschland und Österreich verbrauchen momentan so viele Rohstoffe, als hätten wir drei Planeten zur Verfügung. Es gibt aber nur eine Erde. Wir müssen also schrumpfen und uns bescheiden.

An Konzepten fehlt es nicht, wie eine ökologische Kreislaufwirtschaft aussehen könnte, in der nur verbraucht wird, was sich recyceln lässt. Einige Stichworte lauten: erneuerbare Energien, langlebige Waren, öffentlicher Verkehr, weniger Fleisch essen, biologische Landwirtschaft und regionale Produkte.

Leider ist aber ein Problem noch ungelöst: Es fehlt die Brücke, die vom Kapitalismus in diese neue „Postwachstumsökonomie“ führen soll. Über den Prozess der Transformation wird kaum nachgedacht, denn viele WachstumskritikerInnen sind so naiv zu glauben, dass man einfach auf Wachstum verzichten könnte. Das Ergebnis wäre jedoch keine schöne neue Welt, sondern chaotisches Schrumpfen.

Wie dieser Strudel funktioniert, hat der Schweizer Ökonom Hans Christoph Binswanger beschrieben: Firmen investieren nur, wenn sie Gewinne erwarten. Gesamtwirtschaftlich sind die Gewinne aber identisch mit Wachstum. Ohne Wachstum gäbe es keine Profite, und die Unternehmen würden nicht mehr investieren. Die Wirtschaft bräche  zusammen.

Wirtschaftskrisen sind jedoch ungemein gefährlich – für die Demokratie. Wenn Arbeitsplätze verloren gehen und das Einkommen ausbleibt, werden Menschen panisch und wählen rechtspopulistische „Führer“.

Hoffnung „Green New Deal“. Da sich das Wachstum nicht gefahrlos abschaffen lässt, hoffen viele auf einen „Green New Deal“: Wachstum soll vom Rohstoffverbrauch „entkoppelt“ werden, indem die Effizienz steigt. Dieses Konzept ist nicht völlig abwegig, denn seit 1970 hat sich der Energieverbrauch pro Waren-einheit halbiert.

Die Umwelt wurde allerdings nicht entlastet, weil der „Bumerang-Effekt“ zuschlug: Die Kostenersparnis wurde genutzt, um die Warenproduktion auszudehnen, sodass der gesamte Energieverbrauch nicht etwa fiel, sondern sogar zunahm.

Zudem lassen sich weite Bereiche der Wirtschaft nicht mit Ökostrom betreiben. Das Elektroauto benötigt eine Batterie, die die Umwelt stark belastet, und auch Passagierflugzeuge heben nur mit Kerosin ab. Wenn die Umwelt geschont werden soll, bleibt nur der Verzicht, der aber das Wachstum gefährdet.

Es ist ein Dilemma: Ohne Wachstum geht es nicht, komplett grünes Wachstum gibt es nicht, und normales Wachstum führt in die ökologische Katastrophe.

Der Kapitalismus erscheint wie ein Fluch. Er hat den Reichtum und den technischen Fortschritt ermöglicht, der es erlauben würde, mit wenig Arbeit auszukommen. Aber stattdessen muss weiter produziert werden, obwohl dies in den Untergang führt.

Kapitalismus ohne Markt. Um diesem Dilemma zu entkommen, könnte es inspirierend sein, sich mit der britischen Kriegswirtschaft zwischen 1940 und 1945 zu befassen. Es war ein demokratischer Kapitalismus ohne Markt, der bemerkenswert gut funktioniert hat. Die Fabriken blieben in privater Hand, aber die Produktionsziele von Waffen und Konsumgütern wurden staatlich vorgegeben – und die Verteilung der Lebensmittel öffentlich organisiert. Es gab keinen Mangel, aber es wurde rationiert.

Heute herrscht in unseren Breiten zum Glück Frieden, aber die gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist ähnlich groß: Es geht ums Überleben der Menschheit. Vielleicht wäre ein staatlich gesteuerter Kapitalismus die Antwort, wie sich ein Minimaleinkommen garantieren lässt, ohne auf Wachstum zu setzen.

Nur zwei Beispiele: Wir müssen unseren Fleischkonsum reduzieren, denn die Tierhaltung produziert extrem viele Klimagase. Damit dieser Verzicht gerecht abläuft, müsste man das Fleisch rationieren und Lebensmittelkarten einführen. Auch das private Auto hat keine Zukunft, denn es verbraucht zu viele Rohstoffe und zu viel Umwelt. Wovon aber sollen die Mitarbeiter von VW oder Daimler dann künftig leben? Wieder müsste der Staat eingreifen – und den Angestellten ein Einkommen garantieren.

Dies sind nur Ideen. Denn bisher fehlt seriöse Forschung, wie die Brücke vom Kapitalismus zur Postwachstumsökonomie aussehen könnte.

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