Ohne Würde und Anstand

Eine der aufstrebendsten Städte Indiens ist Bangalore. Hier kann besonders anschaulich gezeigt werden, wie Reichtum Armut produziert. Das Fehlen sanitärer Grundversorgung ist ja meist eingebettet in ein rundum menschenunwürdiges Leben. Mit „technischen Lösungen“ allein wird auch dieses Problem nicht dauerhaft gelöst werden können.

Von Mari Marcel Thekaekara
Bangalore, weltweit bekannt als Drehscheibe der IT-Branche in Indien, kann sich in punkto Hotels, Restaurants, Unterhaltung und "Shopping"-Möglichkeiten mit jeder anderen Metropole der Welt messen. Praktisch über Nacht schossen Einkaufszentren im Stil der Konsumtempel von Singapur aus dem Boden, wo die Betuchten ihrer Einkaufssucht frönen und sich kulinarischen Genüssen hingeben können. Dass es in unmittelbarer Nähe an sanitären Einrichtungen mangeln könnte, ist für die "Hautevolee" von Bangalore kein Thema: Für sie ist die Art ihres Lebens selbstverständlich.
Auch die Bauwirtschaft in Bangalore ist eine der größten in Indien. Baugrund ist teuer und der Wohnungsmangel chronisch, denn die Stadt schafft es kaum, den Millionen ein Dach über den Kopf zu verschaffen, die auf der Suche nach Arbeit hierher kommen. Im Großen und Ganzen kriegen die Reichen und die Mittelschicht was sie brauchen, vorausgesetzt, sie können dafür zahlen. Für die indische Gemeinschaft im Ausland, unsere NRIs ("Non-resident Indians"), die den Kontakt zu ihren indischen Wurzeln bewahren wollen, gibt es ultraluxuriöse Wohnsitze à la USA. Nur das Beste ist gut genug: bewachte Siedlungen mit Gärten, Rasen, Swimming Pools, Tennisplätzen und Wohnungen, die auch von innen westlichen Luxusapartments gleichen. Hier leben die ganz Reichen: die Manager aus dem Westen und aus Indien, die für multinationale Unternehmen mit Sitz in Bangalore arbeiten, und die NRIs, die den Winter in Indien verbringen und das übrige Jahr in den USA.

Die Stadt hat aber auch eine andere Seite. Zwar ist die Armut in Bangalore nicht so extrem oder augenfällig wie in Mumbai oder Kolkata. Dass es sie gibt, ist paradoxerweise jedoch zu einem großen Teil auf die Bedürfnisse der reichen, städtischen Bevölkerung zurückzuführen: Die Reichen brauchen Häuser, also boomt die Bauwirtschaft. Die Menschen aus den ländlichen Gebieten, deren Arbeitskraft man benötigt, um Häuser zu errichten, leben in notdürftig aufgestellten Hütten, ohne Infrastruktur und in erschreckenden sanitären Verhältnissen. Der Kontrast zu den extravaganten Apartments, die sie errichten, ist beinahe obszön.
Ich habe eine solche Siedlung besichtigt, Doddakanehalli an der Sarjapur-Straße, etwa sieben Kilometer vom Stadtzentrum entfernt - Reihen einräumiger Hütten aus Blech und Plastiksäcken, unerträglich heiß im Sommer und kalt im Winter. Als ich vorbeikam, hatte es eben geregnet. Der Monsunregen war zu stark für die Dächer, und der Boden hatte sich in schlammigen Morast verwandelt. Rund um die Hütten stand das Wasser, eine ideale Brutstätte für Stechmücken. Keine Entwässerung, keine Rinnen, durch die das Regenwasser abfließen konnte.
Normalerweise wohnt eine ganze Familie in einem Raum. Fließendes Wasser kennen die Armen in Indien allenfalls vom Hörensagen. Dass jeden Tag ein Tanker vorbeikommt und die Frauen ein paar Plastikeimer mit Wasser in ihre Hütten tragen können, die Ration für den ganzen Tag, ist schon Luxus. Die Wäsche waschen sie in einem Teich in der Nähe. Die Männer verrichten ihre Notdurft in den Büschen rund um die Siedlung, und die Frauen der rund 150 Familien teilen sich fünf unbeschreiblich dreckige Hocktoiletten, ein Vorrecht, für das sie sich jeden Morgen in Schlangen anstellen, in der Hand einen Topf mit Wasser, um sich danach zu waschen. Eine Spülung gibt es nicht. Die gibt es nie für die Armen.

"Wir haben enorme soziale Probleme", bestätigt A. Muniraj, der 1992 die Organisation Outreach gründete, um etwas für die Familien der BauarbeiterInnen zu unternehmen. "Die Menschen haben die Sicherheit ihrer Dörfer aufgegeben, wo ein engmaschiges Netz aus Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen existiert. Sie gehen weg, um Arbeit zu suchen. Eine ganze Familie muss sich in einem solchen Raum zusammenpferchen. Die Männer verdienen rund 120 Rupien (drei US-Dollar) pro Tag, die Frauen 75 Rupien. Die meisten Männer fangen an zu trinken und zu spielen. Die Frauen müssen allein für die Ernährung der Kinder sorgen. Das Einkommen der Männer ist im Handumdrehen weg. Viele verlassen ihre Frauen und treiben sich mit anderen herum. Es gibt mehr als eine halbe Million Kinder unter 14. Diese Zahl stammt von niemand anderem als vom Präsidenten des Bauunternehmerverbands."
Outreach arbeitet mit zehn Bauunternehmen zusammen, die die zehn Tagesstätten der Organisation für Kinder unter 14 finanziell unterstützen. Man versucht, die älteren Kinder in Internaten unterzubringen, um eine Art Stabilität zu schaffen. Da die Eltern nicht lange an einem Ort bleiben, ist es für die Kinder sehr schwer, eine Schule zu besuchen, solange sie mit den Eltern mitziehen. Outreach kooperiert auch mit NGOs, die solche Schulen betreiben. Sie bieten den Jugendlichen eine Ausbildung in Berufen wie Schneider, Installateur, Elektriker, Tischler und Fahrer an.
Wie er die Aussichten auf eine Lösung der Probleme dieser Leute einschätze, frage ich ihn. "Wir brauchen ein besseres Netzwerk in Bangalore", meint Muniraj. "Außer Kinderkrippen für Kinder unter sechs Jahren hat die Regierung keine vernünftigen Programme für die BauarbeiterInnen. Das Ministerium für Frauen und Kinder sollte sich eigentlich darum kümmern, aber das regionale UNDP- Programm (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) hat keine Mittel für WanderarbeiterInnen und ihre Kinder budgetiert. Vom Gesetz her sind die Bauunternehmen verpflichtet, ihnen grundlegende Einrichtungen, also auch sanitäre Ausstattung, zur Verfügung zu stellen. Die Regierung sollte das überprüfen und die Situation überwachen. Ein paar Bauunternehmen, die größeren, verhalten sich anständig. Aber den anderen ist das egal.

Bauarbeiten dauern nicht lange. GelegenheitsarbeiterInnen braucht man nur beim Ausheben der Baugruben und bis das Fundament fertig ist. Dann wechseln sie zu einer anderen Baustelle, unter Umständen zu einer eines anderen Unternehmens. Beschäftigt sind sie zwischen 150 und 200 Tage im Jahr. Den Rest der Zeit leben sie vom Schuldenmachen. Sie sind daher eine ‚unsichtbare' Bevölkerungsgruppe, im Unterschied zu den Menschen in einem Elendsviertel."
Die Leute dort leben in ähnlichen Verhältnissen, aber sie müssen nicht so oft ihren Wohnort wechseln, daher gibt es ein gewisses Maß an Stabilität. Obwohl ihr Lebensstandard im Vergleich zum Überfluss rundherum erschreckend niedrig ist, schaffen sie es, von politischen Parteien unterstützt zu werden, weil sie hier wahlberechtigt sind. Die WanderarbeiterInnen sind in dieser Hinsicht wertlos, also setzt sich auch niemand für sie ein.
Das Problem ist komplex, und es gibt keine einfachen Lösungen. Solange die Regierung kein Geld in die ländlichen Gebiete investiert, in die Landwirtschaft vor allem, um den Menschen dort ein würdevolles Leben zu ermöglichen, wird die Massenabwanderung aus den Dörfern in die Städte weitergehen.
Für die Leute in der Stadt ist diese Invasion ein Ärgernis, obwohl sie nichts gegen die billigen Arbeitskräfte haben, die derart nach Bangalore kommen. Die Menschen hier waren einmal stolz auf ihre schöne, saubere und grüne Stadt. Heute, mit dem Bauboom und dem Niedergang der Landwirtschaft, nisten sich Landflüchtlinge an allen Ecken und Enden ein. Ich stieß einmal auf eine ganze Reihe behelfsmäßiger Unterkünfte aus Plastikplanen, kaum einen Meter hoch, gerade genug zum Darunterkriechen, um sich vor dem Monsunregen zu schützen. Überall in der Stadt schießen Elendsviertel aus dem Boden. Die Reichen nehmen an den WanderarbeiterInnen keinen Anstoß, weil sie in ihren temporären Siedlungen rund um die Bauprojekte, die sie errichten, unsichtbar bleiben. Es ist eine unmenschliche Existenz, ohne Würde oder Anstand.

Mari Marcel Thekaekara ist indische Journalistin und regelmäßige Mitarbeiterin des New Internationalist. Übersetzung: Robert Poth

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