Ort des Friedens

Im Südsudan fordern ethnische Auseinandersetzungen jedes Jahr viele Opfer. In Kuron werden Konflikte auf andere Weise gelöst.

Von Leila Dregger
Rinder: wichtigste Währung und umkämpftes Gut.

Im südsudanesischen Bundesstaat Jonglei starben in Kämpfen zwischen Dinka, Murle und Lou-Nuer im letzten Jahr tausende Menschen. 100 Kilometer südlich ist es friedlich. Auch die jungen Krieger der dort ansässigen Toposa rauben die Rinder der benachbarten Volksgruppen, auch hier sind durch den Bürgerkrieg viele Waffen im Umlauf. Trotzdem eskalieren die Konflikte nicht. Dabei hilft die Initiative des früheren Bischofs Paride Taban: das Friedensdorf Kuron. Zwei Tage dauert die Fahrt von der Hauptstadt Juba nach Kuron, einer davon durch Busch und Halbwüste, vorbei an Dörfern und Nomadenlagern. Die Menschen sehen arm aus, viele Kinder haben trotz der Dornenpflanzen keine Schuhe, aber niemand scheint zu hungern. Die Regenzeit war üppig, die Kühe sind gesund, und es gibt noch Sorghum in den Vorratsbehältern. Wir sind in einer traditionellen Kultur angekommen. Das einzig Moderne hier sind die Schnellfeuergewehre, die fast jeder Hirte bei sich trägt.

Das Friedensdorf Kuron ist eine lang gezogene Siedlung mit Werkstätten und einer Gemeinschaftsküche, umgeben von traditionellen Dörfern mit bienenkorbartigen Strohhütten. Toposa-Oberhaupt Lodate begrüßt uns und erklärt: „Rinder sind unser Geld. Eine Braut kostet bis zu 100 Rinder, abhängig von Alter, Schönheit und Bildung.“ Das kann ein junger Toposa-Mann nicht aufbringen. Daher gehört Rinderdiebstahl von jeher zum Leben vieler halbnomadischer Ethnien Ostafrikas. Aber erst seitdem sie im Bürgerkrieg mit Schnellfeuergewehren ausgerüstet wurden, enden die Räubereien im Blutbad. Wie kann man das verhindern? „Durch Respekt und Zuhören und durch eine Linderung der Armut“, sagt Alfred Andi vom Team, das 1999 in Kuron mit der Friedensarbeit anfing. Diese finanziert sich komplett durch Spenden, wobei ein großer Anteil der Gelder von katholischen Organisationen aus Europa kommt. Die Entwaffnungskampagnen der Regierung hält Andi für sinnlos. „Es sind so viele Gewehre im Umlauf, dass die Männer einfach eines herausgeben und dann das nächste benutzen.“

Das Dorf hat eine Schule, eine kleine Klinik und eine Modell-Landwirtschaft. Bohnen, Papaya und Melonen wachsen in Mischkultur und organischem Anbau – eine Alternative zur Sorghum-Monokultur. Doch für Toposa-Männer ist Gartenbau etwas Minderwertiges, das sie den Frauen überlassen. Also richtet sich dieses Angebot vor allem an die Frauen, die nach und nach in den Gärten mithelfen. „Die moderne Welt rückt näher, die Lebensweise der Toposa wird sich verändern. Sie sollen sich nicht als Bettlerinnen und Bettler sehen, sondern als selbstbewusste Menschen, die sich selbst helfen können“, sagt Ex-Bischof Paride Taban. Essen gegen Arbeit, das vertrat der 75-jährige Gründer des Friedensdorfes von Anfang an. Bereits als Gemeindepriester sorgte er sich zuerst um Ernährungssicherheit und dann um Glaubensfragen. Taban blieb während des Bürgerkrieges im Land, stets zwischen den Fronten unterwegs, um den Dialog in Gang zu halten.

Bei einem Besuch im israelischen Friedensdorf Newe Shalom / Wahat al- Salam sah er: „Juden und Araber können in Frieden zusammenleben, wenn sie ein gerechtes Leben teilen. Das muss auch im Sudan gehen.“ Mit der Errichtung der einzigen Brücke über den Kuron, einem strategischen Nadelöhr, begann 1999 der Bau des Friedensdorfes. Unter der Brücke schöpfen heute Toposa-Mädchen Trinkwasser aus dem Uferfiltrat. Es ist wohltuend kühl im Schatten hoher Mango-Bäume. Ein Zug von 20 LKWs der UNO rattert über die Brücke. Vor der Regenzeit werden so viele Hilfsgüter wie möglich nach Jonglei geliefert. In Kuron ist diese Hilfe nicht nötig.

Sozialarbeiter Philip Emekuri aus Kenia gehört zum Kuron-Friedensteam, ein Turkana, mit den Toposa weitläufig verwandt. Er führt uns über den Fußballplatz und erklärt uns das Sport- und Friedensprogramm. Durch Fußball kanalisieren die jungen Männer ihre Kraft in eine friedliche Richtung. Nach dem Sport folgen Austausch und die Möglichkeit, Konflikte anzusprechen. „So konnten wir kürzlich zwei Gruppen aussöhnen. Die gestohlenen Rinder wurden zurück gegeben.“

Eine Werkstattschule mit Schreinerei und Metallwerkstatt sowie ein neues Jugendzentrum sind im Bau, gleich daneben liegt die Klinik. Eine Toposa-Frau ist drei Tage lang gewandert, ihr Säugling nimmt keine Nahrung mehr an. „Wir werden ihm helfen“, sagt Rosa Milla Gale, Krankenschwesterschülerin aus Uganda. Für die Leistungen bringen die PatientInnen meist eine Hand voll Sorghum mit. „Manchmal auch eine Gewehrkugel“, ergänzt Rosa Milla. „Auch die nehmen wir gerne an.“

Leila Dregger ist Journalistin und Agrar-Ingenieurin. Sie wohnt im Friedensforschungszentrum Tamera in Portugal und besucht weltweit Friedensinitiativen.

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