OZEANE

Planet Ozean

Unser größtes Geschenk, findet New Internationalist-Autor David Ransom, ist der Ozean in seiner ganzen Schönheit. Es wird große kollektive Kreativität brauchen, ihn zu bewahren – und damit uns.

Von David Ransom

Planet Ozean – unser Planet. Es ist der Ozean, der ihn für den Rest des Universums blau aussehen lässt, und es ist der Ozean, der unser Leben ermöglicht. Wir können seinen Teilen Namen geben, wie den felsigen Erhebungen, auf denen wir unser prekäres Dasein fristen, aber es gibt nur einen Ozean. Seine wundersame Substanz, die keine Grenzen kennt, ist ständig in Bewegung, folgt dabei Mustern, die so komplex sind, dass sie uns chaotisch erscheinen, und so harmonisch, dass sie Millionen Jahre bestehen bleiben können.
Umso trauriger also, dass wir ihn so unbeirrt nach seiner Nützlichkeit bewerten, nur wahrnehmen, inwiefern der Ozean uns hilft, unsere eigenen, dringenden Bedürfnisse zu befriedigen und unsere nebulösen Ziele zu erreichen. Tatsächlich ist unser Wissen über ihn äußerst beschränkt. Als Rachel Carson 1951 „The Sea Around Us“ (deutsch: „Geheimnisse des Meeres“) veröffentlichte, waren erst zwei Menschen tiefer in den Ozean eingedrungen als das Licht der Sonne. (1)
Seither haben wir einiges dazugelernt. Wir wissen nun, dass die Oberfläche des Planeten aus tektonischen Platten besteht, die sich mit der Geschwindigkeit wachsender Fingernägel bewegen und seine Kruste andauernd zerstören und neu erschaffen. Wir wissen nun, dass es früher, genauso wie nur einen Ozean, auch nur einen Kontinent gab. Wir wissen, dass es in den Tiefen des Ozeans Leben gibt, was wir früher für unmöglich gehalten hatten. Wir wissen, dass sich vom Boden des Ozeans Berge erheben, verstreut und reich an Leben wie Oasen in der Wüste. Auch hier, tief unten, gibt es Stürme, Wasserfälle, Vulkane, Schluchten. Wir wissen, dass sich im Ozean 90 Prozent der Biomasse des Planeten befinden, „das Gewicht des Lebens“. Wir wissen, dass er 50mal mehr Kohlendioxid enthält als die Atmosphäre und ein Drittel bis zu einer Hälfte des Kohlendioxids absorbiert, das Menschen freisetzen (siehe Artikel S. 35). Über die Photosynthese des Phytoplanktons erzeugt er den Sauerstoff für jeden zweiten unserer Atemzüge. Würde der Ozean jemals aufhören, so zu funktionieren wie jetzt, wäre das das Ende jedes menschlichen Lebens.(2)

Aber wir sind mit dem Lernen erst ganz am Anfang. Wir wissen weniger über den Ozean als über einige Planeten des Sonnensystems. OzeanographInnen sind in ihrer Arbeit nach wie vor zum Teil auf ausgediente Geräte und Datenfetzen angewiesen, die ihnen von militärischen Forschungsprogrammen oder Weltraumagenturen zugeworfen werden. Ein Teil des Wenigen, das man über die Topographie des Ozeanbodens weiß, ist noch immer ein militärisches Geheimnis. Mehr als 90 Prozent sind unerforscht, und unsere Kenntnisse über die anderen zehn Prozent sind unvollständig. Von den 14.000 bis 50.000 unterseeischen Bergen, die es gibt, wurden bloß 200 genauer untersucht.
Allerdings gibt es einen Faktor, der einem tieferen Verständnis entgegenwirkt. Es gibt nur wenige Menschen, die willens oder fähig sind, stundenlang in einem Behälter zu sitzen, der in tiefschwarze, eiskalte Finsternis getaucht ist, stets in Gefahr, auf Erbsengröße zusammengequetscht zu werden. Sofern diese ungewöhnlichen Menschen überhaupt etwas sehen sollten, dann ist es wahrscheinlich eine Art von Lebewesen, die den meisten Menschen hässlich erscheint, etwa eine Seegurke, die durch ihren Hintern atmet oder aus den eigenen Exkrementen Berge aufhäuft. Das ist kein Ort, der für Menschen gemacht wurde.
Und doch – und obwohl wir eben herausfinden, dass dem nicht so ist – handeln wir, als ob der Ozean gegen Schaden gefeit wäre, schleifen gewaltige Schleppnetze über den Ozeanboden und zerstören dabei unterseeische Berge, von deren Existenz wir keine Ahnung hatten. Wir verfolgen große Fischarten so erfolgreich, dass wir 90 Prozent ihrer Bestände vernichtet haben. Wir werfen Plastik in solchen Mengen in den Ozean, dass seine gesamte Oberfläche nun mit Partikeln übersät ist, die kein natürlicher Prozess abbauen kann. Wir betreiben eine derart zerstörerische Landwirtschaft und scheren uns so wenig um den Dreck, den wir verursachen, dass nährstoffreiche Abwässer riesige Meeresgebiete in lebensfeindliche Brühen verwandeln. Nach letzten UN-Angaben gab es 2004 – etwa im Golf von Mexiko oder in der Ostsee – 147 solcher „toten Zonen“ in Küstennähe. Ihre Zahl hat sich seit den 1960er Jahren alle zehn Jahre verdoppelt. Nach einer Studie vom Oktober 2006 gibt es nun bereits mehr als 200 davon (siehe Fakten, S. 32).

Ein Ozean. Ein Klima. Eine Menschheit – mit einer Vielfalt von Methoden, die jeweiligen individuellen Interessen zu verfolgen, aber nur mit sehr wenigen, wenn es darum geht, ihr kollektives Schicksal zu bewältigen. Die flacheren Gebiete des Ozeans im Bereich des Kontinentalschelfs wurden zu „territorialen Gewässern“ erklärt und einer „Regulierung“ unterworfen – mit wenig oder keinem Erfolg. Die zahllosen Kabeljauschwärme vor der Atlantikküste Kanadas sind verschwunden, haben sich nicht mehr erholt, genauso wenig wie die einst reichen Fischgründe Europas. Die riesigen Fischereiflotten Chinas durchkämmen heute den gesamten Ozean auf der Jagd nach ihrer schwindenden Beute. Piratierende Fischkutter plündern die Hochsee praktisch ungehindert. Immer rascher werden tödliche Nährstoffe und Abwässer aus Flüssen und Küstengebieten ins Meer geleitet, unter der fahrlässigen Annahme, sie würden damit auch verschwinden. Wenn große Lebewesen aus dem Ozean verschwinden, die die Spitze der Evolution repräsentieren, während sich alte Organismen aus ihren Anfängen vermehren, könnte spekuliert werden, dass die Evolution begonnen hat, rückwärts zu laufen (siehe Artikel S. 30).
In der UNO haben nationale Eigeninteressen selbst die dürftigsten Bemühungen blockiert, die zerstörerische Praxis der Grundschleppnetzfischerei in der Tiefsee zu verbieten. Andernorts wird vorgeschlagen, dass das, was zu Land mit derart katastrophalen Auswirkungen geschah, auf den Ozean angewendet werden sollte, einschließlich der Hochsee – der 60 Prozent außerhalb der Kontinentalschelfe: Alles sollte privatisiert werden. (3)
Getan werden muss jedoch nur eines: Wir müssen in aller Bescheidenheit unsere Grenzen anerkennen. Das bedeutet, den Ozean vor uns selbst zu schützen und gigantische Reservate zu schaffen, wie Nationalparks, nur größer – und das sofort (siehe Kasten S. 36). Das wird die Zerstörung nicht völlig stoppen und auch das Klima nicht stabilisieren. Aber es wird uns eine Atempause verschaffen, in der wir rascher lernen, nachdenken und unsere Praktiken verändern können.
Vielleicht hilft dabei, dass wir Menschen eine fast instinktive Leidenschaft für den Ozean empfinden. Sie beruht auf seiner Schönheit. Es ist nicht nur schön, den Ozean zu betrachten, es ist auch schön, ihn zu verstehen, obwohl er sich den Menschen nur widerstrebend offenbart. Wir finden Berge schön, weil wir sie sehen können – aber wir können nicht weit unter die Oberfläche oder über den Horizont des Ozeans hinaus sehen. Wir empfinden Musik als schön, weil wir sie hören können – aber die Klänge des Ozeans sind großteils zu subtil, um von Menschen gehört zu werden. Um die ganze Schönheit des Ozeans zu erkennen, braucht es Vorstellungskraft, etwas, was uns Menschen eigen ist und uns zu Menschen macht.

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden immer mehr Menschen innerhalb eines schmalen Küstenstreifens rund um den Ozean leben, wo sich die meisten großen Städte der Welt bereits befinden. Wenn wir dabei mehr Küstengebiete zerstören, mehr Abwässer einleiten, Leben rascher zerstören als es sich reproduzieren kann, werden wir – sofern es uns dann noch gibt – neben einer toten, stinkenden Senkgrube leben, die sich rund um den Globus erstreckt. Es wird große kollektive Vorstellungskraft erfordern, eine andere Zukunft zu ermöglichen.


1) Robert Kunzig, „Mapping the Deep“, Sort of Books, London 2000; deutsch: „Der unsichtbare Kontinent. Die Entdeckung der Meerestiefe“, Piper 2004

2) Wie alle anderen folgenden Fakten aus: Derrick Stone, „Encyclopedia of the Ocean“, Oxford University Press 2004

3) Siehe beispielsweise Rögnvaldur Hannesson, „The Privatization of the Oceans“, The MIT Press, Massachusetts 2004

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