Palästina kommt ins Rollen

Kinder und Jugendliche in den besetzten palästinensischen Gebieten wachsen unter extrem schwierigen Bedingungen auf. Orte für Spiel und Freizeit sind rar. Wie junge Skaterinnen und Skater im Westjordanland neue soziale Räume schaffen, zeigt eine Reportage von Jan Hennies.

Sajed Abu-Ulbeh ist eigentlich gelernter Friseur. Jetzt steckt er seine Energie in die Vision eines skatefreundlichen Palästinas.© Jan Hennies

Wenn Skateboarden in Palästina erwähnt wird, sollen die Leute es mit meinem Namen verbinden!“, erklärt Adham Tamimi lächelnd. Der 18-jährige Palästinenser sitzt in einem Café in Ramallah und sinniert: „Ramallah hat gute Orte zum Skaten. Und wir sind wahrscheinlich eines der wenigen Länder, das noch keine Gesetze gegen Skateboarder hat.“ Derzeit skatet Adham meistens alleine.

Eine ausgeprägte Szene gibt es in der Stadt noch nicht, und sein bester Skate-Kumpel ist verhindert: Aram Sabbah, 17 Jahre alt, kommt auf Krücken gehumpelt. Skate-Verletzung? „Letzte Woche wurde mir auf einer Demo ins Bein geschossen“, berichtet Aram nüchtern. Die Kugel blieb im Oberschenkel stecken, vorerst bleibt sein Skateboard zu Hause. Erst im Juli 2014 hatte während eines Protestes gegen die israelische Gaza-Offensive eine Kugel sein Knie durchschlagen.

Unter militärischer Besatzung. Fast 40 Prozent der Bevölkerung im von Israel abgesperrten Westjordanland sind jünger als 15 Jahre. Laut einem Bericht des UN-Kinderhilfswerks UNICEF aus 2011 sind die Kinder in den besetzten palästinensischen Gebieten durch politische Gewalt, Vertreibung und Hausdurchsuchungen massiven Belastungen ausgesetzt. Ali Nobani, der als Psychologe in Nablus mit traumatisierten Kindern arbeitet, benennt das Problem. „Ein Teil des Kindseins ist es, zu spielen und glücklich zu sein. Wir brauchen mehr Orte, an denen Kinder das können.“

Ein großer Verfechter des Spielens ist auch Sajed Abu-Ulbeh, der in der kleinen Stadt Qalqiliya das Skate-Team X-Games gegründet hat. Nachdem sein Vater ihm 1995 Inlineskates geschenkt hatte, träumte er bald von einer Minirampe. Irgendwann mietete der heute über 30-jährige eine leerstehende Halle und funktionierte sie zum Skatepark um. „Als ich die Halle eröffnete, kamen sie alle: junge Leute, die Parcours machen, Graffiti sprühen, beatboxen (Imitation von Rhythmen und Klängen durch Mund und Nase, Anm.) und rappen“, erinnert er sich. Das X-Games-Team war gegründet.

Gemeinsam finanzierter Skatepark. Adham Tamimi entdeckte den Sport, als er einen US-Amerikaner durch die Straßen Ramallahs skaten sah. „Ich habe ihn gefragt, ob ich auch mal darf, und bin gleich gestürzt. Am nächsten Tag habe ich mir mein eigenes Skateboard gekauft“, erinnert er sich. „Dann fing auch Aram an. Nach einer Weile hörten wir von Charlie.“ Der Schotte Charlie Davis hatte nach seinem Arabischstudium die Organisation SkatePal gegründet, nachdem er mit Skatekursen in Ramallah auf große Nachfrage gestoßen war. Per Crowdfunding sammelte er 15.000 Pfund, um professionelle Skateparks im Westjordanland zu bauen.

Adham und Aram waren begeistert. Auch sie fingen an, Skatekurse zu geben – seit letztem Sommer dank SkatePal auf einer neuen Minirampe im Hof des Islamischen Zentrums in Ramallah. „Manchmal haben wir bis zu 60 Kinder in unseren Klassen“, staunen sie, „und auf zehn Burschen kommen immerhin zwei Mädchen.“

Nicht überall sind die Bedingungen so gut. In der kleinen Gemeinde Qalqiliya gab es kaum Unterstützung für Sajeds Projekt. „Nach drei Monaten musste ich die Skatehalle wegen der hohen Miete wieder zumachen“, berichtet Sajed. „Aber wir sagten: ‚Wir sind das X-Games-Team – dann gehen wir eben auf die Straße!‘ Die Leuten hielten uns für verrückt, und sogar die Polizei kam.“

Langsam erkämpfte sich das Team die Toleranz seines Umfelds. Aber erst als Sajed durch Zufall an den Filmemacher Adam Abel aus New York geriet, wurde sein Traum von einer Rampe in Qalqiliya wahr. Adam drehte mit seinem Kollegen Mohammed Othman einen Trailer für eine Dokumentation über die X-Games. Daraufhin stellte eine Kunst- und Kulturorganisation aus Dubai Mittel zur Verfügung, und durch die internationale Zusammenarbeit von professionellen SkaterInnen, Adam und Mohammed sowie den Mitgliedern der X-Games entstand eine Rampe aus hochwertigen Materialien. Direkt neben dem örtlichen Zoo lernen die jungen SkaterInnen und Parcours-AkrobatInnen nun das Fliegen. Die Einweihung des neuen Treffpunktes für die X-Games übernahm der Bürgermeister Qalqiliyas persönlich.

Skaten statt Steine. Während Adham demnächst in den USA ein Studium beginnt, will Aram die Szene weiter vorantreiben. Er überlegt, in Ramallah einen Skateshop zu eröffnen. Mit SkatePal soll im Sommer 2015 ein weiterer Skatepark in Nablus entstehen. „SkatePal will in vier bis fünf Jahren überflüssig sein“, erklärt Adham. „Wir, die lokalen Skater, müssen die Szene dann weiterführen.“ Er sieht den Sport als vielversprechende Beschäftigung für die Jugendlichen Palästinas: „Du kannst kreativ sein, tun was du willst. Und den Stress unserer Situation loswerden. Ich würde das Skaten inzwischen jeder politischen Demo vorziehen. Gerade Kinder sollten das auch. Habt Spaß, lasst euch nicht von dem politischen Konflikt vereinnahmen!“ Aram ist anderer Meinung: „Eine Gemeinschaft und Freiräume schaffen ist gut. Aber das kann nicht alles sein. Natürlich bringt es nichts, gegen die Soldaten Steine zu werfen. Aber der Akt an sich ist ein Zeichen, dass wir noch hier sind.“ Es sind Debatten, die die früh politisierten Jugendlichen oft führen. Adhams Antwort: „Wenn die meinen Kickflip sehen, wissen sie auch, dass ich hier bin!“

Mit ihrem Engagement fordern Adham, Aram, Sajed und ihre Freunde nicht nur gesellschaftliche Konventionen heraus, sondern schaffen auch Selbstbewusstsein unter früh belasteten Kindern. Gleichzeitig öffnen die Skateparks neue soziale Räume für die durch den fortschreitenden illegalen israelischen Siedlungsbau immer weiter eingeengten PalästinenserInnen. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von fast 40 Prozent ist das bitter nötig.

Ob sich das Skaten flächenmäßig breit etabliert, ist offen. Unterstützt vom deutschen Verein Skate-Aid wurde in Bethlehem vor kurzem ein weiterer Skatepark fertiggestellt. Gemeinsam mit anderen Kultur- und Freizeitprojekten lässt das Skaten Jugendliche ihre problematische Umwelt aktiv gestalten. Wie Ali Nobani betont: „Kinder sollen selbst entscheiden, sich ausdrücken und ihr Leben genießen können.“

Jan Hennies ist Student und freier Journalist. Zuletzt zog es ihn für drei Monate in die Palästinensischen Gebiete, wo er für das Alternative Information Center und alsharq.de schrieb.

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