Paradies hinter Stacheldraht

Wer hier lebt, ist eher kein Fan der Kirchner-Politik. Wie sich Argentiniens Wohlhabende in geschlossene Wohnviertel vor Armut und Kriminalität zurückziehen, schildert Yvonne A. Kienesberger.

Eines unter vielen geschlossenen Vierteln: „San Jorge Country“ nahe Buenos Aires.© sub.coop

Vor dem kleinen Häuschen staut es sich. Ein Schranken versperrt den Weg und ein Uniformierter kontrolliert die Insassinnen und Insassen aller Autos. Er fragt nach den Namen, dem Grund des Hierseins und bittet um die Ausweise. Dann tätigt er einen Anruf, um die Angaben zu überprüfen. Endlich hebt sich der Balken und das erste Auto kann weiterfahren. Es handelt sich nicht um einen Grenzübergang in ein anderes Land oder um den Zutritt zu einem Gefängnis, sondern um den Besuch in einem „barrio cerrado“ („geschlossenes Viertel“), von denen es in Argentinien immer mehr gibt.

Unter seinesgleichen. Das Leben in den Städten ist vielen zu gefährlich geworden, täglich berichten die Medien von Überfällen und Einbrüchen. Wer es sich leisten kann, zieht in künstlich errichtete Viertel außerhalb der Stadt.

Schon in den 1990er Jahren entstanden rund um Buenos Aires, Córdoba und Rosario sogenannte „Countries“, in denen betuchtere Stadtbürgerinnen und -bürger zunächst ihre Wochenenden und Sommerferien verbrachten. Mitgliedschaften in den exklusiven Clubs wurden als Statussymbol gesehen. Man konnte unter seinesgleichen bleiben und Sportarten wie Tennis, Golf und Polo ausüben.

Das Wort Paradies stammt vom awestischen „pairi-daēza“ ab und bedeutet so viel wie „eingegrenzter Bereich“. Immer mehr wurden „Countries“ im letzten Jahrzehnt zu – in diesem Sinne – paradiesisch anmutenden „barrios cerrados“ umfunktioniert. Man begann, in den streng bewachten Sicherheitsvierteln das ganze Jahr über zu leben und somit der Unsicherheit der Stadtzentren auf immer zu entfliehen. Schulen und Supermärkte wurden eingerichtet, sogar die Sonntagsmessen werden in eigenen Kapellen gelesen. Wer nicht will, muss das Viertel gar nicht mehr verlassen.

Ein eigenes Normensystem regelt das Zusammenleben. Nicht mehr der Staat, sondern die Individuen üben Kontrolle aus und bestimmen über neue Mitgliedschaften, architektonische Vorgaben und sogar über Sanktionen für Straftaten, die von den Bewohnerinnen und Bewohnern selbst verübt wurden.

Sicher vor der Ungleichheit. Die „barrios“ darf nur betreten, wer eine Einladung von einer Bewohnerin oder einem Bewohner vorweisen kann. Tagsüber sind auch Hausangestellte und Gärtnerinnen oder Gärtner in den Vierteln anwesend. Um nicht nach getaner Arbeit in die Stadtzentren zurückkehren zu müssen, siedeln sich viele von ihnen rund um die künstlichen Viertel an. Die einen leben hinter der Mauer, die anderen davor. Der Unterschied im Lebensstandard könnte kaum größer sein.

Große Immobilienfirmen besitzen und verwalten die „barrios“ und machen die Angst ihrer Kundinnen und Kunden zu gutem Geld. Es wird eine individuelle Sicherheit suggeriert. Die soziale Ungleichheit, die zur Gewalt in den Städten geführt hat, wird dadurch auf Dauer aber nur verstärkt.

Yvonne A. Kienesberger ist österreichische Journalistin und Autorin und lebt seit einigen Jahren in Argentinien. www.yvonnekienesberger.com

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