Per Gesetz in Richtung Regenbogen

Von Milena Österreicher · ·
Graffiti von einem queeren Paar in Havanna
Queere Graffitis in den Straßen Havannas © Milena Österreicher

Seit bald zwei Jahren ist ein liberales Familiengesetz in Kuba in Kraft. Die Gleichberechtigung von LGBTIQ+-Menschen im Alltag bzw. im persönlichen Umfeld ist aber noch nicht bei allen angekommen.

2.132 Paare haben es getan: Nachdem die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare im September 2022 in Kuba legalisiert wurde, ließen sie sich im darauffolgenden Jahr trauen. Zuvor hatten sich bei einem Referendum rund zwei Drittel der teilnehmenden Kubaner:innen für eine Änderung der Familiengesetzgebung ausgesprochen, die seit fast einem halben Jahrhundert bestand.

Neben der Legalisierung der Ehe für alle brachte das neue Familiengesetz unter anderem auch mehr Möglichkeiten, häusliche Gewalt zu sanktionieren, mehr Schutz für ältere Menschen und Menschen mit Behinderung sowie die Möglichkeit für gleichgeschlechtliche Paare, ein Kind zu adoptieren.

„Ich habe mit ‚Ja‘ beim Referendum gestimmt“, sagt Victor, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte und in einem Café in der Altstadt von Havanna kellnert. „Ich lebe seit sechs Jahren in einer glücklichen Beziehung mit meinem Freund, irgendwann werden wir auch heiraten wollen“, erzählt er. Dennoch habe er mit Bauchschmerzen seine Stimme abgegeben. Seiner Ansicht nach sollte nicht per Volksentscheid über die gleichen Rechte von Menschen abgestimmt werden.

Bereits 2019 war versucht worden, die gleichgeschlechtliche Ehe in das damalige Verfassungsreferendum aufzunehmen. Doch konservative Kreise, Vertreter:innen der katholischen Kirche sowie evangelikale Bewegungen widersetzten sich damals noch mit Erfolg.

Prominenter Einsatz für LGBTIQ+-Rechte

Queere Menschen wurden in Kuba lange unterdrückt und diskriminiert. In den ersten Jahren nach Beginn der kubanischen Revolution 1959 wurden homosexuelle Kubaner:innen noch in Straflager gesteckt. Das änderte sich im Laufe der Jahrzehnte. 1979 wurden gleichgeschlechtliche Beziehungen schließlich entkriminalisiert.

Dazu trug wohl auch der Einsatz Mariela Castros bei, der Tochter des kubanischen Ex-Präsidenten Raúl Castro. Sie engagiert sich seit über dreißig Jahren für LGBTIQ+-Rechte und ist Direktorin des Nationalen Zentrum für sexuelle Aufklärung (CENESEX). Seit 2013 findet in Havanna die jährliche Pride-Parade statt, Mariela Castro marschiert jedes Jahr ganz vorne mit.

Regierungsposition kontraproduktiv

„Die Unterstützung des Familiengesetzes ist eine Unterstützung für das Land“, betitelte Granma, die offizielle Zeitung der kommunistischen Partei, ein Interview mit Mariela Castro im Mai 2022, in der sie damals für das neue Familiengesetz warb. Doch genau hier lag für manche Kubaner:innen das Problem: Wie sollten sie stimmen, wenn sie für gleiche Rechte für alle, aber nicht (mehr) mit der Führung des Landes durch die kommunistische Partei einverstanden waren?

„Ich bin nicht zum Referendum gegangen“, sagt etwa Leydis (Name von der Redaktion geändert), die in Havanna Psychologie studiert. „Ich sage ‚Ja‘ zu Rechten für LGBTIQ+-Menschen und ‚Nein‘ zur aktuellen kommunistischen Politik“, sagt sie. Auch ihre Freund:innen hätten sich dem Votum enthalten. Sie seien es leid, keine anderen Parteien wählen zu können, wenig Mitbestimmungsmöglichkeiten zu haben und kaum Zukunftsperspektiven im Land zu sehen. Die schlechte wirtschaftliche Lage hat dazu geführt, dass seit 2022
von den rund 11,2 Millionen Kubaner:innen fast eine halbe Million die Karibikinsel verlassen haben.

Gleichberechtigung noch nicht angekommen

„Die gleichgeschlechtliche Ehe ist auf jeden Fall ein Gewinn für uns“, meint Victor, „auch wenn die Gesellschaft immer noch sehr patriarchal denkt und agiert“. Auf der Straße würde er immer noch kaum Hand in Hand mit seinem Partner gehen, nur in bestimmten Clubs in der Hauptstadt könnten sie ausgelassen feiern, seiner Familie habe er seinen Partner erst vor einem Jahr vorgestellt. Er wünscht sich mehr Bewusstseinskampagnen und ein echtes Umdenken in der Gesellschaft. Ob er auf Kuba oder im Ausland heiraten wird, könne er noch nicht sagen. „Was die Zukunft bereithält, weiß man hier nie“, sagt er.

Kuba ist nun eines der neun Länder Lateinamerikas, – neben Argentinien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Ecuador, Kolumbien, Mexiko und Uruguay – das die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare erlaubt. Das Referendum brach offiziell mit der Geschichte der Unterdrückung von LGBTIQ+-Menschen. Dennoch scheint ein Happy End für einige Kubaner:innen wie Victor noch nicht ganz erreicht.

Milena Österreicher ist Chefredakteurin des vierteljährlich erscheinenden MO-Magazins für Menschenrechte. Als freie Journalistin schreibt sie über Feminismus, Menschenrechte und Migration.

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