PERMAKULTUR

Essbare Landschaften

New-Internationalist-Redakteur David Ransom besucht einen Einführungskurs für Permakultur – an einem Ort, wo er am wenigsten danach gesucht hätte. Und er entflammt für sie, nach anfänglicher Verwirrung.

Hügelaufwärts vom Emirates Stadium des Londoner Fußballklubs Arsenal liegt Hornsey Rise. Die in einer leichten Biegung aneinander gereihten Häuser mit ihren roten Ziegelwänden dürften zu den ältesten Dingen in diesem dicht bebauten Innenstadtviertel gehören. Etwas verunsichert überprüfe ich zweimal die Hausnummer. Etwas hält mich davon ab, einfach anzuklopfen und zu fragen: „Die Einführung in die Permakultur, ist das hier?“. Es scheint einfach nicht der richtige Ort zu sein.
Permakultur hat ja offenbar mit Nahrungsmitteln zu tun, zumindest schließe ich das aus dem Wenigen, was ich bisher darüber gelesen habe. Die Art, wie wir sie heute erzeugen, verschlingt rund ein Drittel der nicht erneuerbaren Energie, die wir verbrauchen. Etwa ein Drittel der Nahrungsmittel, die für die Menschen in reichen Ländern produziert werden, schafft es nicht bis in deren Magen, sondern landet im Abfall. Andererseits kann vielleicht ein Drittel der Menschheit sich nicht ganz sicher sein, ob es für sie überhaupt eine nächste Mahlzeit gibt. Die Ernährung ist sicher wichtiger als fast alles andere. Aber aus Hornsey Rise werden auch beim besten Willen nicht viele Nahrungsmittel kommen – es sei denn, es gibt einen geheimen Plan, die Rasenflächen des Emirates Stadium zu bebauen.
Was mich aus meiner Lähmung befreit, ist die Ankunft von Nicole auf ihrem Fahrrad, einer Ärztin aus dem Viertel und Mitarbeiterin von NatureWise 1), der Organisation, die den Kurs veranstaltet. Wir durchqueren das Haus und betreten einen außergewöhnlichen Platz: einen Garten mit Birnen- und Apfelbäumen, gebeutelt von kräftigen Windstößen; mit Teichen, Wegen, Gemüsebeeten, zarten Blüten, die in der morgendlichen Frühlingssonne leuchten; Stille, gedämpfte Stimmen, ein Pressluftbohrer in der Ferne. Dieses Land, so erklärt Marianne, die Hausherrin, war früher einmal für Obstgärten und Glashäuser reserviert worden, um die Stadt weiter unten mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Dass es den Ansturm des städtischen Wohnbaus überstand, war einigen alten Gesetzesbestimmungen zu verdanken.

Der versteckte Garten beherbergt eine Art Chalet, wo sich die übrigen KursteilnehmerInnen zusammendrängen. Der Kurs ist ausgebucht – Permakultur scheint in Mode zu sein. Das Vorstellen erfolgt paarweise mit den jeweiligen Nachbarn. Neben mir sitzt Kate von NatureWise, die Organisatorin des Kurses, ein „geselliger Mensch“, ihre Eltern „alte Hippies“ und Indienreisende, für die Wiederverwertung zum Alltag gehörte. Kate machte eine Ausbildung als Graphikerin, fand aber an Büros und der Maus keinen Gefallen und wandte sich dem „Design mit Pflanzen“ und Dokumentarfilmen zu. Sie stellt mich der Gruppe vor und erklärt, was ich vorhabe; da ich keine offensichtlichen Zeichen von Widerwillen entdecke, lasse ich es darauf beruhen.
Ich würde sagen, wir sind im Schnitt weniger als halb so alt wie ich: eine Frau aus Deutschland, ein spanischer Therapeut, eine australische Köchin und ihr Partner, ein Florist, eine polnische Kellnerin, eine praktische Ärztin mit ihrem US-amerikanischen Partner, ein Südafrikaner, der behauptet, eine Zeit lang in einer Lehmhütte gelebt zu haben. Aus England kommen nur eine Lehrerin, ein experimenteller Musiker, ein Handpuppenspieler und meine Wenigkeit.

Unsere Lehrer sind Mark, der viel von Landwirtschaft versteht, aber in West London wohnt, und Graham, der an der ostenglischen Küste lebt. Mark stellt ihn als jemanden vor, der einmal beinahe gegen alles war, was man sich vorstellen kann. Ich kann ihn verstehen.
Zur Arbeit: Was also ist Permakultur? Nun, wenn man 100 Leute fragt, die sich damit auskennen, wird man wahrscheinlich 100 verschiedene Antworten erhalten, meint Mark. Es gehe eher um eine bestimmte Art des Beobachtens, Denkens, Gestaltens. Geschätzt werde gesunder Menschenverstand und Einfallsreichtum. Man brauche dazu weder Land noch Geld – fast jeder und jede könne sie fast überall anwenden, angefangen damit, was man gerade vor der Nase habe. Am Anfang stehe aber eine Ethik – und die macht Permakultur zu etwas Besonderem, wie ich erfahre.

Als nächstes kommen die „Grundsätze“:
> Mit der Natur arbeiten, nicht gegen sie; von der Natur lernen
alles in der Natur „gärtnert“ – Beispiel: Hirsche in einem Wald kultivieren essbare Triebe, indem sie sie „beschneiden“
> minimaler Aufwand, maximaler Effekt – perfektioniert, scheinbar, von einem japanischen Bauern [Anm. d. Red.: Masanobu Fukuoka]
> das Problem ist die Lösung – Beispiel: Disteln auf Weiden, die vom Vieh nicht gefressen werden, sind gut für die Fruchtbarkeit und Beschaffenheit des Bodens
> es gibt keine theoretische Grenze für den Ertrag – nur die Vorstellungskraft des Gestalters.
Vielfalt der Elemente und der Funktionen – ein einfaches Glashaus dient nicht nur dazu, Pflanzen zu ziehen: es verlängert die Wachstumsperiode, sammelt mit seinem Dach Regenwasser, reflektiert Sonnenlicht …
Permakultur ist das, was herauskommt, wenn man die Ethik mit den Grundsätzen kombiniert, meint Mark. Was mich daran aber wirklich fasziniert: Man beginnt, indem man einfach nichts tut. Wir begeben uns in den Garten, um zu beobachten.
Ethik, Grundsätze – und nun „Prozess“ oder „Gestaltung“. Bei der Permakultur kommt eine verwirrende Vielfalt von Methoden zur Anwendung. Etwa „SADIM“, kurz für „Survey, Assess, Design, Implement, Maintain“ – beobachten, bewerten, gestalten, umsetzen, erhalten. Eigentlich wird die Kombination aus „Perma“ und „Kultur“ umgekehrt. Da man zu einem permanenten, nachhaltigen Ergebnis gelangen will, fängt man damit an, die Grenzen, Ressourcen, Möglichkeiten (die „Kultur“) der lokalen Umgebung zu begreifen. Wenn man bis zum „Maintain“, zum Erhalten gekommen ist, muss immer wieder neu bewertet und neu gestaltet werden, damit alles auch nachhaltig bleibt. Es ist also ständig etwas zu tun. Nun, auch die Natur ruht ja niemals.

Wir kommen zu den einzelnen „Zonen“:
> Zone 0 ist das eigene Haus.
> Zone 1 ist der Hausgarten oder die unmittelbare Umgebung, der man die meiste Aufmerksamkeit widmen muss.
> Zone 2 sind die Gärten, die nicht so viel Pflege brauchen, etwa Obstgärten.
> Zone 3 ist Ackerland.
> Zone 4 ist Weideland und Wald.
> Zone 5 ist unberührte Natur.

Diese Zonen unterscheiden sich nach dem Verhältnis zwischen menschlichem Energieaufwand und dem Land. Es geht darum, durch intelligente Gestaltung die menschliche Energie maximal zu nutzen, die Plagerei zu minimieren, die mit üblichen Varianten der bäuerlichen Landwirtschaft verbunden ist – essbare Landschaften zu produzieren. Zum „Zonieren“ gehört auch die Berücksichtigung äußerer Einflüsse: Wind, Sonnenlicht, Wasserströme, Schadstoffe, Nachbarn, allgemeine Lage. Dann kommt die Berücksichtigung der vertikalen Gestalt des Landes, also wo man was platziert, etwa um die Schwerkraft zur Verringerung des Energieaufwands zu nutzen.
All das zusammen erzeugt einige Verwirrung, zumindest bei mir. Warum ist alles nie so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht? Wir versuchen, Pölster als Hügel zu verwenden; darüber liegende Stoffstückchen, um Wasser, Weideland, Wald oder unberührte Natur darzustellen; Spielkarten für Häuser, Ställe, Teiche oder Glashäuser; Schnüre, um unsere „Zonen“ abzugrenzen. In Kleingruppen teilt man uns fiktive Landflächen zu, die wir mit dornigen Zweigen, Autoreifen, Holzstücken und einem alten Rasenmäher bearbeiten. So richtig gelingt es nicht. Drei von uns, die auf verschiedenen Kontinenten aufgewachsen sind, können sich nicht einmal darauf einigen, wie sich die Sonne über den Himmel bewegt.

Aber schön langsam dämmert es uns, worin die Idee besteht. Nach zwei Tagen haben wir Zwiebeln gepflanzt, Tomaten ausgesät, Furchen für Bohnen gezogen und einen Komposthaufen angelegt – mitten in London. Wir haben ein Video über den gefeierten „Waldgarten“ von Robert Hart 2) an der walisischen Grenze gesehen (inspiriert von Gandhi, japanischem Gartenbau, einem Bruder mit Behinderungen und sozialer Gerechtigkeit), ein anderes über ein Paar mit einem winzigen Stück Land in der Vorstadt, das jedes Jahr 100 Kilo Produkte erntet und dafür bloß zwei Stunden pro Woche aufwendet. Wir haben Tee aus konventioneller Produktion, Fair-Trade-Tee und Zitronenmelisse miteinander verglichen, wobei Marianne es schafft, Skepsis gegenüber dem Fair-Trade-Tee auszuräumen – sie kennt die ProduzentInnen in Indien persönlich. Wir sind den Hügel hinunter zum Spielplatz eines Kindergartens gewandert, der in eine Baumschule verwandelt wurde.
Die meisten von uns scheinen Feuer gefangen zu haben und weit mehr über Permakultur lernen zu wollen.

Copyright New Internationalist

1) www.naturewise.co.uk
2) Siehe u.a. www.risc.org.uk/garden/roberthart.html

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