Perspektivenwechsel

Sind die MDGs eine Erfolgsgeschichte? Haben sie die richtigen Themen angesprochen?
Was soll nach 2015 auf der Agenda stehen? Drei Persönlichkeiten mit internationaler
Erfahrung geben Antworten.

Das Wissen der Menschen

Der wahrscheinlich größte Erfolg der MDGs liegt in der Kommunikation der wichtigsten sozialen und ökonomischen Probleme. Die MDGs waren extrem erfolgreich darin, die Welt zum Eingeständnis dieser Probleme zu bringen, und zum Bekenntnis, sich ihrer annehmen zu wollen. Gleichzeitig führen gute Absichten nicht immer zu Taten, was bei den MDGs der Fall war. Trotz vieler Reden hat die Welt nur in manchen Bereichen Fortschritte gemacht. In Asien, das für seinen raschen Fortschritt gepriesen wird, leben immer noch hunderte Millionen Menschen in extremer Armut. Lateinamerika, die Schwellenländer, der Mittlere Osten und Nordafrika haben langsame oder gar keine Fortschritte gemacht. Die Verbesserungen in Afrika sind mehr auf wirtschaftliches Wachstum zurückzuführen als auf einen Effekt der MDGs. In den USA ist die Armut heute schlimmer als vor dem Beschluss der MDGs, auch Europa wurde von der Krise hart getroffen.

Abgesehen von viel Publicity haben die MDGs nicht viel erreicht. Die MDGs haben versucht zu artikulieren, was auf der Welt schief läuft. Sie haben es nicht geschafft, starke, von Menschen getragene Strategien für diese Herausforderungen zu finden.

Die Erreichung der Ziele hing von der Großzügigkeit der wohlhabenden Länder gegenüber den armen ab. Das betraf sowohl Materielles als auch Ideen, Willenskraft und andere Erfordernisse einer nachhaltigen Veränderung. Die MDGs, vielleicht unabsichtlich, dienten dazu, Abhängigkeiten zu zementieren und Kreativität und Innovation in Entwicklungsländern, meistens in Subsahara-Afrika, zu ersticken. Das war ihre größte Schwäche.

Ab 2015 sollten Innovation und Kreativität, die von den Menschen kommen, im Mittelpunkt stehen. Innovationen im Gesundheitsbereich zum Beispiel, die auf indigenem Wissen beruhen, können Probleme lösen, für die der Westen keine Antworten hat. Indigene Landwirtschaft kann – mit institutioneller Unterstützung – Hunger bekämpfen. Die Liste lässt sich lange fortsetzen. Es geht darum, das Potenzial der Menschen zu entfalten, mit Konzepten, die von ihnen kommen und die sie für wichtig halten.

Die Welt muss das Wissen für sozialen, politischen und wirtschaftlichen Fortschritt herausfiltern und respektieren. Viele Menschen und Gemeinschaften haben das Wissen, um voranzukommen, sie brauchen höchsten ein paar Anleihen aus anderen Kulturen für den „Feinschliff“. Die Welt verlässt sich derzeit auf westliches Wissen und entwickelte Nationen als einzige Anbieter des einzig gültigen und akzeptablen Entwicklungswegs. Ein neuer Zielkatalog sollte auf einem „Sowohl- als-auch“-Weltbild und nicht auf einem „Entweder-Oder“ beruhen. Westliches Wissen sollte genau so wie anderes Wissen und andere Perspektiven ausprobiert werden. So kann jede Gemeinschaft, jedes Land einen einzigartigen und so dringend gebrauchten Beitrag zum globalen Fortschritt leisten.

Chika Ezeanya, geboren in Nigeria, ist Wissenschaftlerin, Autorin und Bloggerin. www.chikaforafrica.com

 

Globale Anti-Armuts-Initiative

Für mich sind die MDGs eine Erfolgsgeschichte. Sie waren wahrscheinlich die erste und umfassendste globale Anti-Armuts-Initiative in der Geschichte. Die MDGs haben wachgerüttelt und mobilisiert, und den politischen und finanziellen Fokus auf die wichtigsten Bereiche menschlicher Entwicklung gelegt. Sie haben geholfen, Entwicklungsthemen auf der globalen Agenda nach oben zu reihen. Viele EntscheidungsträgerInnen, vor allem Staats- und Regierungschefs, werden nach ihren Anstrengungen, die MDGs zu erreichen, beurteilt. Die MDGs sorgen für bessere Messbarkeit und Rechenschaftspflicht und liefern die Basis für kollektives Handeln: Die „Every Woman Every Child“-Bewegung, vom UN-Generalsekretär gestartet, ist nur ein Beispiel für die Zusammenarbeit von mehr als 300 Organisationen, um den Fortschritt bei den Gesundheits-MDGs (MDG 4, MDG 5 und MDG 6) voranzutreiben. Die jüngsten UN-Berichte zu den MDGs zeigen große Fortschritte. MDG 1 und MDG 7 wurden bereits fünf Jahre vor der Frist erreicht. Obwohl wir 2015 nicht alle MDGs erreichen werden und die Resultate sehr unterschiedlich sind, zeigen sie die Kraft gemeinsamer Anstrengungen für Entwicklung. Das ist eine sehr gute Basis für neue globale Ziele.

Die MDGs fokussierten auf menschliche Entwicklung (Gesundheit, Bildung, Zugang zu Ernährung, zu Einkommen etc.). Bei der Implementierung zeigten sich dann erste Schwächen: Die MDGs haben Fortschritte bewirkt, aber diese werden von wachsender Ungleichheit innerhalb und zwischen den Ländern geschmälert. Leute, denen es vorher schon schlechter ging – z.B. ethnische und religiöse Minderheiten, Frauen und Mädchen – bleiben zurück. Die menschliche Fähigkeit zur Weiterentwicklung wird nicht nur von uns selbst bestimmt, sondern auch von den Rahmenbedingungen: Zugang zu Arbeit und Einkommen, Landeigentum, Rechten, der Qualität von Dienstleistungen, Frieden und Sicherheit etc. Die Erfahrung mit den MDGs zeigt, dass es nicht reicht, auf Fortschritt zu setzen. Es braucht einen integrierten Zugang, der soziales und inklusives Wirtschaftswachstum beinhaltet und vor allem auch den Schutz der Umwelt ernst nimmt.

Die neue Entwicklungsagenda sollte sich zunächst auf die MDGs beziehen und sicherstellen, dass sie erreicht werden. Dann sollten die Wurzeln von Armut, nicht nur ihre Symptome bekämpft werden. Schlussendlich sollte Post-2015 vor allem auf die Stärken von Frauen und Jugendlichen setzen und sich das Potenzial von Innovationen und Partnerschaften zwischen verschiedenen AkteurInnen zunutze machen, um die Ziele zu erreichen. Wir haben eine erstaunliche Chance, das Schicksal von Menschen und Gemeinschaften zu verbessern, überall auf der Welt.

Susana Edjang, geboren in Äquatorialguinea, ist Yale World Fellow 2014.

 

Der gleiche Fehler?

Es ist noch ein langer Weg, bis die finale Agenda im September 2015 beschlossen wird.
Viele fordern, dass der Post-2015-Rahmen auf Menschenrechten und den universellen Werten von Gleichheit, Gerechtigkeit und Sicherheit aufbauen soll. In der Praxis würden diese Worte viele Leben verändern: die der Frauen im ländlichen Nepal, die aufgrund von Diskriminierung und fehlendem Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen an einer Gebärmuttersenkung leiden. Die der Menschen in der Demokratischen Republik Kongo, die seit Jahrzehnten unter einem Konflikt um Ressourcen leiden. Die der Zehntausenden Roma in Europa, die jedes Jahr aus ihrem Zuhause vertrieben werden und deren Kinder in separaten Schulen eine schlechtere Bildung erhalten.

Als ehemaliger Direktor der UN-Millenniumskampagne kenne ich die Herausforderungen der Zukunft nur zu gut. Die MDGs haben mit ihrem vereinheitlichten Set an Entwicklungszielen einiges vollbracht. Staaten, die vorher kein Engagement gezeigt haben, haben plötzlich versucht, schneller als ihre Nachbarn die Ziele zu erreichen.

Gleichzeitig haben die MDGs darin versagt, den Schutz und die Förderung der Menschenrechte zu verinnerlichen. Die Leute, die sie am nötigsten gebraucht hätten, haben keine Unterstützung bekommen: die vielen Menschen, die marginalisiert von der Gesellschaft leben müssen und denen ihre Regierungen täglich ihre Menschenrechte vorenthalten.

Durch die Vernachlässigung der Menschenrechte waren die Ziele schwächer als sie hätten sein können. Ein gutes Beispiel dafür war das Unterziel des MDG 7, die „Verbesserung der Leben von 100 Millionen Slumbewohnern“. Viele wurden dadurch einem größeren Risiko von Zwangsumsiedlungen ausgesetzt, weil die Regierungen mehr darauf konzentriert sind, die Ziele einzuhalten, als sich um die international gültigen menschenrechtlichen Bestimmungen zu kümmern.

Um dort Erfolg zu haben, wo es die MDGs nicht konnten, muss die Post-2015-Agenda in all ihre Ziele Menschenrechte integrieren. Man muss diejenigen befragen, die am meisten betroffen sein werden. Regierungen müssen ihre Verantwortung wahrnehmen und die Bevölkerung über die Verpflichtung, die sie eingegangen sind, informieren. Denn wie sollen Menschen ihre Rechte einfordern, wenn sie sie nicht kennen?

Es braucht effektive Systeme zur Messung und Evaluierung von menschenrechtlichen Zielen, die Einzelpersonen ermöglichen, Rechenschaft von ihren Staaten zu fordern; gleichzeitig müssen die Staaten dabei unterstützt werden, ihre Leistung zu messen und zu verbessern. Wenn die Menschen ihre Rechte kennen und die Werkzeuge haben, ihre Verwirklichung zu messen, dann brauchen sie auch noch Zugang zur Gerechtigkeit/Gerichtsbarkeit, falls die Staaten ihre Pflichten nicht erfüllen.

Die existierenden menschenrechtlichen Verträge bieten detaillierte Leitlinien dazu, was von den unterzeichnenden Staaten in den jeweiligen Bereichen erwartet wird: Bekämpfung von Ungleichheit, Gewährleistung des Rechts auf Nahrung, Bildung, Gesundheit und andere fundamentale Rechte sowie entscheidende partizipative Rechte wie Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit oder Versammlungsfreiheit.

„Die letzten Meter“ Entwicklungsherausforderung, um echte Veränderung zu bewirken, wo sie am dringendsten benötigt werden, können nur durch die Anerkennung der fundamentalen Rolle der Menschenrechte gelingen. Man darf es Staaten nicht mehr länger ermöglichen, sich vor den Verpflichtungen zu drücken, denen sie vor 60 Jahren mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zugestimmt haben.

Salil Shetty, geboren in Indien, ist Generalsekretär von Amnesty International. Der Originaltext erschien in der britischen Zeitung „The Guardian“.

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