Pionier auf Recyclingmission

Von Knut Henkel, Honduras ·
© Knut Henkel

George Gatlin heißt der innovative Inhaber eines Recyclingunternehmens aus dem honduranischen San Pedro Sula. Solarpanele auf dem Dach sorgen für günstige Energie, faire Löhne für eine motivierte Belegschaft.

Kaum ein Tag vergeht, an dem George Gatlin nicht am frühen Morgen aus dem Fenster seines Büros auf die Fahrzeugen blickt, die sich langsam der Schranke zum Werksgelände nähern. Fast schon kunstvoll aufgeschichtet, mit Seilen gesichert und sorgsam austariert türmen sich Dosen, Plastikflaschen, Altpapier und Altmetall auf den zahlreichen Pick-ups.

Für den 47-jährigen Unternehmer mit den buschigen Augenbrauen und der  gepflegten Glatze ein gern gesehenes Bild. „Da rollen Rohstoffe. Wir sortieren, exportieren und verarbeiten sie gleich hier“, sagt er mit einem optimistischen Lächeln.

Gatlin ist ein Selfmade-Mann. Vor 27 Jahren hat er das innovativste Recyclingunternehmen der Region gegründet: Invema heißt es und liegt im Industriegebiet von San Pedro Sula, der zweitgrößten Stadt und dem kommerziellen Zentrum von Honduras im Nordwesten des Landes.

Big Player. Mit 445 Angestellten und mehr als 14.000 Lieferanten ist es ein Big Player in der Region. „In Honduras werden nun rund 84 Prozent aller Pet-Plastikflaschen, Alu-Dosen und selbst Joghurtbecher gesammelt. Wir haben Fortschritte gemacht“, sagt der in Honduras aufgewachsene Sohn eines US-amerikanischen Holzhändlers, mit stolzer Stimme. Dann weist er den Weg aus dem Büro über das Werksgelände zu den Produktionshallen.

Unterwegs kommt Gatlin kaum aus dem Grüßen heraus. Etliche der Lieferanten kennt der Familienvater, dessen ältester Sohn Andrew auch bei Invema arbeitet, noch aus den 1990er Jahren. Da klapperte er mit dem LKW die Dörfer im Hinterland von San Pedro Sula nach Aludosen und Pet-Flaschen ab.

Der Tipp eines Kommilitonen, auf Recycling zu setzen, hatte ihn auf die Idee gebracht. „Das habe ich nie bereut“, schmunzelt Gatlin und deutet auf den hypermodernen Maschinenpark in einer der Produktionshallen.

Neue, transparente, grau schimmernde Plastikfolie gleitet aus einer Anlage und wird direkt auf eine Spule gerollt. Logos von deutschen und österreichischen Herstellern prägen das Ambiente.

Bewusst hat Gatlin in modernste Recycling-Technologie investiert: auf den Dächern der Hallen schimmern Solarpanele im Licht der gleißenden Sonne. Die senken die Kosten, genauso wie die Wassertanks, die sich unter den Hallen befinden. Das aufgefangene Regenwasser wird zur Reinigung der Kunststoff-Flaschen genutzt.

Bei Invema wird mit niedrigen Margen kalkuliert und nachhaltig investiert. „Wiederverwertung ist nicht nur die Formel für unsere gemeinsame Zukunft, sondern auch eine Jobmaschine – nicht nur in Honduras“, erklärt Gatlin seine Sicht der Dinge. An jedem seiner Lieferanten hängen bis zu vierzig weitere Kleinlieferanten, die von Sammeln, Sortieren und dem Verkauf von Wertstoffen leben. Deshalb fühlt er sich verantwortlich und ist ständig auf der Suche nach neuen Optionen.

Die Krise managen. Zu Beginn der Pandemie im März 2020 etwa war Business as usual nicht möglich: Gatlin kam auf die Idee, Gesichtsvisiere aus Plastik zu produzieren. Die Maschinen gaben das her und nicht nur in Honduras waren Masken damals Mangelware. „Das hat uns eine Sondergenehmigung beschert, wir durften trotz Lockdown weiterarbeiten und mussten nur wenige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen entlassen“, erinnert sich Gatlin.

Knapp achtzig der 445 Köpfe starken Belegschaft waren es, und längst sind die Frauen und Männer bei Invema wieder im Einsatz.

Die Firma bezahle fair, erklärt Mitarbeiter Moinar Pérez: „Der Einstiegslohn liegt bei umgerechnet 400 US-Dollar, deutlich mehr als der Mindestlohn in Honduras von 300 US-Dollar.“

Kein Zufall, denn Gatlin setzt auf eine engagierte und motivierte Belegschaft. Mitte 2021 will er den neuen Werkskindergarten eröffnen.

Knut Henkel ist Politikwissenschaftler und freiberuflicher Journalist mit Schwerpunkt Entwicklungspolitik.

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