Plackerei in der Plantage

In der Dominikanischen Republik boomt die Bananen-Produktion – dank Arbeitskräften aus dem benachbarten Haiti. Stefano Liberti machte einen Lokalaugenschein.

Harte Arbeit, kleiner Lohn: Die prekäre Situation der Plantagen-ArbeiterInnen macht sie erpressbar.© Eros Sana - OEIL Collective

"Wir schicken fast unsere ganze Produktion nach Europa“, erläutert Domingo Lopez, während er seinen Blick über die Landschaft schweifen lässt und die verschiedenen Phasen des Bananenbooms in der Dominikanischen Republik rekapituliert. „Jedes Jahr wachsen wir ein bisschen. Wir sind zwar im Vergleich zu den traditionellen Produktionsländern noch immer klein, aber wir haben uns im weltweiten Bananenhandel etabliert.“ Bis Mitte der 1990er Jahre gab es hier keine Produktion. Heute exportiert der Karibikstaat jährlich 350.000 Tonnen Bananen. Die Entwicklung dieses Markts ist für die Regionen Valverde und Monte Cristi im Nordwesten des Landes, wo sich der Bananenanbau konzentriert, eine große Chance. „Schauen Sie sich um hier“, sagt Lopez begeistert. „Diese Plantagen generieren Wohlstand. Die Erde ist fruchtbar. Die Früchte sind schön. Und wir haben eine gute Einkommensquelle gefunden.“

Lopez ist stellvertretender Vorsitzender von Banelino, einer Kooperative von 140 KleinbäuerInnen, die vor allem Bio-Bananen erzeugen. Die Früchte aus seiner Plantage, ebenso wie die der anderen Mitglieder der Kooperative, werden in Container verfrachtet und in europäischen Supermärkten verkauft, nach einer fast 8.000 km langen Reise über den Ozean. Ihren Absatzmarkt verdanken die BäuerInnen von Banelino ihrem Verzicht auf Pestizide – ihre bio-zertifizierten Bananen decken die wachsende Nachfrage nach Bio-Produkten in der Europäischen Union.

Umstieg auf Bio. Nicht nur kleine Produzenten, auch große Unternehmen in der Dominikanischen Republik sind in den Bio-Anbau eingestiegen. „Vor zehn Jahren haben wir konventionell angebaut. Dann haben wir uns auf biologischen Anbau konzentriert“, erzählt Marino Trastullo, Geschäftsführer von Plantaciones del Norte, einem italienischen Unternehmen, das auch im Bananenexport tätig ist. „Wir haben buchstäblich ganz von vorne begonnen. Wir wussten nicht, wie diese Art von Anbau funktioniert. Aber es hat sich ausgezahlt.“

Heute stammen schätzungsweise 70 Prozent der Bananenproduktion des Landes aus zertifiziert biologischem Anbau, die Branche verzeichnet ein rasches Wachstum. Die Dominikanische Republik ist zum größten Bio-Bananenproduzenten der Welt aufgestiegen, mit einem Marktanteil von mehr als 55 Prozent.

Nach offiziellen Angaben exportiert das Land derzeit Bananen im Wert von jährlich 440 Mio. US-Dollar, über 30.000 Menschen sind direkt im Bananensektor beschäftigt, dazu kommen noch tausende indirekte Arbeitsplätze.

Dieser Boom verdankt sich jedoch nicht zuletzt einer entscheidenden Voraussetzung: der Verfügbarkeit von Arbeitskräften aus dem benachbarten Haiti, die bereit sind, für ein paar Euro am Tag zu arbeiten. Sie leisten den Großteil der Arbeit, ebenso in den Pflanzungen der KleinbäuerInnen wie auf den großen Plantagen. Im Schnitt verdienen sie 7.000 Pesos monatlich, zum Zeitpunkt der Recherche rund 140 Euro.

Zwischen Plantagen und Baracken. Viele von ihnen leben in den so genannten „bateyes“, Barackensiedlungen, die auf die Zeit des Zuckerrohrbooms in den 1930er Jahren zurückgehen. Nach dem Kollaps der Zuckerproduktion verwandelten sich diese „bateyes“ in Unterkünfte der BananenarbeiterInnen, die in ebenso prekären Verhältnissen leben und ebenso erpressbar und austauschbar sind wie die Zuckerrohrschneider zuvor.

Der Mangel an Perspektiven in Haiti, einem Land, das sich ständig am Rande des Zusammenbruchs befindet, sichert der Dominikanischen Republik Zugang zu einem unerschöpflichen Reservoir an Arbeitskräften. Zusätzlich zu jenen, die schon jahrelang in der Dominikanischen Republik leben, kommen und gehen täglich Dutzende Landarbeiter illegal über die Grenze, bereit, jede Art von Arbeit anzunehmen. Die grenznahen Bananenplantagen nehmen sie gerne auf.

„Die gesamte Bananenproduktion beruht auf der unterbezahlten Arbeit meiner Landsleute“, so Diohny Desanges, Präsident der Vereinigung haitianischer Arbeiter, die sich als Gewerkschaft betrachtet. „Mindestens 80 Prozent der Landarbeiter sind Haitianer. Sie werden ausgebeutet, bekommen weit weniger Lohn als sie sollten und haben kaum Chancen, ihre Rechte einzufordern“, erklärt Desanges. „Das Problem ist, dass wir weder von der Regierung noch von den Betrieben anerkannt sind. Selbst als Gewerkschaft müssen wir im Verborgenen agieren, ständig in Furcht vor Repressalien.“ Desanges berät seine Landsleute, versucht, sie über ihre Rechte zu informieren und besucht sie regelmäßig in ihren „bateyes“.

Auf seiner Besuchstour führt er uns in eine der „überfülltesten“ Siedlungen der Region. Der „batey 3“ von Boca de Mao besteht aus einigen schmutzigen und übelriechenden Straßen, gesäumt von schlammigen Rinnsalen und dicht aneinandergedrängten Holz- und Wellblechhütten, ab und zu unterbrochen von kleinen Geschäften für Dinge des täglichen Bedarfs.

Es ist Sonntag Nachmittag, und in der Siedlung herrscht Hochbetrieb. Gabriel Saintilma trägt ein frisch gebügeltes Hemd, eine Weste und Sonnenbrillen, die er nie abnimmt, selbst als wir uns mit ihm in einer der Hütten unterhalten.

Gabriel kam als Siebenjähriger mit seinem Vater in die Dominikanische Republik und begann gleich auf den Feldern zu arbeiten. Als sein Vater starb, nahm sich eine Nachbarsfamilie seiner an und zog ihn auf. Heute arbeitet er in einer nahegelegenen Plantage, wohin er jeden Morgen mit dem Fahrrad fährt. Er verdient 280 Pesos, etwas mehr als fünf Euro, für acht Stunden Arbeit pro Tag. Einen Teil der rund 7.000 Pesos (140 Euro), die er jeden Monat verdient, schickt er seiner Mutter und seiner jüngeren Schwester, die in Haiti geblieben sind. Ab und zu besucht er sie auch. Er lebt nun schon zwölf Jahre in der Dominikanischen Republik, ist aber noch immer Ausländer. Mehrere Jahre lang hatte er keinerlei Aufenthaltsdokumente, und erst vor kurzem konnte er seinen Aufenthalt im Rahmen eines offiziellen Angebots legalisieren.

Gabriel lebt in einer Holzhütte ohne festen Boden; das Mobiliar beschränkt sich auf eine Matratze und einen Tisch, auf dem sich eine Bibel und ein Englischlehrbuch für einen Kurs befinden, den er Sonntag vormittags besucht, an seinem einzigen arbeitsfreien Tag.

Bescheidenes Leben. Anfangs schämt er sich, uns seine Behausung zu zeigen, und zieht es vor, sich mit uns im Zuhause seiner zweiten Familie zu unterhalten, einer der bestausgestatteten Hütten der Siedlung. Wir sitzen im Dunkeln, in einem Raum mit einem großen Fernseher, einem Schrank voller Fotos und einem Sofa. Eine Holzwand trennt den Raum von der Küche. Es gibt Fließwasser, aber Strom nur sporadisch – von 13 bis 16 Uhr sowie zwischen 20 Uhr abends und 8 Uhr morgens wird der ganze „batey“ vom Netz abgehängt.

Sein „Adoptivvater“ Daniel Bera, ein Dominikaner in den 50ern mit einem stets freundlichen Lächeln im Gesicht, arbeitet ebenfalls in den Pflanzungen: „Aber ich bin eine Ausnahme. Diese Arbeit machen eigentlich nur Haitianer.“ Daniel ist ein interner Migrant; er stammt aus einer anderen Region des Landes und zog hierher, nachdem er seine Frau kennengelernt hatte. Auf den Bananenplantagen arbeitet er nun schon mehrere Jahrzehnte. Er verdient ebenso viel wie Gabriel, 280 Pesos am Tag. Über die Arbeit beklagt er sich nicht, „aber sie ist zu schlecht bezahlt“. Ebenso wie sein Adoptivsohn Gabriel weiß er auch nicht, wo die von ihm geernteten Bananen landen: „Sie werden irgendwo in Europa verkauft.“ Er weiß bloß, dass seine Arbeit unterbezahlt ist, dass er deshalb nicht in Würde leben kann.

Die BananenarbeiterInnen sind, trotz vieler Schwierigkeiten, bereits dabei, gewerkschaftsähnliche Organisationen aufzubauen, um Lohnerhöhungen durchsetzen zu können. Einige von ihnen profitieren seit einiger Zeit vom Fairtrade-Handel: Das Netzwerk zahlt zertifizierten Produzenten für jede Kiste Bananen (rd. 18 kg) zusätzlich zum Verkaufspreis eine Prämie von einem US-Dollar, die grundsätzlich für Sozial- und Gesundheitsprojekte zu verwenden ist – zum Teil darf sie auch direkt ausbezahlt werden.

Fairtrade im Kommen. Auch der Export von Fairtrade-zertifizierten Bananen hat zugenommen, ebenfalls dank der wachsenden Nachfrage in Europa. Heute sind rund 40 Prozent der dominikanischen Bananen Fairtrade-zertifiziert, auch die Produktion der Kooperative Banelino.

Die Fairtrade-Prämien können als Versuch betrachtet werden, die systemischen Verzerrungen zu korrigieren; als ein Mittel, das die schwere Arbeit auf den Plantagen etwas erträglicher macht. Aber ein Widerspruch bleibt: Inwieweit kann von einem „fairen“ Handel gesprochen werden, wenn die Bananenpflücker fünf Euro täglich erhalten, was weit unter dem dominikanischen Durchschnittslohn liegt und sie zwingt, unter dem Existenzminimum zu leben?

Unternehmen, die den Fairtrade-Standards entsprechend produzieren lassen, sind sich des Problems durchaus bewusst. „Wir haben es kürzlich geschafft, die Löhne zu erhöhen“, erklärt Marike de Peña. Sie ist Geschäftsführerin der Kooperative Banelino und vertritt im Fairtrade-System als Vorsitzende der lateinamerikanischen Produzentenorganisation CLAC gleichzeitig die Interessen der Kleinbauern und Kleinbäuerinnen am Kontinent: „Die Prämie hilft dabei, Positives in Gang zu setzen, etwa was den Zugang zu Bildung betrifft. Aber wir haben ein anderes Ziel: Wir wollen eine angemessene Entlohnung, und das ist etwas anderes als das Existenzminimum.“ Der gesetzliche Mindestlohn beträgt 267 Pesos pro Tag (rund 5  Euro).

Dumpingpreise. Warum kann man den PlantagenarbeiterInnen nicht mehr bezahlen? „Das Problem besteht am Ende der Wertschöpfungskette“, erklärt Alistair Smith, Gründer von Banana Link, einer NGO, die sich für eine nachhaltige Produktion tropischer Früchte einsetzt. „In den letzten Jahren ist der Einkaufspreis von Bananen gefallen, auch wegen der Konzentration auf der Nachfrageseite. Die großen Einzelhandelsketten betrachten die tropische Frucht als Lockware, die möglichst billig verkauft werden muss.“ Die Ketten müssten daran gar nichts verdienen.

Im Vereinigten Königreich etwa, dem größten Absatzmarkt für bio- und Fairtrade-zertifizierte Bananen aus der Dominikanischen Republik, haben sich Supermärkte in den letzten Jahren einen Preiskrieg bei Bananen geliefert, um sich gegenseitig die Kunden abzujagen.

Smith von Banana Link zum Dumping bei Bananen: „Indem sie Bananen zu ungewöhnlich niedrigen Preisen anbieten, erzeugen die großen Einzelhändler bei den Verbrauchern einen falschen Eindruck“, kritisiert er. „Zu diesen Preisen gibt es nur wenig Spielraum, um die Lage der kleinen Produzenten und der Arbeiter zu verbessern – und das gilt auch für die Umweltbedingungen, für eine tatsächlich nachhaltige Produktion.“

Die hohe Verfügbarkeit billiger Arbeitskräfte macht es möglich, billig zu produzieren. Der geringe Preis, den VerbraucherInnen bezahlen, verschärft wiederum die Ausbeutung. 

Stefano Liberti ist ein mehrfach ausgezeichneter italienischer Journalist, Autor und Filmemacher. Die Reportage entstand 2017 im Rahmen einer Recherchereise der Kampagne „Make Fruit Fair“.

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