Politik geht durch den Magen

Ungleiche Verteilung und globale Ungerechtigkeit treten im Ernährungssystem besonders krass zu Tage. Doch Ernährungssicherheit ist für Arm und Reich die Zukunftsfrage.

Von Irmgard Kirchner

Rechtsextremer Massenmord in Norwegen, Unruhen in Großbritannien, die nicht enden wollende so genannte Finanzkrise … Da bleibt wenig Medieninteresse für die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika. Diese, ausgelöst durch eine vorhergesehene Dürre, offenbart auch eine Politikkatastrophe. Nicht nur im am stärksten betroffenen Somalia mit seinem zerrütteten Staatsapparat. Versagt hat auch die internationale Gemeinschaft, die über exakte Frühwarnsysteme verfügt und die angekündigte Katastrophe stattfinden lässt. Die sich aus ihrer politischen Verantwortung für die globalisierte Nahrungsmittelproduktion stiehlt, keinen humanitären Rettungsschirm über Somalia aufspannt und nicht schnell genug und ausreichend Hilfe zur Verfügung stellt. Die Vorbeugung „von oben“ versagt. Es mangelt nicht an Wissen oder an Reichtum, das Menschrecht auf Ernährung global durchzusetzen. Die internationale Politik ist nicht auf ein menschenwürdiges Leben für alle und eine ökologisch nachhaltige Entwicklung ausgerichtet, sondern orientiert sich an Konzerninteressen und nationalen Egoismen. Es fehlt der so oft beschworene politische Wille.

In Zukunft drohen neue „Deckungslücken“, Hunger- und Ernährungskrisen, verschärft durch neokolonialen Landraub, Spekulationen mit Nahrungsmitteln und den Klimawandel. Die weltweite Ungleichheit zeigt sich bei der Produktion und dem Konsum von Nahrungsmitteln besonders krass.

Die vielversprechendste Vorbeugung gegen zukünftige Krisen kommt „von unten“: das Paradigma der so genannten „Ernährungssouveränität“. Gemeint ist die Rückeroberung der Kontrolle über den elementarsten Teil unseres Wirtschaftens, die Nahrungsproduktion, durch diejenigen, die Lebensmittel erzeugen, verteilen und konsumieren. Dieses politische Konzept, entwickelt und vorangetrieben von der internationalen Bauernbewegung Via Campesina, ist fast zwanzig Jahre alt, aber aktueller denn je …

Damit das Recht auf ausreichende, gesunde und kulturell angepasste Nahrung durchgesetzt werden kann, müssen die bestehenden Herrschaftsverhältnisse umgekehrt werden: Die Kontrolle der Nahrungsmittelproduktion muss bei den lokalen ProduzentInnen liegen. Gefordert ist auch, mit der Natur schonend und nachhaltig umzugehen sowie lokales und traditionelles Wissen zu bewahren und wertzuschätzen.

Mittlerweile hat die weltweite Bewegung auch Europa erfasst. Im August wurde in Krems beim ersten europäischen Forum für Ernährungssouveränität („Nyeleni“ – benannt nach einer legendären Bäuerin aus Mali) diskutiert, was Ernährungssouveränität im europäischen Kontext bedeutet. Auch im reichen Europa brennt das Thema unter den Nägeln. Im Herbst wird die Europäische Union ihre neue Agrarpolitik präsentieren. Und mittelfristig geht es um das Überleben der europäischen Landwirtschaft.

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