Politisch semi-korrekt

Von Redaktion ·

"Schlechte Zeiten sind gut fürs Kabarett“ heißt eine dieser unausrottbaren Binsenwahrheiten. Derzeit wird überdeutlich, dass dem nicht so ist. Dass man etwa in Myanmar als kritischer Puppenspieler ins Gefängnis kommen kann, verwundert niemand. Dass man auch in Europa als Satiriker gefährlich lebt, ist neu. Wieder einmal wird darüber nachgedacht, was Satire darf und was nicht.

Um sich dieser Frage anzunähern, wählt der Reporter des Wahnsinns diesmal den Weg, über ein reales Projekt zu berichten. Konkret über die Website: www.minderheiten-quartett.de – das politisch semi-korrekte Kartenspiel.

Laut den InitiatorInnen geht es darum, „die beklemmende Sinnlosigkeit der boulevardesken Minderheiten- bzw. Integrationsdebatte nachvollziehbar“ zu machen.  Das Kartenspiel kann wirklich bestellt werden und umfasst 24 Minderheiten aus den Gruppen: Religionen, Ethnien, Sexualität, Radikale, Behinderte und Demographie. Sie können in sechs Kategorien gegeneinander ausgespielt werden: Bildungsniveau, Wohlstand, Bevölkerungsanteil, Homogenität, Gesellschaftliche Akzeptanz und Schamgefühl. So kann also „der Jude“ gegen „die Lesbe“ ausgespielt werden, „der Rollstuhlfahrer“ gegen „den Muslim“. Im Erweiterungs-Pack kommen dann noch die Kategorien Wutbürger, Berufe, Freaks, Lifestyle und Unterschicht hinzu. Bei den Aktionskarten ist vor allem die Boosterkarte Genmutation zu nennen: Da – wie in der oberflächlichen Debatte immer wieder üblich – Minderheiten auf Gene zurückgeführt werden, sei es der Genforschung ein leichtes, zwei Minderheiten zu kreuzen.  Daher kann ein Spieler mit der Boosterkarte Genmutation eine Superminderheit erschaffen, vor der sich alle fürchten werden, etwa den feministischen Nazi, den schwulen AKW-Gegner, den intellektuellen Polizisten.

Fragt sich nur: Wer spielt das Spiel? Die deutsche Tageszeitung „taz“ beobachtete auf einer extrem rechten Web­site, dass einer der Kameraden dieses „Minderheiten-Quartett“ für den deutschtümelnden Spieleabend vorschlug – im festen Glauben, das Spiel spotte über Randgruppen und nicht über die Mehrheit, die sich durch jene Randgruppen bedroht fühlt. Und löste dort prompt eine Debatte aus, weil die Randgruppe „Nazi“ auf der Karte den niedrigsten Intelligenzquotienten aufweist.

Georg Bauernfeind ist Humorist und Liedermacher. Seine neue CD heißt „Vorsorgelieder und Zukunftsmusik“ und kann hier bestellt werden: www.austrianworldmusic.at

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