Power-Gitarrist, Philosoph und Pandit

Wie indische Klänge den Alltag vergessen lassen und warum wir in Österreich Yoga machen. Eine Begegnung mit dem Meister indischer Musik, Vishwa Mohan Bhatt, und seiner Schülerin Amita Dalal.

Von Richard Solder
Auf der Bühne virtuos, im Gespräch besonnen und reflektiert: „Maestro“ Vishwa Mohan Bhatt und Sitar-Spielerin Amita Dalal.

Richard Wagner und Vishwa Mohan Bhatt. Das Wiener Konzerthaus ist im Vergleich zum renommierteren Musikverein das progressivere Konzerthaus in der Bundeshauptstadt. Neben klassischer Musik werden hier regelmäßig Wienerlieder, Jazz oder Weltmusik zum Besten gegeben. Doch ein Kontrastprogramm wie an jenem Juni-Abend, als im ersten Stock Wagner und im Untergeschoss ein Meister der indischen Musik geboten wurde, hat die 100 Jahre alte Institution nicht jeden Tag zu bieten.

Vishwa Mohan Bhatt ist seit Jahrzehnten als Musiker aktiv. Der Schüler des großen Ravi Shankar erfand ein Instrument, die „Mohan Veena“, eine Slide-Gitarre. Die SpielerInnen lassen das Steel Bar, ein Zubehör, über die Saiten gleiten (Englisch „slide“), wodurch eine charakteristische Klangfarbe entsteht. Für das mit dem US-Blues-Gitarristen Ry Cooder produzierte Fusion-Album „A meeting by the river“ erhielt er 1994 den Grammy-Award.

Besucht man ein Konzert von Vishwa Mohan Bhatt, geht man mit ihm auf Reisen: Im Klang von Tabla, Sitar und Bhatts Gitarre lassen Zuhörerinnen und  -hörer für eine Zeitlang ihr irdisches Dasein zurück und steigen mit ihm in höhere Sphären. Klassische indische Musik, das klingt bei weitem steifer als es ist. Der Pandit, wie Meister dieser Musik genannt werden, bekommt an diesen Abend Unterstützung von Subhen Chatterjee an der Tabla und Amita Dalal an der Sitar. Die drei MusikerInnen gehen spontan aufeinander ein: Hier ist nichts festgelegt und auswendig gelernt, es wird improvisiert, bis das Publikum glaubt, zu halluzinieren.

Nach der Pause wird zehn Minuten meditiert. Während zwei Stockwerke weiter oben Richard Wagners „Fliegender Holländer“ poltert, hat im Bhatt-Auditorium das Publikum die rechte Hand am Kopf, um loszulassen und zu vergeben. Bis es weitergeht mit Fusion-Musik, inklusive Liedern aus dem „A meeting by the river“-Album. Die stehenden Ovationen am Schluss des Konzertes hat sich das Trio redlich verdient.

Das weite grüne Gewand, ein charismatisches Lächeln, die graue Mähne eines Gelehrten: Sitzt man backstage Bhatt gegenüber, fühlt man sich wohl. Der Pandit vermittelt Gelassenheit. Und das, nachdem er über zwei Stunden virtuos gespielt hat. Wann war für ihn der Punkt, an dem er über Genres hinaus gedacht hat? Diese Frage lässt Bhatt erst einmal so gar nicht gelten: „Musik hat keine Grenzen. Im Gegenteil: Mir geht es darum, Menschen durch sie zu verbinden“, sagt der Musiker, der aus Jaipur, Rajasthan, stammt. Schon während des Konzertes gab Bhatt die Losung aus, dass Musik die Kraft hat, zu verbinden und zu einen. Eine universelle Sprache. Aber welche Rolle kann sie in unserer komplexen Welt spielen? „Musik kann wahre Wunder wirken“, betont Bhatt und wird kurz nachdenklich. „Sie macht ruhig, konzentriert, und positiv.“ Mit Sitar und Mohan Veena-Gitarre gegen kulturelle Missverständnisse?

Der Pandit bleibt realistisch: Klassische indische Musik habe einen beschränkten HörerInnen-Kreis. Über andere Spielarten, wie Weltmusik, würden Musikerinnen und Musiker sehr wohl immer mehr Menschen erreichen. Zudem sieht er in Bollywood Chancen: Bhatt ist allerdings von der Qualität vieler Songs der indischen Filme nicht überzeugt. Trotzdem: Die Filmmusik könne dabei helfen, die Massen zu erreichen.

In Österreich sind nicht Bollywood-Filme die indischen Importschlager, sondern vielmehr Yoga, Meditation oder Ayurveda. Wie erklärt er sich dieses Interesse an indischen Traditionen? Bhatt setzt gerade zur Antwort an, als sich Amita Dalal zaghaft einschaltet. Die Sitar-Spielerin ist seine Schülerin. Während des Gesprächs ist sie in den Raum gekommen und begann, interessiert zuzuhören.

Ihr Lehrer ermutigt sie, ihre Gedanken auszusprechen: Praktiken wie Yoga oder Meditation würden zu Ruhe und Balance führen. „Die westliche Gesellschaft geht ein hohes Tempo. Die Leute brauchen dafür viel Energie“, so Dalal. Irgendwoher müsse sich jeder die wieder zurückholen. Bhatt nickt bedächtig. Er lächelt immer noch strahlend. Beide wirken, als könnten sie locker noch ein Konzert geben. Dabei ist es spät geworden im Wiener Konzerthaus. Der Fliegende Holländer hat sein dramatisches Finale schon hinter sich. Das Publikum strömt aus dem Großen Saal Richtung Ausgang. Ob sie auch in der Pause meditiert haben?
Ein bisschen Gelassenheit könnte Richard Wagners Kompositionen nicht schaden.

Das Konzert von Vishwa Mohan Bhatt & Co wurde vom Österreichisch-Indischen Institut organisiert. Infos zu zukünftigen Veranstaltungen unter www.oeii.co.at

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