Problemsüchtig in der Genussregion

Von Redaktion ·

Jürgen seufzte schwer. „Es ist nicht leicht, ein Optimist zu sein. Du schlägst die Zeitung auf und bekommst den Eindruck: das Gute ist ein Weichei. Überall Diktatoren, die Erdöl fördern und die Menschenrechte mit den Füßen treten. Warum kann das nicht umgekehrt sein? Dass sie die Menschenrechte fördern und das Erdöl mit den Füßen treten? Oder diese Konzernzentralen, in denen die Leute Unterhosen tragen, die mehr kosten, als eine Näherin in Bangladesch in zehn Jahren verdient. Was machen die Konzernzentralen? Die Produktion in sogenannte Billiglohnländer auslagern. Warum kann die Näherin in Bangladesch nicht teure Klamotten tragen und die Manager werden ohne Unterhose in ein Billiglohnland ausgelagert? Ich wünsche mir einmal eine Tageszeitung, in der nicht steht: „Dritte Bankomat-Sprengung in dieser Woche“, sondern „Bankomat gab das Geld den Armen und sprengte jeden Überziehungsrahmen“.

„Jürgen“, sagte ich, „du grübelst und denkst zu viel. Ich glaube, du solltest dich an die Selbsthilfe-Gruppe der Anonymen Problemsüchtigen wenden.“ Womit ich nicht rechnete: Jürgen meldete sich tatsächlich an und landete kurze Zeit später bei einem Ausflug mit integriertem Workshop „Genießen lernen für Anfänger“.

Aber siehe da. Schon wieder ein Problem: Die Sitznachbarin im Autobus war eine Bäuerin, die zu diesem Ausflug verpflichtet wurde, weil „wir jetzt eine Genussregion werden sollen, jetzt miassn mia olle genießen lernen, weil die von der Kammer haben gesagt ‚wer nicht genießen kann wird ungenießbar‘, aber da hoben die leicht reden in der Kammer, weil wenn ich in der Kammer bin, dann kann ich auch genießen …“

Der Workshop fand in einer „Genieß-BAR“ statt. Gleich zu Beginn erhielten die teilnehmenden Personen einen „Spaß-Bleistift“, einen „Abenteuer-Block“ und einen Schluck „Techtelmechtel-Tee“. Die Tagesordnung wurde auf einem Flirt-Flipchart präsentiert. Dann begann die erste Verkostung eines Sortenspiels, bei der die Trainerin fragte, ob man „das am Gaumen spürt, die nussige Note und den pfeffrigen Abgang von der Powidlmarmelade“. Und so weiter. Und dann parodierte Jürgen seine Sitznachbarin, die ihrer Tochter bei der Rückfahrt per Mobiltelefon über den Workshop berichtete: „ I sog dir, alle haben diese Erlebnis-Dörrbirnen gegessen, du des war a scharfer Abgang, schoaseln tuats in dem Autobus. Du und dann hamma ghabt ein Kurzweil-Kürbis-Chutney und ein Relax-Brot mit vitaminreichen Edelbränden, du i sog dir, alle hamma an Rausch, auch der Jürgen neben mir … du wonn des zur Genussregion gheat, bin i dabei.“

Georg Bauernfeind ist Kabarettist und Publizist in Wien. Programm und Termine auf www.georg-bauernfeind.at

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