Produkt der Sklaverei

Zucker war das lukrativste Gut im berüchtigten Dreieckshandel.

Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert wurden bis zu zehn Millionen AfrikanerInnen von EuropäerInnen versklavt und in die „Neue Welt“ verfrachtet – wohl die längste Periode der Barbarei in der Geschichte der Menschheit. Viele überlebten die „Middle Passage“ über den Atlantik nicht. Wer überlebte, starb innerhalb von zehn Jahren, denn es war billiger, SklavInnen zu ersetzen als sie zu ernähren. Nicht alle fielen dem Zucker zum Opfer – auch Baumwolle und Tabak forderten ihren Tribut – aber die Zuckerproduktion beruhte zur Gänze auf ihrer Arbeit.

Ursprünge
Im Mittelmeerraum wurde Zuckerrohr wahrscheinlich zuerst von AraberInnen angebaut und zu Zucker verarbeitet. Ab dem 11. Jhdt. lernten EuropäerInnen Zucker bei ihren Kreuzzügen in das „Heilige Land“ kennen. Sowohl AraberInnen wie auch EuropäerInnen ignorierten religiöse und kulturelle Schranken und setzten beim arbeitsintensiven Zuckerrohranbau SklavInnen ein. Zuckerrohr wurde von Kolumbus bei seiner zweiten Reise 1493 in die Neue Welt gebracht und von afrikanischen SklavInnen auf Hispaniola angebaut (heute die Dominikanische Republik und Haiti). Die erste Lieferung nach Spanien erfolgte 1516. Zucker und Sklaverei folgten dem spanischen Eroberungszug nach Mexiko, Paraguay und an die Pazifikküste Lateinamerikas. Um 1526 traf in Lissabon der erste Zucker aus dem Nordosten Brasiliens ein, der rasch zum Zentrum des Zuckergeschäfts wurde. Anfangs wurden auch UreinwohnerInnen versklavt, aber AfrikanerInnen waren beliebter – und erzielten den dreifachen Preis. Zwischen 1576 und 1591 kamen rund 50.000 afrikanische SklavInnen nach Brasilien.

Expansion
1619 gründete das britische Königreich in Jamestown (Guyana) seine erste Kolonie in der Neuen Welt und brachte Zuckerrohr und die ersten versklavten AfrikanerInnen mit. 1654 landeten holländische Soldaten nach ihrer Vertreibung aus dem Nordosten Brasiliens auf der Karibikinsel Barbados und führten dort Zuckeranbau und Sklaverei ein. 1655 war Jamaika, erobert von britischen Truppen, an der Reihe; ebensolches geschah unter französischer Regie in Martinique. 1667 lebten in Barbados 745 zumeist britische Großgrundbesitzer, die mehr als 80.000 SklavInnen auf ihren Zuckerrohrplantagen einsetzten. Die französische, dänische und britische Regierung gründeten nach dem Muster der Niederländischen Westindischen Gesellschaft nationale Sklavereigesellschaften, die mit Sonderrechten ausgestattet wurden. Sie setzten sich an der Westküste Afrikas fest, wo sie mit Unterstützung der Regierungen und unter dem Schutz der jeweiligen Marine Festungen errichteten und ihre Geschäfte mit lokalen Händlern abwickelten. Der so genannte „Dreieckshandel“ kam in Gang: SklavInnen wurden von Afrika in die Neue Welt gebracht, Rohstoffe (Zucker war das lukrativste Gut) von der Neuen Welt nach Europa und schließlich Produkte wie Stoffe und Waffen von Europa nach Afrika. Jeder Teil dieses Handels sorgte vor allem in Europa für enorme Profite.

Revolte
Anfangs waren in den Kolonien kaum Sklavenaufstände zu verzeichnen, aber es dauerte nicht lange. Am erfolgreichsten verlief der Aufstand in der französischen Kolonie Sainte Domingue (dem heutigen Haiti). Das Versprechen der Freiheit, das mit der französischen Revolution 1789 verbunden war, galt nicht für SklavInnen – 1790 erreichte der Sklavenhandel in der französischen Hafenstadt Nantes seinen historischen Höhepunkt. Doch am 22. August 1791 setzten RebellInnen unter Führung von Toussaint L’Ouverture die Zuckerrohrfelder von Sainte Domingue in Brand. Sie eroberten die Kolonie und hielten sich an der Macht – ein damals erstaunlicher Erfolg.
Von 1807 an kam es fast jedes Jahr zu Aufständen im brasilianischen Bahia, einige davon unter der Führung gebildeter Muslime. Muslimische Geistliche, die beschuldigt wurden, den Koran auf Arabisch zu lesen, wurden mit mindestens 500 Peitschenhieben bestraft.
1843 und 1844 kam es wiederholt zu Aufständen in Kuba, damals bereits der größte Zuckerproduzent in der Karibik. Die „Conspiración de la Escalera“ wurde nach der Praxis benannt, Verdächtige an eine Treppe (escalera) zu binden und solange auszupeitschen, bis sie gestanden. Rund 3.000 Menschen wurden im Schnellverfahren verurteilt, 80 erschossen. Die geschriebene Geschichte konzentriert sich eher auf den Einfluss, den europäische und US-amerikanische „AbolitionistInnen“ auf das Verbot des Sklavenhandels in Europa und die Abschaffung der Sklaverei in den USA, Brasilien und anderswo hatten. Der Widerstand der SklavInnen wird entweder heruntergespielt oder überhaupt ignoriert. Die Zuckerindustrie selbst stellte sich allerdings ohne große Probleme auf Vertragsarbeit um – etwa wurden indische VertragsarbeiterInnen in neue Anbaugebiete wie Fidschi und Mauritius verbracht. Die Arbeitsbedingungen änderten sich kaum.


copyright New Internationalist

Quellen: Hugh Thomas, The Slave Trade, London 1997; Sidney W. Mintz, Sweetness and Power, New York 1985; Robin Blackburn, The Malding of New World Slavery, London 1997; CLR James, The Black Jacobins, London 1989.

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