„Produziert wird Nachahmung oder Kitsch“

Warum China sich mit attraktiver Kulturproduktion so schwer tut, die Menschenrechtspolitik des Westens heuchlerisch ist und das Land voller Überraschungen steckt, verrät Sinologe Michael Kahn-Ackermann im Interview mit Redakteurin Christina Bell.

Michael Kahn-Ackermann

Sie haben jahrelang das Goethe-Institut in Peking geleitet. Wie frei können Kulturinstitute in China arbeiten?
Michael Kahn-Ackermann:
Das hängt von der politischen Lage ab. Derzeit nehmen die Restriktionen im Kultur- und Medienbereich zu. Das ist seit Jahrzehnten ein Auf und Ab.

Wie wichtig ist China der kulturelle Austausch mit anderen Ländern?
Der chinesischen Regierung ist das, was heute als „Soft Power“ bezeichnet wird, sehr wichtig. Sie gibt viel Geld aus, hat aber zumindest im Westen wenig Erfolg.

Warum tut sich das Land so schwer, die chinesische Kultur nach außen zu vermitteln?
Dafür gibt es im Wesentlichen drei Gründe: Der Zusammenprall Chinas mit dem westlichen Imperialismus im 19. Jahrhundert führte zum Gefühl kultureller Unterlegenheit und zur Negierung der eigenen kulturellen Tradition. Höhepunkt dieses kulturellen Selbsthasses war die Kulturrevolution, wo ca. 80 Prozent des noch vorhanden materiellen Kulturerbes zerstört wurden. Eine Gesellschaft, deren kulturelle Identität zerbrochen ist, tut sich schwer, kulturelle Produktion zu schaffen, die für Außenstehende attraktiv ist. Typische Phänomene einer ungesicherten kulturellen Identität sind Nachahmung und Kitsch. Ebenso der Versuch, die verlorene Tradition zu restaurieren. Das sind schlechte Voraussetzungen für die Entfaltung kultureller „Soft Power“.

Der zweite Grund ist die Arroganz des Westens: der Medien, des Publikums, der Kulturszene, die nicht bereit sind, sich auf etwas einzulassen, das nicht ihren kulturellen Normen entspricht. Es gibt speziell im deutschsprachigen Raum eine unglaubliche Provinzialität, was die Begegnung mit Nicht-Bekanntem betrifft. In Italien, Frankreich oder den USA ist das deutlich besser.

Der dritte Grund ist die Zensur beziehungsweise die Selbstzensur, zu der die stete Drohung führt. Kulturelle Produktion hat es in China schwer, sich zu entfalten.

Wie könnte man das Interesse im Ausland, etwa im deutschsprachigen Raum, steigern?
Die Regierung will nur ein perfektes Bild vermitteln. Am erfolgreichsten wäre die Wahrheit: die komplizierte, widersprüchliche Situation des Landes. Zu zeigen, worunter man leidet, worüber man sich freut, was einem weh tut. Für Leute aus einer Tradition kommunistischer Propaganda-Maschinerie ist das schwer zu akzeptieren.

Mit China scheint sich aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke auf politischer Ebene kaum jemand anlegen zu wollen. Vermissen Sie eine klarere Positionierung des Westens, etwa bei den Menschenrechten?
Die Menschenrechtspolitik des Westens ist heuchlerisch, das sehen die Chinesen natürlich auch. Das einmal vorweg. Natürlich ist die Menschenrechtslage in China schlecht, und es ist notwendig, immer wieder darauf zu drängen, dass Menschen nicht unschuldig im Gefängnis sitzen, verschwinden oder Ähnliches. Die Vorstellung, man könne China zu westlichen Konditionen dazu zu zwingen, seine internationale Rolle zu spielen, ist allerdings naiv. Außerdem zielen viele Menschenrechtsinterventionen westlicher Politiker gar nicht auf China, sondern auf die eigenen Medien. Politiker XY muss zu Ai Weiwei marschieren, weil das die westlichen Medien erwarten. Die Menschenrechtspolitik gegenüber China wird auf ein paar Symbolfiguren reduziert. Bei allem Respekt, Ai Weiwei lebt im Unterschied zu anderen Dissidenten gegenwärtig relativ unbehelligt. Bei uns eignet er sich unter anderem deshalb als Symbolfigur, weil man sich seinen Namen merken kann. So lächerlich das klingt.

Sie nennen in einem Text den chinesischen Nationalismus „die vielleicht mächtigste massenwirksamste Ideologie“. Wie spürbar ist er im Alltag?
Er ist mobilisierbar. Das hat man jetzt in der Auseinandersetzung mit Japan (über eine strategisch wichtige Inselgruppe im Ostchinesischen Meer, Anm.) gesehen. Auch in der kulturellen, intellektuellen Szene gibt es Radikalnationalisten, die vom chinesischen Zeitalter sprechen, von verlorenem Territorium, das man wieder holen muss und so weiter. Das ist die äußerste Rechte, die ist lautstark, aber sie repräsentiert nicht die kulturelle, intellektuelle Elite.

Aber das Gefühl, schlecht behandelt, gedemütigt worden zu sein, endlich den gebührenden Platz einnehmen zu wollen, das ständige Kreisen um die Frage: Was ist China in der Welt, wer sind wir? Das ist verbreitet.

Kann Sie China noch überraschen?
Jeden Tag. Wer Überraschungen sucht, sollte nach China gehen. Die erste Überraschung ist, dass das politische System Chinas noch immer existiert. Seit zwanzig Jahren steht es laut vielen „China-Experten“ kurz vor dem Untergang. Bei aller Kritik und trotz allem, womit wir mit unseren Werten schwer leben können: Die Führung des Landes hat sich in einem unglaublichen Maß als flexibel erwiesen. Anders als das sowjetische System hat sie aus ihren Fehlern gelernt und war in der Lage, partiell extrem erfolgreiche Entwicklungsstrategien durchzusetzen. Ein Land von einer Milliarde Menschen von latentem Massenhunger zu befreien ist eine gigantische Leistung. Ein Land mit 120 Millionenstädten, in denen es keine Slums gibt, die vergleichbar mit Mexiko, Kenia oder Brasilien wären – das ist erstaunlich. Wir Europäer finden das alles selbstverständlich. Ob die Rhetorik, die katastrophale Umweltsituation in den Griff zu kriegen, zu Taten führt, wird sich noch zeigen. Überrascht wird man jedenfalls ständig.

Michael Kahn-Ackermann ist deutscher Sinologe sowie Übersetzer und lebt – mit Unterbrechungen – seit den 1970ern in China. Derzeit  arbeitet er als Berater für die Zentrale des Konfuzius-Instituts, das die Kenntnisse von chinesischer Sprache und Kultur im Ausland fördert, und als Repräsentant der Stiftung Mercator in Peking.

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