Quantensprung junger Frauen

Von Bijan Farnoudi ·

Der Iran ist weltweit eine der jüngsten Gesellschaften – vom Altersdurchschnitt her gesehen. Ayatollah Khomeini hatte Anfang der 1980er Jahre die Bevölkerung aufgefordert, viele kleine Gotteskrieger zu zeugen.

Das Erste, was einem beim Schlendern durch Teherans großzügige Grünanlagen auffällt, ist der überproportionale Anteil junger Menschen, der sich dort tummelt. Der Altersdurchschnitt im Iran von 23,4 Jahren ist einer der niedrigsten weltweit. Anders ausgedrückt: 70% der Iraner und Iranerinnen sind unter 25 Jahre alt. 1980, kurz nach Ausbruch des acht Jahre dauernden Krieges mit dem Irak, regte Ayatollah Khomeini die Bevölkerung an, für reichlich Nachwuchs zu sorgen, um den stetigen Nachschub an Gotteskriegern zu gewährleisten. Die daraus resultierende Bevölkerungsexplosion ließ die Einwohnerzahl innerhalb der letzten 25 Jahre auf knapp 70 Millionen oder mehr als das Doppelte anwachsen.
Heute sind die erhofften Gotteskrieger erwachsen und an potenziellen Kriegsspielen wenig interessiert. Vielmehr ist unter den Jugendlichen die grassierende Arbeitslosigkeit von weit über 20% ein Thema. Jährlich strömen viele Tausende, teilweise hoch qualifizierte UniversitätsabsolventInnen, auf den überlasteten Arbeitsmarkt.
Doch der gnadenlose Wettbewerb um Plätze beginnt schon mit der Einschreibung an der Universität. Millionen potentieller StudentInnen melden sich jährlich bei den berüchtigten „Concours“ (Auswahlverfahren) an, die zu den begehrten Studienplätzen führen sollen. Oftmals brauchen sie mehrere Jahre, bis sie im dritten oder vierten Anlauf endlich einen Platz ergattert haben.

Dass im Iran die Anzahl Studierender nach oben geschnellt ist, ist allerdings nicht nur auf ansteigende Bevölkerungszahlen zurück zu führen. Als die Regierung nach der Revolution von 1979 sämtliche öffentliche Institutionen, auch die Schulen, entsäkularisierte und islamisch streng nach Geschlechtern unterteilte, hatte dies den Nebeneffekt, dass es nun auch der ländlicheren und traditionell konservativeren Bevölkerungsschicht leichter fiel, nicht nur ihre Söhne, sondern auch ihre Töchter in den Schulunterricht zu schicken. Folglich wurde, mehr oder weniger über Nacht, einer ganzen Bevölkerungsschicht ein Bildungszugang eröffnet.
Heute hat der Iran eine der niedrigsten Analphabetenraten des gesamten Mittleren Ostens, ca. 20%. In den ländlichen Gebieten ist der Fortschritt der Großstädte zwar noch nicht angekommen, dennoch sind es diese Regionen, die in den letzten Jahrzehnten am stärksten aufgeholt haben.Vor allem unter der weiblichen Bevölkerung ist die Analphabetenrate deutlich gesunken, so dass die jüngeren Generationen im Vergleich zu ihren Müttern und Großmüttern einen wahren Quantensprung vollbracht haben.

Diesem Quantensprung ist es zu verdanken, dass sich mittlerweile studierende Frauen an den Universitäten ein klares Übergewicht erkämpft haben. Über 60% der Studierenden im Iran sind weiblich und dringen zunehmend auch in die traditionell männlichen Domänen wie Ingenieurswesen oder Maschinenbau vor. Von diesem Übergewicht im akademischen Bereich ist in der Arbeitswelt allerdings noch nicht viel zu spüren. Einer 1997 durchgeführten Studie zufolge waren 20 Millionen der insgesamt 30 Millionen Iranerinnen im erwerbsfähigen Alter nicht erwerbstätig. 13 Millionen gaben an, Hausfrauen zu sein, eine Million bezeichnete sich als Studentinnen.
Dennoch sind aktive und starke Frauen wie die Menschenrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi im Iran keine Ausnahme. Vielmehr stellt sie die Spitze einer Reihe höchstausgebildeter und moderner Iranerinnen dar, die zugleich Zugpferde einer demokratisch orientierten Reformbewegung auf zivilgesellschaftlicher Ebene sind. Trotz der vielen bürokratischen Hürden gibt es im Land insgesamt über 1.000 offiziell registrierte nichtstaatliche Organisationen.

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