Rache, Terror und Gewaltbereitschaft

Beim derzeitigen Ost-West-Konflikt werfen sich die Kriegsparteien gegenseitig jene Gewaltmethoden vor, derer sie sich selbst bedienen, meint Leo Gabriel.

Wenn von Gewaltkultur die Rede ist, denken die meisten LeserInnen aktueller Nachrichten an die Selbstmordattentate der Hamas, Al Qaida und anderer Netzwerke der so genannten Muslim-Bruderschaft, die im Ägypten der Zwanzigerjahre ihren Ursprung und heute vor allem in Saudi-Arabien ihr geistiges Zentrum haben. Neuere Forschungen haben jedoch ergeben, dass auch in den USA populistisch-charismatische Erneuerungsbewegungen um sich gegriffen haben, die in Struktur und Ausmaß an Gewaltbereitschaft ihren islamischen Gegenstücken in nichts nachstehen.
„In beiden Kulturräumen existiert eine elaborierte Gewaltkultur“, schreibt etwa die deutsche Religionssoziologin Edda Heiligsetzer in einem Aufsatz: „In beiden Fällen werden Rache, Gewalt und Selbstjustiz als legitime und notwendige Maßnahmen zur Aufrechterhaltung des Gemeinwesens angesehen.“(Edda Heiligsetzer: Religiös-fundamentalistischer Terrorismus im Vergleich: Extremistischer Protestantismus in den USA und fundamentalistische Gewalt im islamischen Orient, Die Friedenswarte, 2001)

Auch die AnhängerInnenzahlen, die in den USA auf Umfragen beruhen, sind annähernd gleich: explizit als SympathisantInnen und AnhängerInnen der militanten Fundamentalisten-Strömungen bezeichnen sich selbst in beiden Kulturkreisen etwa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung. Für die USA variiert die Selbsteinschätzung als „member of the Religious Right“ je nach Bundesstaat zwischen 9 und 24 Prozent. (Quelle: Public Opinion Report, in: The American Enterprise, 5 September/October, S. 99). Die tatsächliche SympathisantInnenzahl bewegt sich jedoch auf einem deutlich höheren Niveau und liegt bei bis zu 30 Prozent. Dabei wird in den USA in den südlichen Bundesstaaten wie Texas, Alabama und New Mexico die Rückkehr zu den „American core values“ massiver und entschiedener gefordert als etwa an der Ostküste der USA.
Aber auch im islamischen Orient sind ja Länder wie Saudi-Arabien, Pakistan und (bisher) Afghanistan von diesem Phänomen stärker betroffen als die nordafrikanischen Staaten (mit Ausnahme Algeriens). Während dort die Krise ganz handfeste soziale und politische Ursachen hat – es handelt sich um ausgesprochen junge Gesellschaften mit extrem hoher Arbeitslosigkeit – beklagen in den USA 60 bis 70 Prozent der auch reicheren US-AmerikanerInnen den Rückgang der Religiosität und das Verschwinden der „community of righteousness“ (Gemeinschaft der Rechtschaffenheit).

Es gibt aber noch andere, strukturelle Merkmale, die den beiden Gewaltkulturen in Ost und West gemeinsam sind. Beide verdanken ihren Aufstieg zur politischen Macht jenem großkapitalistischen Clan-System, das heute unter der harmlosen Bezeichnung „Globalisierung“ das wirtschaftliche Schicksal des überwiegenden Teils der Weltbevölkerung bestimmt. In diesem Zusammenhang sind die im italienischen „Corriere della Sera“ und der griechischen „Eleftería“ erschienen Recherchen interessant, die in Österreich bisher der Selbstzensur der Medienverantwortlichen zum Opfer gefallen sind.
Diese dokumentieren die engen Geschäftsbeziehungen zwischen dem Bush-Clan und dem Bin-Laden-Clan, die bis zu Beginn der 70er Jahre zurückreichen. Sowohl die Gründung der „Bin Laden Airways“ als auch die Joint Ventures zwischen George Bush Vater und Bin Laden Vater im texanisch-saudischen Erdölgeschäft sind Beweise dafür, dass zwischen den beiden politischen Fundamentalismen eine enge Wechselbeziehung bestand und vielleicht bis heute besteht. Französische Journalisten haben nach dem 11. September herausgefunden, dass die Regierung Bush bis Ende August mit den Taliban über den Bau einer durch Afghanistan gehenden Erdöl-Pipeline verhandelt hat.

Nimmt man/frau alle diese Fakten zur Kenntnis, so drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei dem gegenwärtigen kriegerischen Ost-West-Konflikt um die Konfrontation zweier aus ähnlich strukturierten kulturellen Umfeldern stammender Clangesellschaften handelt, die einander jene Gewaltmethoden vorwerfen, derer sie sich selbst bedienen. Auf dem Hintergrund dieser Recherchen und Analysen ergibt sich also die Frage: wie können politisch denkende Menschen der US-amerikanischen Geiselhaft der Terrorismusbekämpfung entgehen, ohne selbst als „Terroristen“ gebrandmarkt zu werden? Ihre Beantwortung ist jetzt dringender denn je.

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