Räumungstermin 2020

Der Chefminister des indischen Bundesstaats Andhra Pradesh hat die Zukunft der landwirtschaftlichen „Entwicklung“ erschaut, und sie heißt Vision 2020. Die schlechte Nachricht: 20 Millionen Menschen werden aus der Landwirtschaft verschwinden müssen.

Von Katharina Ainger
Chandrababu Naidu, Chefminister von Andhra Pradesh, ließ sich von Malaysia inspirieren. Bei einem Besuch 1997 lernte er die Vision dieses Landes kennen, bis zum Jahr 2020 den Status einer entwickelten Nation zu erreichen, und übernahm sie für seinen eigenen Staat. Mit ihrer Ausarbeitung beauftragte er die US-Beratungsfirma McKinsey. Das Rezept für Andhra Pradesh, mit dem sie aufwartete, war atemberaubend. Dieser überwiegend landwirtschaftliche Staat soll innerhalb von 20 Jahren in eine Art Singapur verwandelt werden, in dem Industrie und Dienstleistungen dominieren. IT, Biotech und die Transformation der Landwirtschaft sind die Grundfesten des Plans. Er heißt Vision 2020.
Seine Ziele werden sich allerdings nur erreichen lassen, wenn 80 Prozent der nötigen Mittel vom Privatsektor bereitgestellt werden. Um diese anzuziehen, sollen die öffentlichen Mittel in die Infrastruktur fließen. Tatsächlich sind High-Tech-Industriegelände, ein 600 Quadratkilometer großes „Genome Valley“ für Biotech-Forschung, Einkaufszentren und ein neuer internationaler Flughafen in und um Hyderabad im Entstehen. Neben der Bereitstellung der Infrastruktur wird dem Staat aufgetragen, Reformen durchzuführen – dazu gehören die Privatisierung des Energiesektors sowie die Einführung von Benutzergebühren im Gesundheitswesen.
Bei einem Besuch in den USA 2001 unterzeichnete Naidu eine Absichtserklärung mit dem Chef von Monsanto über den Bau eines Forschungszentrums in Hyderabad.

Landwirtschaft ist der Lebensnerv von Andhra Pradesh. Was nun geplant wird, ist ihre Industrialisierung in großem Maßstab. Arbeitsintensive Produktionen sollen durch Mechanisierung beseitigt, kleine Betriebe effizient gemacht werden, indem man sie zu großen Landgütern zusammenlegt („konsolidiert“), wo der Vertragsanbau florieren wird. Viele der Feldfrüchte werden genetisch verändert sein, und Hybrid- und andere geschützte Saaten werden das aufbewahrte Saatgut ersetzen – rund 80 Prozent der indischen Saaten stammen derzeit aus der jeweils letzten Ernte. Verarbeitungs- und Verpackungsbetriebe werden den Zugang zu den Weltmärkten eröffnen, wo in Zukunft Gemüse und Blumen aus Andhra Pradesh abgesetzt werden sollen.
In einem Land wie Indien, in dem mehr als 250 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze leben und die Passion zu vieler verknöcherter Bürokraten sich darauf beschränkt, in die eigene Tasche zu arbeiten, wirkt die Vision 2020 attraktiv. Selbst bevor ihre Umsetzung in größerem Stil begonnen hat – und bevor die Mehrheit der BürgerInnen des Bundesstaats weiß, was ihr bevorsteht – ist davon die Rede, sie auch in anderen Staaten zu übernehmen, vielleicht in ganz Indien. Dieses gewaltige Experiment wird von seinen Förderern, dem britischen Ministerium für Internationale Entwicklung (DFID) und der Weltbank, als zukunftsweisendes Projekt betrachtet.
Was in Andhra Pradesh geschieht, könnte die Zukunft der landwirtschaftlichen „Entwicklung“ bestimmen. Zwei Drittel des DFID-Budgets für Indien werden an die Regierung in Hyderabad fließen.

Was die Vision 2020 jedoch nicht erwähnt, sind jene 77 Prozent der Bauern und Bäuerinnen des Staates, die weniger als zwei Hektar Grund besitzen – von den PächterInnen und LandarbeiterInnen ganz zu schweigen. Sie sagt aber, dass der Anteil der Bevölkerung, der in der Landwirtschaft arbeitet, um 40 Prozent zurückgehen wird. 20 Millionen Menschen werden also in 20 Jahren eine andere Existenzgrundlage finden müssen.
Wie das funktionieren soll, ist nicht klar. Was es allerdings bereits gibt, sind Landkonsolidierung und Vertragsanbau. Etwa in Chitoor im Süden, im Wahlbezirk des Chefministers.
Das erste, was ich dort auf den Feldern eines „Vorzeigebetriebs“ in Kuppam antreffe, ist ein Haufen wütender Bauern. Das 1997 gegründete Pilotprojekt in Kuppam beruht auf einem Vertrag der Regierung mit dem israelischen Unternehmen BHC. Mit Tröpfchen-Bewässerung, dem Know-how von BHC, werden in dieser dürregeplagten Region auf 80 Hektar Babymais, Gewürzgurken, Tomaten, Paprika und anderes Gemüse angebaut. Das Unternehmen liefert die Technologie, die Saaten und die Inputs, für welche die Bauern per Ratenzahlung selbst aufkommen. Die Bauern werden nicht für das Produkt bezahlt, sondern erhalten regelmäßige, gehaltsähnliche Bezüge. Die Ernte wird an einen Betrieb im drei Stunden entfernten Bangalore geliefert, wo sie rund um die Uhr weiterverarbeitet und in die USA, nach Kanada und Israel exportiert wird.
Zurück zu den wütenden Bauern – die alle namenlos bleiben müssen, aus Angst vor Repressalien. „Nicht einmal für ein Lakh Rupees (rund 2000 Euro) würde ich mein Land noch einmal für BHC hergeben!“, faucht ein staubbedeckter weißbärtiger Mann in die Richtung von Lokesh, einem indischen Manager des Unternehmens. Lokesh versucht verzweifelt, mich von der Menge abzulenken. „Jeden Tag erwischen wir die Bauern dabei, wie sie Gemüse stehlen. Manchmal muss man sie schlagen“, zieht er mich ins Vertrauen. Offenbar war der weißbärtige Bauer dabei erwischt worden, wie er Karottenblätter für seinen Büffel stahl. Seit er sein Land dem Unternehmen zur Verfügung stellte, hatte er Probleme damit, sein Vieh zu füttern. Er wurde also beschuldigt, sein eigenes Gemüse von seinem eigenen Land zu stehlen, ein Verbrechen, für das Mr. Isaac, der regionale Manager von BHC, Steine nach ihm warf.

Später treffe ich einen jungen Mann, der mir erklärt, wie die Situation aus Sicht der Bauern aussieht. „Die Bauern haben Angst“, erzählt er mir. „Das ist der Wahlbezirk des Chefministers. Das ist sein Projekt. Wenn sich die Bauern beschweren, wer weiß, was dann mit ihnen passiert.“ Aber er erzählt weiter. „Wir mussten ein ‚No Objection Certificate‘ (einen Einspruchsverzicht, Anm. d. Red.) unterzeichnen, mit dem wir der BHC gestatteten, unser Land zu verändern, Brunnen zu bohren und Rohre zu verlegen ... Aber unser Land haben wir ihnen nie gegeben, nur diese ‚No Objection Certificates‘. Und wir haben auch vereinbart, dass wir nach drei Jahren aussteigen können ... und dass sie uns alle drei Monate bezahlen, aber manchmal hat das sogar sieben Monate gedauert ... für die letzten sechs Monate haben sie uns keinen Groschen bezahlt.“ Die Bauern haben weder eine Ahnung, wieviel BHC erntet noch wieviel verkauft wird – und einen Jahresabschluss veröffentlicht BHC nicht.
Wie verbreiteter Vertragsanbau die Landflucht verstärken könnte, erfahre ich von einem Gesundheitsarbeiter in Kuppam. Der Viehbestand in den acht von BHC übernommenen Dörfern sei deutlich gesunken: „Die Leute haben die Rinder verkauft, weil es kein Land mehr gibt, wo sie weiden können. Dieses Land wurde vom Unternehmen in Beschlag genommen, und nichts von dem, was angebaut wird, eignet sich als Viehfutter.“ Das Vieh zu hüten gehört zu den Arbeiten, die Menschen aus den untersten Kasten überlassen wird. Die Folge: „Viele Leute sind nach Bangalore abgewandert, weil es keine Arbeit mehr gibt.“ „Meiner Meinung nach“, fährt er fort, „läuft das auch darauf hinaus, Landarbeitern die Arbeit wegzunehmen ... ein Teil der technischen Hilfe besteht aus Traktoren, Maschinen – und man kann Landwirtschaft betreiben, ohne ArbeiterInnen zu beschäftigen. Mindestens 60 Prozent der Menschen in unseren Dörfern leben von Landarbeit. Wenn so etwas eingeführt wird, bedroht das wirklich unsere Existenz“.

J. Savitsiri ist eine energische Frau von Adivasi Adeka, einer Organisation indigener Völker. Für sie ist klar, wer bei dem Projekt verlieren wird. „Diese Vision 2020 mag vielleicht einigen wenigen vom Glück begünstigten Adivasi nützen. Aber wenn der Großteil von uns in die Städte geht, welche Arbeit werden wir bekommen, wenn nicht das schmutzige Geschirr anderer Leute zu waschen oder Hausarbeit? Das ist nicht unsere Vision, uns hat keiner gefragt. Lasst uns unsere eigene Vision entwickeln, zu unseren Bedingungen!“
Entsprechende Initiativen gibt es auch. Etwa hat die Andhra Pradesh Coalition in Defence of Diversity, ein Bündnis von mehr als 100 NGOs und Basisorganisationen, 100.000 Unterschriften für eine Petition gegen die Vision 2020 gesammelt. Sie wurde der Regierung überreicht, blieb aber bisher unbeantwortet. Und im Juli 2001 wurde ein „Prajateerpu“ (wörtlich „Volksurteil“), eine Art Gerichtsverfahren zur Vision 2020 abgehalten. Ein Rat mit 24 Mitgliedern, überwiegend Dalit-Bäuerinnen (als Dalit bezeichnen sich Unberührbare in Indien), hörte eine Reihe von Zeugenaussagen – vom Syngenta-Konzern (ein Zusammenschlus der Agro-Sparten von Novartis und Zeneca, Anm. d. Red) über Regierungsbeamte bis zu lokalen NGOs. Der Rat verurteilte einen Großteil der Vorschläge der Vision 2020 und stellte ihr eine eigene entgegen: „Wir wollen eine Landwirtschaft, die unsere Eigenständigkeit sichert, gemeinschaftliche Kontrolle über Ressourcen, die Erhaltung gesunder Böden, einer Vielfalt an Feldfrüchten, Bäumen und Vieh, und auf unserem traditionellen Wissen, unseren praktischen Fähigkeiten und lokalen Institutionen aufbauen.“

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