Raubbau in den Wäldern Kaschmirs

Illegale Abholzung und Holzschmuggel in der Himalaya-Region belasten Umwelt, lokale Wirtschaft und Sozialstruktur. Die politischen Unruhen erschweren den Kampf gegen Korruption und Misswirtschaft.

Von Eva Maria Teja Mayer
Schätzungen zufolge dürfte ein Viertel der ca. 20.000 km2 Wald in Jammu & Kaschmir den Aktivitäten der Holzräuber zum Opfer gefallen sein.

Underkal im Distrikt Shopian im indischen Unionsstaat Jammu & Kaschmir (J&K), Sommer 2010: Vom letzten Halt des Sammeltaxis sind es noch zwei Stunden Fußmarsch durch Wald- und Weidegebiet. Der Fotojournalist Nisar ul-Haq hat mit der Familie, mit der wir über ihr „Holzgeschäft“ reden wollen, alles ausgehandelt: für uns beide 1.500 Rupien (umgerechnet etwa 23 Euro) für Kost und Übernachtung, Interviews und Fotoerlaubnis inklusive. Einzige Bedingung für mich: keine Veröffentlichung in lokalen Medien. Und Verwendung von Code-Namen. Dass illegales Schlägern und der Verkauf des Holzes die Lebensgrundlage für viele Kaschmiri darstellt, behauptet auch unser Gastgeber Ahmed Khan*), 35. Zwar besitzt seine Familie unten im Tal kleine Reisfelder und neben drei Ponys auch einige Ziegen, zwei Büffel und Geflügel, aber: „Das ist für den Eigenbedarf – überleben können wir nur vom Holzgeschäft.“ Ahmeds zehnköpfige Familie teilt sich zwei Räume; die Ziegen drängen sich nachts in einer durch Bretter abgetrennten Ecke zusammen. Gekocht wird auf einem Lehmherd mit offenem Feuer. Wasser holen die Mädchen von einer Quelle; Hausarbeit und das Sammeln von Brennholz sind Frauensache.

Die Wälder gehören dem Staat, doch das hält keinen vom Schlägern ab. „Die Regierung kümmert sich nicht um uns“, sagt Ahmeds Bruder Majid* bitter. „Und korrupt sind sie sowieso alle.“ Obwohl seine Familie im Sommer eine Silberföhre pro Tag fällt, beklagt Ahmed sein geringes Einkommen: „Wir verdienen nur 4.000 Rupien (63 Euro) im Monat! Und davon bezahlen wir noch die Kommission an die Beamten!“ Die „Kommissionszahlungen“ – 25 bis 75% des Gewinns, abhängig von Qualität und Distrikt – gehen an Polizei und Forstbeamte; denen bringt dieser „Nebenerwerb“ ein Vielfaches des Einstiegsgehaltes von ca. 8.000 Rupien (126 Euro) im Monat.

Trotzdem darf man Ahmeds Rechnung anzweifeln: Bis zu 7.000 Rupien (umgerechnet 110 Euro) bringt nach Insiderschätzung ein ca. 30 Meter langer Föhrenstamm auf dem Schwarzmarkt in der Stadt. Sein Einkommen muss viel höher sein als er sagt. Ein verlockender Verdienst. Der Tageslohn eines Facharbeiters beträgt nur etwa 350 Rupien (fünf Euro).

Die – unbewaffneten – Waldhüter werden immer wieder überfallen. Aber nicht nur sie leben gefährlich. Dass es auch neugierige Journalisten erwischt, erfahren Nisar und ich im kleinen Dorf Dunaru. Wieder ist alles vereinbart. Altaf, 20, erzählt bereitwillig aus dem Alltag der 15-köpfigen Großfamilie. „Möchtest du ein neues Haus bauen, so sagst du uns, wie viel Holz du benötigst. Ein Mitglied meiner Familie trifft sich dann mit dem Forstbeamten im Wald, um eine Vereinbarung zu erzielen“, erzählt er mir bereitwillig. In einem guten Monat komme man auf 20 Bäume, im schneereichen Winter höchstens auf fünf. Für 23 Uhr verspricht er uns einen Fototermin.

Als wir mit Altaf aufbrechen, erwartet uns an der Wegkreuzung nicht der erhoffte Ponytransport. Zwei Gestalten springen aus dem Dickicht, ein junger Guerillakrieger mit Kalaschnikow, der andere mit verhülltem Gesicht, einen Knüppel in der Hand. Sie fallen über uns her, verprügeln uns und entreißen uns Handys und Kameras. Altaf wird über Nacht als Geisel genommen … Was war passiert? „Das Ganze war minutiös geplant“, meint später ein Freund, ein ehemals aktiver Freiheitskämpfer. „Entweder eure Gastfamilie wollte doppelt kassieren oder der zuständige Forstbeamte wollte euch loswerden. Der Guerillakämpfer hat wohl auf eigene Faust gehandelt und sich ein Taschengeld verdient …“

Die Armee hört nicht gern Klagen über korrupte Soldaten. Viel lieber betont man die gute Kooperation mit kaschmirischen Forstbeamten. „Wenn wir während der Nachtpatrouille einen Holztransport stoppen, stellen wir die Personalien der Schmuggler fest und informieren sofort das Forst-Department“, sagt Major Rajiv im Distrikt Bandipora. „Die holen sich das Holz am nächsten Morgen.“

Auch Sägemühlenbesitzer und Lokalpolitiker beteiligen sich am Raubbau an der Natur. Der J&K-Forst- und Umweltminister Mian Altaf spricht von einer „Mafia“, die es zu bekämpfen gilt. Flammende Appelle an den Beamtenapparat und Aktionen wie Wiederaufforstung beim Wulnar-See im Distrikt Bandipora stoppen die unkontrollierte Abholzung aber nicht. „2010 hat sich die Situation aber in vielen Distrikten gebessert“, beharrt der Minister, als ich ihn zum Interview treffe.

Syed Qadri, als Distrikts-Forstbeamter (DFO) von Pulwama und Shopian verantwortlich für 600 Quadratkilometer Waldgebiet, möchte das Problem an der sozial-wirtschaftlichen Wurzel packen. Mit Rückendeckung des Forstministers startete er ein Rehabilitierungsprogramm für „reuige“ Holzschmuggler. Nisar und ich treffen den Beamten in seinem Büro, vor dem eine lange Schlange von Bittstellern wartet. „Die Arbeitslosigkeit hier ist so hoch, dass viele sich als reuige Holzfäller ausgeben, um einen der neuen Jobs zu ergattern. Unlängst erklärte mir ein halbblinder Greis, er sei Schmuggler…“

Wer es auf die offizielle Liste schafft, muss eine eidesstattliche Erklärung abgeben, nie wieder illegal Holz zu schlägern oder zu verkaufen. Nach einem zweiwöchigen Crashkurs werden die ehemaligen Holzschmuggler als Forst-Hilfsarbeiter angestellt; trotz des mageren Einstiegsgehalts von 1.500 Rupien (24 Euro) ist der Andrang groß. Im Hof präsentiert uns der DFO seine neuen Hilfskräfte. Tariq Khan, 28, stammt aus einem Bergdorf. Von Waldhütern hörte er von dem neuen Programm. „Ich bin als ältester Sohn für meine Familie verantwortlich, 14 Personen sind von mir abhängig.“ Reichen dafür 1.500 Rupien? Tariq zuckt die Schultern. „Später wird es mehr“, hofft er. Schließlich kennt er alle Schmugglertricks, auch die Gewohnheiten der korrupten Waldhüter.

Auch der Korruption in den eigenen Reihen hat der umtriebige DFO den Kampf angesagt. „Ertappen wir Forstbeamte auf frischer Tat, werden ihnen bis zu 35% ihres Gehaltes abgezogen.“ Die Erfolgszahlen der letzten vier Monate stimmen Qadri zuversichtlich: „3060 Kubikfuß (umgrechnet 110 Kubikmeter) Holz wurde beschlagnahmt, dazu 139 Ponys und etliche Transportfahrzeuge!“ Auch 425 Anzeigen wurden erstattet: Der Forstbeamte kämpferisch: „Solange ich hier das Sagen habe, herrscht hier nicht das Gesetz des Dschungels!“

* Namen von der Redaktion geändert.

Eva Maria Teja Mayer lebt als freie Autorin und Journalistin in Wien. Reisen und Feldforschung, vor allem in Südasien. Im vergangenen Jahr recherchierte sie über vier Monate in Pakistan.

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