Raus aus der Nische

Mit einem EU-geförderten Projekt wurde drei Jahre lang die Idee des Fairen Handels beworben. Die Bilanz kann sich sehen lassen.

Von Ralf Leonhard
Eine gelbe, mit Bananen bemalte Straßenbahn zog zum Jahresende 2002 zwei Wochen lang ihre Runden um die Wiener Ringstraße. Im Inneren wurden den durch die originelle Dekoration neugierig gemachten Passagieren Kostproben fair gehandelter Produkte verabreicht.
In Innsbruck und Landeck erzählte die Kakaoproduzentin Daniela Manzueta aus der Dominikanischen Republik, wie stabile Preise und verlässliche Handelspartner den Lebensstandard von Kleinbauernfamilien rasch heben können. In Pinkafeld im Burgenland berichtete der paraguayische Zuckerbauer Albino Bogarín über die Schwierigkeiten, hochwertigen organischen Rohrzucker auf dem geschützten europäischen Markt zu platzieren.
Im vergangenen Monat ging das Projekt der „Fairen Wochen“ zu Ende. Drei Jahre lang hatte die Südwind Agentur gemeinsam mit FAIRTRADE Österreich, der Vermarktungsorganisation der fair gehandelten Produkte, landauf landab für fair gehandelte Produkte geworben. Eine Zusammenarbeit, die für Gertraud Akgün-Krenn von FAIRTRADE „wirklich genial“ war, „weil Faire Wochen ohne die Südwind Agentur vollkommen unmöglich gewesen“ wären. Die Südwind-Regionalbüros ermöglichten die Organisation Dutzender lokaler Veranstaltungen, die das Herzstück der Kampagne ausmachten. Die Bekanntheit der Marke Fairtrade hat sich von 23 Prozent im Jahr 1999 auf 38 Prozent 2002 deutlich gesteigert. Allerdings, so gibt Gertraud Akgün-Krenn zu bedenken, kann man nicht aufschlüsseln, wie viel davon jetzt genau auf die gleichzeitig laufende Werbeaktion zurückzuführen ist.

So lassen sich auch die anderen Erfolge nur schwer der einen oder anderen Aktion zuschreiben. Der Umsatz des fair gehandelten Kaffees konnte im Projektzeitraum österreichweit um imposant klingende 52 Prozent gesteigert werden. Mit einem Zuwachs des Marktanteils von 1,7 auf 2,5 Prozent bleibt der faire Kaffee allerdings immer noch ein Nischenprodukt. Entsprechend wird er im Handel auch eingestuft.
Die Handelskette SPAR, so Nicole Berkmann, Bereichsleiterin Konzerninformation und Öffentlichkeitsarbeit, zieht für die Fairtrade-Produkte keine gesonderte Bilanz. Sie werden auch nicht eigens beworben. Wenn diese Produkte in den Medien immer wieder präsent sind, so „durch die gute Arbeit der FAIRTRADE-Leute“. Insgesamt bewege sich deren Umsatz aber „nach wie vor im kleinen Prozentbereich“.
Als wirklicher Renner hat sich jedoch die 2002 eingeführte Bio-Banane aus Ecuador erwiesen. Von dieser fair gehandelten Frucht werden wöchentlich nicht weniger als 40 Tonnen umgesetzt.
Dass in den letzten Jahren die Nachfrage nach fair gehandelten Produkten steigt, ist unbestritten. Allerdings fällt die Einschätzung, welche der Maßnahmen wie stark dafür verantwortlich ist, schwer.
Auch Ernst Gassner von den Weltläden. Im April wurde in Horn bereits der 75. Weltladen eröffnet. Vor drei Jahren waren es weniger als 60. In dieser Zeit sei man auch der Kundschaft mit professionelleren Öffnungszeiten und einer größeren Angebotsvielfalt entgegengekommen. Nach einer guten Entwicklung des Gesamtumsatzes in den Jahren 2002 und 2003 erwartet Gasser jetzt eine Phase der Stagnation.

Während die Tagespresse vor allem über Events im Rahmen des Projekts berichtete, haben die Magazine von Gewerkschaften und Verbraucherschutzorganisationen die Produkte des fairen Handels auch nach Qualitätskriterien durchleuchtet und ihnen dabei äußerst positive Zeugnisse ausgestellt. Bei Konsumentinnen und Konsumenten, die bewusst einkaufen, setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Produkte nicht nur frei von Pestiziden, sondern auch frei von Kinderarbeit oder menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen erzeugt sein sollten. Das ist sicherlich zumindest zum Teil ein Verdienst der „Fairen Wochen“.
Nicht zu unterschätzen ist auch die Vorbildwirkung politischer VertreterInnen und Instanzen. Der Nationalrat hat schon vor der Kampagne auf fairen Kaffee umgestellt. Es folgten die Landesregierungen von Niederösterreich und Steiermark. In Innsbruck habe sich, so Veronika Knapp von der Südwind-Regionalstelle Tirol, zwar nicht der Landtag, aber immerhin der sozialdemokratische Vizelandeshauptmann Gschwentner entschlossen, sein Büro auf Fairtrade-Kaffee umzustellen.
Dass auch das legendäre Café Dommayer im Wiener Nobelbezirk Hietzing fairen Kaffee serviert, ist ein beachtlicher Prestigeerfolg.
Unter den im Projektantrag formulierten Zielen ist vorgesehen, dass nach jeder fairen Woche zwei Betriebe umstellen. Hat die Kampagne, deren Nachfolgeantrag nicht finanziert wird, über eine Steigerung des Bekanntheitsgrades und der Umsätze etwas bewirkt? Offenbar doch. Denn das Land Niederösterreich wird heuer aus dem eigenen Budget „Faire Wochen“ veranstalten. Und im Umweltministerium wurde man dazu angeregt, eine Woche der Nachhaltigkeit zu planen.

Der Autor lebt als freiberuflicher Journalist und Korrespondent mehrerer deutschsprachiger Zeitungen in Wien.

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