Reisen ohne Urlaub

Von Rudi Lindorfer ·

Welche Bücher könnten Ihren diesjährigen Sommer bereichern? Warum nicht solche, die mit Reisen zu tun haben, meint der Buchhändler unseres Vertrauens.

Reisen hat nicht immer etwas mit Tourismus zu tun. Das belegt jener Teil der Menschheit, der sich mehr oder weniger freiwillig „länger von seinem Heimatort entfernt“ (Wahrig Deutsches Wörterbuch): HandelsvertreterInnen, SportlerInnen, Monteure, Söldner, SaisonarbeiterInnen, KongreßtouristInnen usw.

Unfreiwillig Reisende wie Vertriebene und Flüchtlinge hatte Matthias Claudius nicht im Sinn, als er behauptete, „wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“. Dabei haben gerade die Menschen aus der letzten Gruppe einiges zu sagen, aber wer hört ihnen zu?

Es gibt Menschen, die für teures Geld eine Abenteuerreise mit kalkulierbarem Risiko buchen und sich dann zu Hause auf die Schulter klopfen lassen für ihren Wagemut und die überstandenen Mühen. Für andere ist Reisen kein Abenteuer, sondern ein Überlebenskampf im Sinne des Wortes.

Reiseliteratur im doppelten Sinn ist Rafik Schamis „Reise zwischen Nacht und Morgen“. Valentin, ein abgehauster Circusdirektor, wird von einem längst vergessen Freund aus seiner Kindheit in den Orient eingeladen. Bringt das Wesen des Circus‘ schon das Reisen mit sich, setzt dazu der Autor die LeserInnen auf einen fliegenden Teppich, gewoben aus zahlreichen Geschichten. Rafik Schami erzählt keine Märchen, er erzählt Träume und Alpträume, die wahr werden könn(t)en. Er schleust seine LeserInnen in das Buch ein, läßt sie mit Liebenden bangen und sich über gewalttätige Militärs empören. Eine Reise, die vergessen läßt, daß sie sich im Kopf abspielt.

Die klassische Art der Reiselektüre stellt James Hamilton-Patersons „Seestücke“ dar. Er befuhr die Meere der Welt, besuchte ihre Küsten und verwob Historie, Mythologie und persönliche Erlebnisse zu einem literarischen Reisebericht, der den LeserInnen, die vielleicht gerade ihre Zehen vom Wasser des Mittelmeeres umspülen lassen, die Dimensionen der Ozeane nahebringt. Und das keineswegs auf belehrende Weise, sondern mit einer Begeisterung, die mitreißt in die dunklen Tiefen der See, die stranden und nach Luft schnappen läßt, liest man über die Absurditäten internationaler Fischfangabkommen. Wenigstens während der Lektüre dieses Buches werden auch eingefleischte Landratten zu Seefahrern.

In dem Roman „Die Reise“ schreibt Mahmud Doulatabadi über die Familie von Mochtar, der, weil seine Handwerkskunst als Schmied in einer persischen Stadt in Zeiten der Technisierung nicht mehr gefragt ist, sich in Kuweit irgendeine Arbeit suchen will. Ein Mann, der „nur“ will, daß seine Familie satt wird – ein Wirtschaftsflüchtling. Der Autor erzählt nur in Andeutung von der Reise, aber er schreibt von ihren Folgen auf die Frau und die Tochter Mochtars, die monatelang auf Geld oder wenigstens auf ein Zeichen von ihm warten. Und er erzählt von Marhab, der auf der Suche nach Arbeit in der Stadt auftaucht und im Haus Mochtars landet.

Auf ebenso eindringliche Art stellt Tom Coraghessan Boyle in „Wassermusik“ das Reisen und das Zuhausebleiben dar. Er folgt den Spuren Mungo Parks, der als erster Europäer den Niger befahren hat und der bei seiner zweiten Befahrung (wahrscheinlich) einem Angriff der Flußanrainer zum Opfer fiel. Dem hehren Forschergeist und der Abenteuerlust – im Auftrag der Afrika-Gesellschaft und der britischen Regierung und im Dienste der Zivilisation selbstverständlich – stellt der amerikanische Autor mit afrikanischen Wurzeln das Leben der sozialen Unterschicht in London um diese Zeit, um das Jahr 1800, gegenüber. T. C. Boyle läßt die beiden unterschiedlichen Lebenswelten aufeinanderprallen: Auf der einen Seite der rastlose Forscher, den seine Kinder kaum kannten, und auf der anderen Ned Rise, ein Trunkenbold und Trickbetrüger, „dessen Kindheit weder Oliver Twist noch David Copperfield gehabt hatten“, der der Expediton strafzugeteilt wird.

Der Roman mischt Geschichte und Fiktion und erreicht so eine erschütternde, spannungsgeladene Realität.

Die Reise durch einen Zauberspiegel beschreibt Syl Cheney-Coker in „Der Nubier“. Der Seher Sulaiman kann das Schicksal seines westafrikanischen Volkes voraussehen. Als mythische Gestalt geht er durch Zeiten und Länder. Er sieht die Rückkehr der freigelassenen Sklaven aus Amerika, die Unterdrückung durch die Engländer, den Kampf um Selbständigkeit und den ruinösen Verfall unter den korrupten Machthabern. Diese sind es auch, die seinem Volk die Würde nehmen. Ein Meisterwerk des magischen Realismus, eine Reise durch die westafrikanische Seele und, wie Karl-Markus Gauss schreibt: „ein wundersam lebensfroher Roman, der dem fortgesetzten Elend Daseinslust und Rebellengeist entgegensetzt“.

Falls es Sie interessiert, was ich selbst auf die Insel mitnehme:

David Sedaris, „Nackt“, Haffmans, Zürich 1999, 352 Seiten, öS 285,-. Weil es anscheinend wirklich schrecklich (!) komisch ist.

Tom Robbins, „Salomes siebter Schleier“, rororo, Reinbek 1997, 557 Seiten, öS 123,-. Weil es mir eine Stammkundin empfohlen hat.

Alejandro Jodorowsky, „Wo ein Vogel am schönsten singt“, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1998, 464 Seiten, öS 181,-. Schon einmal habe ich es mit großem Vergnügen gelesen.

Ulla Hahn (Hg.), „Gedichte fürs Gedächtnis“, DVA, Stuttgart 1999, 304 Seiten, öS 291,-. Zum Inwendig-Lernen und Auswendig-Sagen.

… und einige Bilderbücher, die Johanna (bald 3 Jahre) aussuchen wird. Ich hoffe, sie wird sich dabei einschränken (lassen).

Rafik Schami, „Reise zwischen Nacht und Morgen“, dtv, München 1999, 381 Seiten, öS 123,-.

James Hamilton-Paterson, „Seestücke“, btb, München 1998, 383 Seiten, öS 124,-.

Mahmud Doulatabadi, „Die Reise“, Unionsverlag, Zürich 1999, 127 Seiten, öS 109,-.

Tom Coraghessan Boyle, „Wassermusik“, rororo, Reinbeck 1998, 712 Seiten, öS 131,-.

Rudi Lindorfer ist Buchhändler der Südwind Buchwelt in Wien.

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