Religionen im Aufwind

Vom allmählichen Verschwinden und vom Absterben der Religionen wird seit über 200 Jahren gesprochen. Heute stellt sich das als realitätsferne Phantasie heraus, meint Andre Gingrich.

Von Andre Gingrich
Die Vertreter der Aufklärung drückten das Absterben der Religionen teils als Gewissheit, teils als Hoffnung, teils aber auch als Sorge aus. Ein beachtlicher Teil der nationalen und bürgerlichen Emanzipationsbewegungen des 19. Jahrhunderts verfolgte diese Idee mit wachsender Begeisterung. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erwuchs daraus zum einen in der radikalsten Variante des Nationalismus in Europa, nämlich im Nationalsozialismus, ein starker anti-religiöser Flügel. Zum anderen haben alle Ideologien und Kräfte der Linken, aber insbesondere die verschiedenen kommunistischen Bewegungen, sich selbst seit jeher als konsequenteste Fortsetzer dieser Idee verstanden.
Am Höhepunkt des „Kalten Krieges“ sah es dadurch zwei, drei Jahrzehnte hindurch tatsächlich so aus, als wäre das „Absterben der Religionen“ ein unausweichliches und globales Phänomen der damaligen Gegenwart geworden. Dieser Eindruck, den man etwa in den 1970er Jahren noch bei oberflächlicher Betrachtung gewinnen konnte, mutet heute selbst schon wie eine wirre und realitätsferne Phantasie an – so sehr hat sich die Welt seither verändert.

Heute, 15 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, zeigt sich viel deutlicher das, was damals nur wenige wahrhaben wollten: Grundsätzlich ist die Säkularisierung ein Teil des europäischen Sonderwegs geblieben, wie der Klassiker der deutschen Soziologie Max Weber einmal ganz richtig diagnostiziert hat. Schon die Etablierung der Vereinigten Staaten von Amerika beruhte nicht nur auf der Vertreibung und Vernichtung der indigenen Bevölkerung, und nicht nur auf der gewaltsamen und verlustreichen Überführung von SklavInnen aus Afrika, sondern auch auf der massenhaften Exilierung von Angehörigen protestantischer Strömungen und Sekten aus Europa. Ihre Nachkommen sind heute zur dominanten kulturellen Gruppe der USA aufgestiegen. Der übliche Alltag dieser „Wasps“ (White Anglo-Saxon Protestants) kennt nur sehr wenige „religionsfreie“ Sphären.
Säkularisierung ist also bislang ein Teil des europäischen Sonderweges geblieben, auch wenn er von hier aus intensiv in viele andere Teile der Welt exportiert wurde: als frankophones Modell nach Tunesien oder in den Senegal, als „arabischer Sozialismus“ nach Syrien, in den Irak oder den Jemen; als nationale oder national-kommunistische Ideologie nach Angola, Mosambik, Simbabwe oder Namibia, in die nationalen Befreiungsbewegungen Ost- und Südostasiens ebenso wie nach Lateinamerika und in die Karibik.
Spätestens an diesem Punkt hat sich die Säkularisierung ein weiteres Mal gespalten. Ein Teil ihrer Strömungen widmete sich dem Los der Armen und Entrechteten, sie verbanden sich dort mit religiösen Kräften, die grundsätzlich das Selbe wollten. Buddhistische Mönche leisteten während der Kämpfe in Vietnam Seite an Seite mit dem Vietcong Widerstand gegen die USA. Islamische und linke Guerillas kämpften gemeinsam gegen die sowjetischen Okkupanten in Afghanistan. Armenpriester, Bischöfe und die „Theologie der Befreiung“ in Lateinamerika standen und stehen in nichts jenen Kräften nach, die für Gerechtigkeit aus säkulären Motiven heraus eintraten. Dieser mehr oder minder starke Teil der Säkularisierung hat oft Wurzeln geschlagen, ist „einheimisch“ geworden in Afrika, Asien oder Lateinamerika – gerade auch mithilfe des Dialoges und der Koexistenz mit religiösen Kräften, die Ähnliches wollen.
Ein anderer Teil der globalen Säkularisierung jedoch hat verloren, ist korrumpiert oder isoliert und als das identifiziert, was er immer war: eine Variante fremder, oft mit Zwangsmitteln eingeführter europäischer Ideologien, deren Ideale fernab von dem liegen, was die Mehrheit der einheimischen Bevölkerung fühlt, hofft und glaubt.

Religiöse Kräfte erhalten weltweit neuen Auftrieb. Migrationsbewegungen, neue Medien und die Vereinsamung inmitten globaler Verstädterung helfen diesem Trend auf allen Ebenen nach. Dass Menschen in schwierigen Zeiten nach Sinn und Hoffnung suchen, ist erfreulich und schön. Es sollte auch atheistische oder agnostische Menschen nicht beunruhigen, sondern optimistisch stimmen, ob ihnen nun die eine Religion sympathischer als die andere ist oder nicht.
Die aktuelle Phase der Globalisierung gibt dem Religiösen in all seiner neuen Vielfalt eine neue historische Chance, das ist eine zu akzeptierende Tatsache. Auch hier werden sich Differenzierungen ergeben zwischen jenen, die nur Macht wollen, und jenen, die der Gerechtigkeit und Menschenwürde den Vorzug geben. Und Letztere werden allerorts, ob im Islam, Hinduismus, Voudou, Christentum, Buddhismus oder Judentum, sich zunehmend auf etwas Neues einstellen müssen: Wo Religionen mehr und mehr zusammenrücken, miteinander und mit nicht-religiösen Kräften zusammen leben, da ist eines unabwendbar. Auch diese nicht an Macht orientierten Teile der neuen Religiosität werden untereinander und mit säkulären Kräften den lange währenden und leisen Dialog suchen müssen. Die Zukunft gibt dem rechthaberischen Beharren auf Eigenem immer weniger Chancen. Früher oder später bleibt das aufklärende Gespräch mit anders Denkenden kaum jemandem erspart.

Der Autor ist Professor für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien und Wittgensteinpreisträger 2000. Derzeit leitet er das FWF-Forschungsprojekt ?Lokale Identitäten und überlokale Einheiten? und ist Obmann der Kommission für S

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