Rodrigo Rey Rosa: Tanger

Von Michael Schwarz
Roman. Aus dem guatemaltekischen Spanisch von Arno Gimber. Rotpunktverlag, Zürich 2003. 185 Seiten, EUR 17,50

Ein marokkanischer Hirtenjunge rettet ein verirrtes Schaf aus den Fluten des Meeres. Der Beginn der Geschichte, die in Tanger spielt, weckt Hoffnung. Gespannt sucht man beim Lesen nach einem Faden, der weiterführt.
Da ist ein namenloser kolumbianischer Tourist, dem in einem Stundenhotel aus lauter Naivität sein Pass abhanden kommt. Er ist deshalb gezwungen, in Tanger zu bleiben, bis er einen neuen Ausweis erhält und Geld von seiner Frau aus Kolumbien eintrifft. Nun sitzt er fest, weil er seine Herkunft und seine Identität verloren hat. Aber will er wirklich zurück? Er scheint den unfreiwilligen Aufenthalt zu geniessen. Zum Zeitvertreib kauft er sich eine Eule und sperrt sie in sein Zimmer ein. Weil das erhoffte Geld nicht eintrifft, lässt er sich auf dunkle Geschäfte ein.
Und da ist der junge Hirte, der nachts am Meeresufer für einen geheimnisvollen Deal Schmiere stehen soll und als Glücksbringer eine Eule braucht. Zufällig trifft er im Zimmer des Kolumbianers auf die gefangene Eule und entwendet sie ihm.
Der Guatemalteke Rodrigo Rey Rosa erzählt in seinem ihm eigenen Stil viele Einzelheiten, die sich logisch aneinander reihen. Alles ist auf das Einfachste reduziert und bleibt doch rätselhaft. Die Handlung der Geschichte verläuft sich unaufgeklärt im Dunkeln, weil sie in den Augen des Verfassers unaufklärbar ist. Nur die Eule findet am Ende ein neues Leben in der Freiheit.
Der Text von Rodrigo Rey Rosa steht im Gegensatz zum so genannten „magischen Realismus“ Südamerikas, weil er wie unter einer Lupe bis ins kleinste Detail konkrete Ereignisse schildert und gleichzeitig größere Zusammenhänge vermissen lässt. Wer den Roman liest, kann selber weiter phantasieren und weiter denken.

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