Rohstoffe richtig verwalten

Welche Herausforderungen und Chancen bedeuten hohe und schwankende Rohstoffpreise für die Produktionsländer? Die Wirtschaftswissenschaftlerin Machiko Nissanke schlägt im Gespräch mit dem Südwind-Magazin eine Transaktionssteuer für den Rohstoffhandel zur Stabilisierung der Preise vor.

Von Barbara Ottawa
Brasilianische Broker handeln mit so genannten Termingeschäften, also mit Geschäften, die erst in der Zukunft erfüllt werden. Nicht zuletzt wird auf die Entwicklung von Rohstoffpreisen „gewettet“.

Kommt nach einer Rohstoffblase bald die nächste? Viele Analysten hatten am Rohstoffmarkt für die vergangenen zehn Jahre Preisübertreibungen angezeigt. Zu spüren bekommen hatten die vor allem Bäuerinnen und Bauern, Händlerinnen und Händler, und in manchen Ländern auch Konsumentinnen und Konsumenten. Zwar geht der Blase die Luft aus, es ist aber sehr wahrscheinlich, dass es bald wieder zu Preisanstiegen kommen wird.

Zwischen dem Jahr 2002 und 2008 hatte sich etwa der von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) berechnete Nahrungsmittelindex von 100 Punkten auf 250 Punkte mehr als verdoppelt. Nach einem kurzen Einbruch der Preise auf knapp unter 200 Punkte stiegen sie seit 2009 wieder auf ihr bisheriges Höchstniveau an.

„Historisch gesehen gab es immer eine hohe Handelsfrequenz auf den Rohstoffbörsen, weil Rohstoffe sehr anfällig für plötzliche Angebots- und Nachfrageschocks sind,“ erläutert Machiko Nissanke von der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London gegenüber dem Südwind-Magazin. Nissanke weilte auf Einladung der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) in Wien. Anlass war ein laufendes ÖFSE-Forschungsprojekt zu den Auswirkungen der Preisschwankungen auf den Rohstoffmärkten (siehe auch Info-Box).

Nissanke ist selbst sehr gespannt auf die Ergebnisse der ÖFSE-Studie, denn: „Die heutigen Rohstoff-Futures-Märkte funktionieren nicht so wie sie sollten“, ist die Wirtschaftswissenschafterin überzeugt. Diese spekulativen Investitionen auf zukünftige (engl. future) Preisentwicklungen, die mit einem Überbegriff „Derivative“ genannt werden, erfüllen oft nicht die ursprüngliche Aufgabe des Rohstoffhandels. Eigentlich sollten sie helfen, nachfragegetriebene Preissteigerungen auszugleichen. Denn es ist zu aufwändig und teuer, jeden Rohstoff physisch in solchen Mengen auf Vorrat zu halten, um bei jeder Marktschwankung genug vorrätig zu haben.

„Auch Derivative haben eine Daseinsberechtigung, wenn sie so funktionieren wie sie sollen. Dann erfüllen sie nämlich die Rolle eines Risikoschutzes und können als sozial sinnvoll eingestuft werden“, erläutert Nissanke.

Vor der Finanzkrise waren Rohstoffe von den Investoren als „Beimischung“ zu einem diversifizierten Portfolio entdeckt worden. Analysten hatten immer wieder geraten, nicht alles auf eine Karte zu setzen und deshalb in verschiedene Assetklassen wie Aktien, Anleihen, Immobilien, Hedgefonds und eben auch Rohstoffe zu investieren. Seit der Finanzkrise gelten Rohstoffe als „sichere Häfen“ für Anleger, da das Vertrauen in Aktien und Anleihen beinahe verschwunden war.

Aber viele Finanzinvestoren handeln Rohstoffe laut Nissanke „ohne Rücksicht auf fundamentale Angebots- und Nachfragemechanismen, weil sie nur durch ‚Mitlaufen‘ bei einem Trend Profite erzielen können“. Es wäre wichtig, dass die Märkte „wieder Rohstoffproduzenten und Konsumenten dienen, die Börsen als Risikoschutz verwenden“, so die Wirtschaftswissenschaftlerin.

Die gestiegen Nachfrage nach Rohstoffinvestitionen lässt sich an der Zahl der Verträge über Derivative ablesen: Im März 2002 waren es rund 12,7 Millionen weltweit, im März 2008 jedoch bereits 47 Millionen. Die meisten werden dabei nur über eine Laufzeit von drei Monaten abgeschlossen – viel zu wenig um Marktverwerfungen wirklich auszugleichen.

Dieser „sehr kurze Horizont und das Profitstreben“ ist für Nissanke „charakteristisch“ für die Finanzindustrie. Aber so könne es nicht weitergehen. „Wenn nichts geschieht, dann müssen die Steuerzahler die Kosten tragen, die durch die Instabilität auf den Rohstoffmärkten entstehen“, warnt Nissanke. Ihr Vorschlag: „Die Einführung einer mehrstufigen Steuer basierend auf den Markttransaktionen, die sich nach den jeweiligen Marktbedingungen richtet.“

Konkret soll die Steuer so funktionieren: Wenn es sehr ruhig ist, beträgt die Steuer weniger als 0,001 Prozent. Wenn die Preise weit über das hinausgehen, was mit fundamentalen Marktdaten erklärbar ist, könnte ein höherer Steuersatz diese Spirale unterbrechen. „Das würde dem destabilisierenden spekulativen Handel ein Ende setzen“, ist die SOAS-Professorin überzeugt.

Aber Nissanke ist sich bewusst, dass eine solche Steuer „politisch schwierig durchzusetzen ist“. Dabei könnte sie ohne Anfangsfinanzierung durch die öffentliche Hand eingeführt werden. Ähnliche Hindernisse zeigen sich z.B. auch bei der Finanztransaktionssteuer (engl. Kurzform: FTT) oder der Tobin-Steuer, mit der von jedem Investment ein Bruchteil an die öffentliche Hand abgezweigt werden soll. „In der Investmentbranche ist viel Geld zu machen“, betont Nissanke. Dementsprechend wenig sind Investmenthäuser an Eingriffen interessiert. „Wahrscheinlich fürchtet die Finanzindustrie die FTT, weil diese funktionieren könnte.“ Die Wissenschaftlerin ist überzeugt, dass eine gut eingeführte Finanztransaktionssteuer entgegen den Befürchtungen der Finanzindustrie nicht zu einem „Austrocknen“ der Märkte führt. Dieser Ausdruck bezeichnet das Fehlen von Verkaufs- und/oder Ankaufsmöglichkeiten, was wiederum zu Preisverwerfungen führt.

Genau aus diesem Grund sieht Nissanke den kompletten Rückzug mancher großer Investoren aus dem Geschäft mit sogenannten „Soft Commodities“, also Agrarrohstoffen, als problematisch. Die Deutsche Bank hatte zum Beispiel angekündigt, nicht mehr in Agrarrohstoffe zu investieren. Hintergrund: Spekulationen in diesem Sektor werden für ungewöhnliche Preisanstiege über die vergangenen Jahre mitverantwortlich gemacht. Die Kundennachfrage nach solchen Investmentprodukten ist deshalb stark zurückgegangen. Aber Nissanke betont, dass ein Herunterfahren der Handelsaktivitäten in Rohstoffen oder ein völliger Rückzug einzelner Institutionen „nicht die richtige Antwort“ sei. „Die Handelsaktivitäten müssen stabilisierend wirken und es darf nicht zu einem Austrocknen der Liquidität kommen“, so die Wissenschaftlerin.


Machiko Nissanke

Für die Stabilisierung der Märkte brauche es neben mehr praxistauglichen Regulierungen und mehr Transparenz eine starke internationalen Behörde – „entweder der UN, oder eine dafür neu geschaffene“.

Für Nissanke sind Rohstoffe „der Reichtum eines Landes“. Es gelte diesen mit den Menschen, die dort leben, zu teilen. „Natürliche Ressourcen müssen in produktives Kapital, inklusive Humankapital, umgewandelt werden.“

Afrika, zum Beispiel, solle von einem Kontinent, der auf Hilfe angewiesen ist, zu einem Kontinent werden, in den investiert wird. Allerdings bedeute eine Investition auch immer Verantwortung. Nissanke sieht Afrikas Problem nicht im Geldmangel, sondern in fehlenden Institutionen, die die Rohstoffe richtig verwalten können. Zudem müsse man beim Technologie- und Know-how-Transfer, also beim „Aufbau von Wissen“, ansetzen.

Einerseits haben die gestiegenen Rohstoffpreise die Verhandlungsposition der afrikanischen und anderer rohstoffexportierender Länder gestärkt. Einige haben begonnen, Verträge mit Importländern neu auszuverhandeln. Die Preisübertreibungen haben jedoch der lokalen Bevölkerung geschadet. 

2007 war Ähnliches in den USA passiert, wenn auch in geringerem Umfang: Damals hatte die zunehmende Diskrepanz zwischen den Rohstoffpreisen und den Spekulationen auf dieselben die US-Farmer auf den Plan gerufen. Die Aufsichtsbehörde leitete daraufhin eine Untersuchung ein. „Afrikanische Bauern haben keine solche Anlaufstelle. Aber die Welt verändert sich und die Schwellenländer werden immer wichtiger“, gibt sich Nissanke optimistisch. 

Barbara Ottawa ist freie Journalistin und berichtet für inländische und ausländische Medien, vorwiegend über Wirtschaftsthemen und Geschichte.

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