Rohstoffexperte Pablo Villegas zur Ausbeutung des Globalen Südens

Von Redaktion · ·
Rohstoff-Experte Pablo Villegas mit Übersetzerin am Podium der Fachtagung im Wiener Rathaus

Welcher Wandel nötig wäre, damit die Energiewende nicht auf Kosten des Globalen Südens geht, erklärt Pablo Villegas, Rohstoffexperte aus Bolivien, im Interview.

Extraktivismus, was ist das eigentlich und was bedeutet das für Bolivien?
Damit wird die Abhängigkeit der Wirtschaft eines Landes von der Produktion und dem Export seiner Rohstoffe und vom Import von gefertigten Produkten bezeichnet. In Bolivien gibt es praktisch keine Fertigungsindustrie, also muss sehr viel von dem, was wir importieren, von Erlösen aus dem Export von Rohstoffen finanziert werden; vor allem, Edelsteine- und Metalle, mineralische Brennstoffe und Erze.  Bei uns wird wenig oder gar nicht in Forschung oder Bildung investiert.

Gibt es ein Beispiel, das die Folgen davon besonders veranschaulicht?
Wenn ein Land wie Bolivien nicht über moderne, umweltschonende, technische Kapazitäten verfügt, schlägt sich das auf die Gesellschaft nieder und löst eine Reihe von Problemen aus, u. a. für die Gesundheit der Bevölkerung. Der Abbau der Rohstoffe, wie wir ihn in Bolivien aufgrund technischer Mängel betreiben, wirkt sich zerstörerisch auf die Umwelt aus und macht damit die Menschen krank.

Was braucht es, dass sich das ändert?
Der Abbau von Rohstoffen muss nach anderen Standards geschehen – zumindest europäischen. Und es muss verhindert werden, dass europäische Unternehmen zu uns kommen und sich über Regulierungen, deren Einhaltung auf Freiwilligkeit passiert, hinwegsetzen können.

Was sagen Sie zu den europäischen Initiativen für ein Lieferkettengesetz?
Zentral ist: Die Einhaltung der Standards darf nicht auf Freiwilligkeit beruhen. Das war bei vorangegangenen Initiativen so, etwa bei der weltweit ersten Zertifizierung zur Abholzung von Wäldern in Bolivien oder jetzt zum Abbau von Lithium in Chile. Ein französisches Unternehmen etwa muss die Gesetze in Frankreich einhalten, während es das in einem afrikanischen Land aber nicht muss. Das gehört geändert.

Immer öfter gibt es Klimaklagen. Es wird dabei versucht, etwa Unternehmen aus Europa oder in Nordamerika für die Folgen ihrer Aktivitäten im Globalen Süden in die Pflicht zu nehmen. Eine Chance auf Veränderung?

Sie bergen ein gewisses Potenzial, ja. Aber es muss immer abgewogen werden, wie viel realistischer Weise damit gewonnen werden kann. Und, wie viel Aufwand im Vorhinein nötig ist. Selbst wenn nach erfolgreichen Klagen Gesetze geändert werden, dauert es Jahre, bis sie in Kraft treten! Deswegen stellt sich mir schon die Frage, ob es effizientere Maßnahmen gibt.

Und welche wären das?
Auf die Durchsetzung von Mindeststandards zu drängen und weg von der Freiwilligkeit zu kommen.

Welche Rolle spielen europäische Partnerorganisationen?
Sie sind wichtig! Es reicht nicht, sich solidarisch zu geben. Denn wir alle leben in einem gewinnorientierten Wirtschaftssystem, in dem Energie immer teurer wird. Um das auszugleichen, wird bei der Produktion immer mehr gespart werden. Ungleichheiten werden auf geopolitischer Ebene ausgefochten – schon vor 100 Jahren gab es Kriege ums Öl.

Wir in den rohstoffproduzierenden Ländern und ihr in den Konsumländern sind in verschiedenen Positionen. Aber wie zwei Beine eines Körpers: Um gemeinsam im Gleichschritt weiterzukommen, müssen wir uns koordinieren.

Und: Wir können gemeinsam daran arbeiten, dass der Raum für Diskussionen nicht immer enger wird. Öl beherrscht den Diskurs international. Es muss genauso um die Wälder, das Wasser, den Bergbau und die Umweltverschmutzung gehen!

Pablo Villegas Nava hat Anthropologie (UMSA) und Public Health (MSC, Universität Malmö) studiert. Derzeit ist er als Forscher am Centro de Documentación e Información Bolivia (CEDIB) tätig. Schwerpunkte: Geopolitik, Extraktivismus und Indigene Völker.

Das CEDIB sammelt, systematisiert, analysiert und verbreitet Informationen und konzentriert sich dabei auf den Extraktivismus und die Verteidigung der Menschenrechte.

Interview: Richard Solder und Christina Schröder

Pablo Villegas Nava war Gastredner bei der EZA-Tagung 2023 der Stadt Wien in Kooperation mit Südwind Wien. Seine Präsentation gibt es auf suedwind.at zum Nachhören:

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