Rose Mutiso fördert Forscherinnen

Von Anja Bengelstorff · · 2021/Nov-Dez
Portrait der kenianischen Wissenschaftlerin Rose Mutiso
© Mawazo-Institut

Die Kenianerin Rose Mutiso möchte junge afrikanische Wissenschaftlerinnen bei ihrer akademischen Karriere unterstützen – und hat aus diesem Grund das Institut der Ideen gegründet.

Rose Mutiso war ein Schulmädchen, als in Kenia zum ersten Mal eine Frau zur Ministerin ernannt wurde. Die Zeitungen schrieben nicht, welche Ziele die Ministerin verfolge, sondern machten sich über ihre Kleidung lustig. Es war das Jahr 1995. Hillary Clinton, damals First Lady der USA, hielt bei der UNO-Weltkonferenz der Frauen in China ihre berühmte Rede.

Clinton sagte, Frauenrechte seien Menschenrechte. Man dürfe das eine nicht länger vom anderen trennen. „Ich spürte, ohne dass ich wirklich Worte dafür hatte, dass man Frauen ernst nehmen und respektieren müsse“, erinnert sich Mutiso. „Hillary Clinton war cool. Ihre Rede half mir zu verstehen, dass meine Intuition richtig war: Frauen haben Potenzial.“

Mut und Fantasie. Heute ist sie 35 Jahre alt und hat einen Doktortitel in Physik. Als Expertin für Energiepolitik hat sie mutige Ideen, wie Afrikas Energiearmut beizukommen ist. Ihr Vortrag im Rahmen der TED-Talks-Reihe zu diesem Thema vom Juli 2019 wurde fast zwei Millionen Mal online nachgesehen.

2017, mit 32 Jahren, gründete sie das Mawazo-Institut mit, dessen Geschäftsführerin sie jahrelang war. Mawazo heißt in der Landessprache Kisuaheli Gedanken, Ideen.

Frauen sind in der Wissenschaft unterrepräsentiert – und afrikanische Frauen ganz besonders. „Wenn es um Lösungen geht für einige der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, fehlen ihre Stimmen einfach“, betont Mutiso.

Das Institut will die nächste Generation von Wissenschaftlerinnen und Vordenkerinnen in Ostafrika unterstützen, mit einem Stipendium (etwa 8.000 Euro) über ein Jahr verteilt, mit individueller Betreuung, mit Fortbildungen und Führungskräfte-Training.

Die Wissenschaft soll raus aus dem viel zitierten Elfenbeinturm, damit die jungen Forscherinnen ihre Arbeit als Dienst an der Öffentlichkeit verstehen, und sie sich selbst als Mitgestaltende in der Gesellschaft. Und mitentscheiden.

Hungrig nach Wissen. Kenianische, ja afrikanische Eltern bringen seit Generationen jedes Opfer, um ihren Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen – dies wird bis heute als einzige Chance auf ein besseres, von finanziellen Sorgen freies Leben betrachtet. „Für meine Eltern war es das Wichtigste, dass ihre Kinder, Buben wie Mädchen, akademisch erfolgreich sind. Und trotzdem setzt die Gesellschaft diese starken kulturellen Erwartungen in mich.“

Was bedeutet: Einen Haushalt führen, Kinder aufziehen, sich dem Ehemann unterordnen. „Meine drei Schwestern und ich mussten jeden Tag kochen und putzen. Meine beiden älteren Brüder haben höchstens mal Fleisch gegrillt.“ Mit Stipendien hat sie in den USA studiert und an der University of Pennsylvania promoviert. Obwohl sie sich seit ihrer Kindheit für Naturwissenschaften interessiert hatte, belegt sie anfangs fast willkürlich Kurse in anderen Disziplinen. „Ich war so hungrig nach Wissen. Gender-Studies, Wissenschaftsgeschichte, Geisteswissenschaften. Zu so vielem hatte ich vorher keinen Zugang.“

Lücken füllen. Das Bildungssystem in Kenia bilde keine Expert*innen aus, meint die Physikerin. „Es ist schwer, sowohl für Frauen als auch für Männer, in der Wissenschaft klar zu kommunizieren, unabhängig zu denken, international Netzwerke aufzubauen und sich effektiv zu positionieren.“

Bis heute dominiert laut Mutiso in Kenia Frontalunterricht, von der Grundschule bis zur Universität. Stoff auswendig lernen. Dem Lehrer nicht widersprechen. Diskussionen? Unerwünscht.

Der Mangel an Ressourcen, sagt die Kenianerin, sei ein weiteres Hindernis für Wissenschaftlerinnen auf dem Weg nach oben. Das Institut der Ideen sei als Organisation zu klein, um das System ändern zu können. „Wir können nur Lücken füllen.“

Mutiso ist inzwischen in London daheim, wo sie mit ihrem Mann lebt. Die Führung ihres Instituts hat sie vor zwei Monaten abgegeben. „Meine feministischen Überzeugungen sind so stark wie immer“, sagt sie. Und: „Ich werde definitiv weiter forschen und Wissenschaftlerinnen in Afrika unterstützen.“
mawazoinstitute.org

Anja Bengelstorff arbeitet seit mehreren Jahren als freie Journalistin in Kenia und schreibt für deutschsprachige Medien.

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