Rosen im Maschendrahtzaun

Mit einer spektakulären Aktion in Ecuador machte der österreichische Verein Südwind auf ungerechte Arbeitsbedingungen in der Blumenindustrie aufmerksam.

Von Christina Schröder
In den Maschen des Zauns, der die Landebahnen des internationalen Flughafens in Quito umgibt, stecken hunderte Rosen. Fast könnte man meinen, es handle sich um eine Werbekampagne des Verbandes der ecuadorianischen Blumenexporteure, Expoflores, wären da nicht auch Menschen mit Transparenten und die Rosen, die, wie sich beim zweiten Hinsehen herausstellt, verdörrt. „Dollars für die Wirtschaft, Dornen für die Arbeiterinnen“ rufen die über 50 DemonstrantInnen und versuchen, mit Megafonen den ohrenbetäubenden Lärm eines startenden Flugzeugs zu übertönen.
Die ehemaligen BlumenarbeiterInnen haben sich nicht zufällig hier getroffen, um ihrer Besorgnis und ihrem Ärger über die schlechten und zum Teil menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen Luft zu machen. Über 600.000 Kisten Rosen werden in den Wochen vor dem Valentinstag von hier aus in die ganze Welt geflogen. Vor allem in den USA, Europa und Russland sind sie Symbol für Liebe, Freundschaft und Freude.
Olga Trujillo kommt aus der Region Cayambe nördlich von Quito, in der für tausende Menschen die Arbeit in der Blumenindustrie die einzige Möglichkeit ist, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Jahrelang hat sie so für ihre fünf Kinder das nötigste Geld für Essen und Schule hart verdient. „Meine ersten drei Kinder habe ich praktisch nicht aufwachsen gesehen. Ich war Tag für Tag von morgens bis abends in der Plantage, trotzdem mussten wir immer um das finanzielle Überleben kämpfen. Ich habe einfach keine Alternative zur Blumenarbeit gesehen.“
Vor drei Jahren jedoch wechselte der Besitzer der Plantage „Rosas del Ecuador“ und stellte nach einigen Monaten die Produktion ein. Seither nutzen 52 Familien abwechselnd die Plantage, bauen Gemüse an und züchten Meerschweinchen und Kühe, wo vormals Rosenstöcke standen. Auch wenn die letzten drei Jahre ein einziger Kampf um die Ausbezahlung der ausständigen Löhne waren, lächelt Olga, wenn sie von ihrem „Leben nach den Blumen“ erzählt. „Ich bin aufgewacht, habe gelernt, dass es Alternativen gibt zur Plantagenarbeit. Heute bin ich mit meinen ehemaligen Arbeitskolleginnen nicht nur hier, um gegen die schlechten Arbeitsbedingungen zu protestieren, sondern auch, um denen Mut zu machen, die sich, wie ich vor ein paar Jahren, nicht trauen, aus dieser Sklaverei auszubrechen und sich dagegen zu wehren.“

Initiiert hat diese Protestaktion am 7. Februar 2006 eine Organisation aus dem weit entfernten Österreich: Südwind. Es ist die erste einer Reihe von weltweit stattfindenden Aktionen, um die österreichische und internationale Öffentlichkeit auf systematische Verletzungen von Arbeits- und Menschenrechten, die mit unserer eigenen Lebenswelt in Verbindung stehen, aufmerksam zu machen.
Im Rahmen einer Pressekonferenz kurz vor der Aktion erklärte eine anwesende Südwind-Mitarbeiterin in Ecuador, warum die Probleme der Blumenindustrie aufgegriffen wurden: „Wir sehen unsere Aufgabe darin, die Konsumentinnen und Konsumenten in Österreich und Europa darüber aufzuklären, unter welchen katastrophalen Arbeitsbedingungen die langstielige Rose produziert wird, mit der sie Freude verschenken wollen. Wir predigen keinen Boykott, sondern wir wollen die Käufer und Käuferinnen dazu bringen, nicht nur auf die Haltbarkeit und den Preis einer Rose, sondern auch auf die Arbeitsbedingungen zu achten.“
Das Echo auf diese Aktion, über die von verschiedenen Mediennetzwerken und Agenturen sofort weltweit berichtet wurde, war enorm. In den nächsten Tagen bekundeten zahlreiche NGOs und JournalistInnen aus Lateinamerika, den USA und Europa per Mail ihr Interesse an dieser Aktion und ihre Solidarität mit den ArbeiterInnen. Ein interessanter und unerwarteter Nebeneffekt: Es wurde deutlich, wie viele Organisationen und Bewegungen der Zivilgesellschaft in Ecuador gegen die schlechten Arbeitsbedingungen auftreten, trotzdem aber bisher nicht zusammengearbeitet haben. Das soll sich nun ändern, erklärte ein Vertreter einer der an der Demonstration teilnehmenden NGOs: „Nur wenn wir sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene zusammenarbeiten und Aufklärungsarbeit leisten, wird es uns gelingen, den nötigen öffentlichen Druck aufzubauen, um die Menschen über die Profite zu stellen. Erst dann kann die Rose auch wirklich Freude bereiten.“

Die Autorin ist Romanistin und Südwind-Mitarbeiterin und organisierte mit Vorstandsmitglied Leo Gabriel die Aktion in Ecuador, an der die beiden auch persönlich teilnahmen.

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