Rückschritte

Eine Schwächung des Studiums „Internationale Entwicklung“ trifft nicht nur Tausende StudentInnen, sondern den gesamten Bereich der Entwicklungspolitik in Österreich.

Von Irmgard Kirchner

Versprechen, hinhalten und schließlich schwächen. So verfährt aktuell die Politik mit der Entwicklungszusammenarbeit. Zur Erinnerung: Im Ministerrat vom vorigen Dezember hatte Vizekanzler und Außenminister Michael Spindelegger versprochen, sich für höhere Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit einzusetzen. Mitte Mai wurde im Nationalrat in Gestalt des Bundesfinanzrahmengesetzes 2012-2015 ihre massive Kürzung beschlossen.

Nach Versprechungen und Verzögerungen droht nun auch dem Studium der Internationalen Entwicklung auf der (autonomen) Universität Wien eine Schwächung, die die inhaltliche Eigenständigkeit – wenn nicht gar den Fortbestand – des im deutschsprachigen Raum einzigartigen Studiums bedroht.

Dieses droht Opfer seines eigenen Erfolges zu werden: tausende Studierende, ein internationales Profil als Ort der Forschung und Lehre zum Gegenstand Entwicklung. Der erst seit 2002 existierende, als Diplomstudium angelegte interdisziplinäre Studiengang wurde 2010 als eigenständiges Institut mit den notwendigen räumlichen und personellen Ressourcen ausgestattet.

Seit zwei Jahren wird „Internationale Entwicklung“ gemäß dem Bologna-Prozess als Bachelor-Studium angeboten. Die sich daraus zwingend ergebende Einführung des Masterstudiums – geplant ab Herbst – gestaltet sich allerdings mehr als schwierig. Zuerst war von Finanzierungsschwierigkeiten die Rede, dann von inhaltlichen Mängeln des ausgearbeiteten Studienplans (siehe Interview Seite 10). Stoßrichtung: wieder mehr Auslagerung zurück in die Fakultäten, die in der „Internationalen Entwicklung“ interdisziplinär zusammengeführt wurden.

Das Institut für Internationale Entwicklung ist in Österreich nicht der einzige universitäre Ort, an dem international ausgerichtete, kritische Wissenschaft betrieben wird. Aber nur dieses Studium hat als zentralen Gegenstand „Entwicklung“ – wie kritisch auch immer sie ihm gegenübersteht. Hier sind die Kompetenzen gebündelt, über Ungleichheit und Verteilung im Rahmen einer wie auch immer zu definierenden Weltgesellschaft zu forschen. Dass „Entwicklung“ auf der Universität überhaupt repräsentiert ist, ist einer Gruppe von namhaften österreichischen WissenschaftlerInnen zu verdanken. Anfang der 1990er Jahre schlossen sie sich zusammen, um für die Einrichtung eines „überfakultären Senatsinstituts“ zu kämpfen. Von Anfang an ging man davon aus, dass das komplexe Thema „Entwicklung“ nur inter- oder transdisziplinär verstanden werden kann. Und jetzt soll wieder auseinander dividiert werden, was mühsam integriert wurde?

Wird nicht zügig ein entsprechend ausgestattetes Masterstudium eingeführt, müssen die StudentInnen ihren Master in anderen Studienrichtungen absolvieren. Ihr Know-how und ihr (überdurchschnittliches) Engagement gingen der „Internationalen Entwicklung“ erst einmal verloren.

Nimmt man dem Studium seine Eigenständigkeit, geht der gesamte Bereich Entwicklungspolitik wertvoller Grundlagenarbeit verlustig.

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