Ruf nach Gerechtigkeit

Von Erhard Stackl ·

Vierzig Jahre nach dem blutigen Militärputsch versuchen junge Menschen in Chile, mit kreativen Ideen ein soziales und menschlicheres System zu erreichen.

María José Contreras platzte der Kragen. Sie konnte nicht fassen, dass es in Chile vierzig Jahre nach dem Militärputsch noch MittäterInnen gab, die behaupteten, von Mord und Folter nichts bemerkt zu haben. So rief Contreras, eine Performance-Künstlerin, via Internet zu einer Straßenaktion gegen jene auf, „die wegschauen wollen“.

Am Vortag des 11. September bildeten 1.210 ChilenInnen (das ist die Zahl der Diktaturopfer, die noch immer verschwunden sind) vor dem Regierungspalast „La Moneda“ beginnend, eine  Menschenkette. Dann legten sie sich aneinandergereiht auf den Boden. „Ich wollte diese menschliche Wunde mitten in der Stadt zeigen“, sagte Contreras, „eine Wunde, die zugleich unsichtbar und doch vorhanden ist.“

Viele PassantInnen in Santiagos pulsierendem Zentrum zeigten sich von der Aktion beeindruckt. Der nächste Tag endete allerdings mit Straßenschlachten zwischen DemonstrantInnen und Polizei; es gab dutzende Verletzte und 264 Verhaftungen.
Dabei sah es heuer so aus, als würde in Chile die Vergangenheitsbewältigung vorankommen. Zuerst hatte die Vereinigung der Richter wegen deren Passivität während des Staatsterrors um Vergebung gebeten. Damals hatten sich die meisten RichterInnen gegenüber Angehörigen der mehr als 3.000 Ermordeten und fast 40.000 Gefolterten als ahnungslos gegeben. Dann lud Staatspräsident Sebastián Piñera, ein rechtskonservativer Unternehmer, zum gemeinsamen Gedenken aller Parteien in die Moneda ein. Piñera hatte die Machtergreifung von General Augusto Pinochet 1973 zwar unumwunden als „Putsch“ bezeichnet, dann aber von einer „Vorbeugung von Missständen“ gesprochen.

Weil sich in Piñeras Regierung noch Ex-MitarbeiterInnen Pinochets befinden, kamen dessen GegnerInnen nicht zum Gedenken ins Regierungsgebäude. SozialistInnen und andere trafen draußen zusammen, beim Denkmal für Salvador Allende. Der gewählte Präsident und Sozialistenchef Allende hatte den 11. September 1973, als Pinochet die Moneda bombardieren ließ, nicht überlebt. Heuer sprach dort seine Tochter. Chile sei „weiterhin ein gespaltenes Land“, sagte die Senatorin Isabel Allende, eine Cousine der gleichnamigen Bestseller-Autorin. Beide Frauen waren nach dem Putsch für Jahre ins Exil gegangen.

Die jungen ChilenInnen, die die Zeit vor der Rückkehr zur Demokratie 1990 nicht erlebt haben, müssen noch immer die Folgen der Diktatur tragen. „In Deutschland gibt es für 60 Prozent der ArbeiterInnen Kollektivverträge und das Streikrecht“, funkt etwa die Gruppe kritischer WissenschaftlerInnen der Fundación Sol in die Twittersphäre. In Chile gäbe es nur für acht Prozent Kollektivvertragsverhandlungen; Streikende könnten jederzeit gefeuert und ersetzt werden. Fazit: „Wir haben den Demokratietest nicht bestanden.“ Das Team von Sol zählt „elf Säulen der Diktatur“ auf, die im Chile von heute fortbestehen. Sie reichen von Pinochets Verfassung über das privatisierte Gesundheits- und Pensionssystem bis zum Bildungswesen, wo Privatfirmen Schulen und Unis betreiben.

Gegen dieses System, das ärmere Studierende doppelt benachteiligt, weil sie (und ihre Eltern) zur Bezahlung der teuren Studiengebühren Kredite aufnehmen müssen, haben seit 2011 hunderttausende junge ChilenInnen demonstriert. Den etablierten Parteien wenig vertrauend, streben sie eine verfassunggebende Versammlung an, mit der die Basis für ein neues, soziales Chile geschaffen werden soll.

Rufe nach dieser Versammlung, der „Constituyente“, und nach Aufklärung über die „Verschwundenen“ beherrschten die vielen Gedenkveranstaltungen in aller Welt für diesen „anderen 11. September“ (neben den Terroranschlägen von 2001 in den USA).

Auch vor dem Salvador-Allende-Hof in Wien-Simmering kamen dutzende Menschen zusammen, darunter einige jener insgesamt 1.500 ChilenInnen, denen Österreich nach dem Putsch Asyl gegeben hatte und von denen viele wieder nach Chile zurückgekehrt sind.

Alle blicken jetzt nach Chile, wo am 17. November die Präsidentenwahl stattfindet. Favoritin ist die Sozialistin Michelle Bachelet, die schon von 2006 bis 2010 Staatschefin war. Wie ihre konservative Herausforderin Evelyn Matthei ist auch Bachelet Tochter eines Luftwaffengenerals – mit dem Unterschied, dass ihr Vater Alberto nach dem Putsch gefoltert und ermordet wurde, während das spätere Junta-Mitglied Fernando Matthei nun die Pension genießt.

Es wird ein Wahlsieg Bachelets erwartet. In den Augen vieler ChilenInnen, vor allem der Jungen, kann von einem Sieg für Chile aber erst die Rede sein, wenn das Land gerechter wird.

Erhard Stackl ist freier Journalist mit Schwerpunkt Lateinamerika.

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