Ruhe in der roten Zone

In Bolivien soll der Koka-Anbau durch soziale Kontrolle eingedämmt werden. Ein Lokalaugenschein im Chapare, dem ehemaligen Hotspot der Kokain-Bekämpfung.

Von Robert Lessmann
Die Straße führt an den Ostabhängen der Anden steil hinunter in den Chapare.

Man fährt nicht einfach in den Chapare: „Se entra y se sale“, man fährt „hinein“ und „hinaus“. Das hat etwas mit dem spektakulären Zugang zu tun, aber auch mit der turbulenten Vergangenheit dieses Gebiets, das offiziell „Trópico de Co­cha­bamba“ heißt und am Fuße der Andenkordillere liegt, wo Amazonien beginnt und die feuchtheiße Luft an den Bergen kondensiert. Die Asphaltstraße, die von Cochabamba aus „hinein“ führt – oder besser hinunter in den Chapare – verbindet die wichtigsten Städte Boliviens. Von Cochabamba, der 2.500 Meter hoch gelegenen Stadt des ewigen Frühlings, fahren wir zunächst über eine 4.000 Meter hohe Passhöhe und steil hinunter durch einen Nebelwald: Farnbäume, Flechten und Moose, selbst senkrechte Felswände sind bemoost.

Drei Stunden später und nur 100 Kilometer Luftlinie weiter sind wir auf 300 Meter Seehöhe in der Ortschaft Villa Tunari, wo uns Eli Linares erwartet, eine Veteranin der Projektarbeit im „Trópico“. „Heute ist hier alles ruhig und friedlich“, erzählt sie. Vor zehn Jahren, als sie mit uns die autonomen Strukturen der Dorfgemeinschaften hier untersuchte, war das nicht so: Proteste, Straßenblockaden, Armeeeinsätze, Verhaftungen, Tote und Verletzte waren an der Tagesordnung.

Die Tropen des Departements Cocha­bamba, meist nach einer seiner Provinzen kurz Chapare genannt, sind so groß wie Bayern von den Alpen bis zur Donau. 1944 sollen dort nur 3.300 Menschen gelebt haben. Seit den 1970er Jahren gibt es die Asphaltstraße, die den Regierungssitz La Paz mit Cochabamba und der größten Stadt Boliviens, Santa Cruz, verbindet. Daneben existieren heute gut zwei Dutzend Erdsträßchen. Ausgespuckt von der Wirtschaftskrise, dem Zinnkrach und der neoliberalen Strukturanpassung strömten in den 1980er Jahren arbeitslose Minenarbeiter und verarmte Bäuerinnen und Bauern vom Hochland hierher, um nach einem neuen Auskommen zu suchen. Indigene Völker von Jägern, Sammlerinnen und Fischern, wie die Yuquis, verdrängten sie dabei. Durch den Nachfragesog aus dem Norden erlebte der Kokabusch, eine jahrtausendealte Kulturpflanzen in den Anden, gerade einen Boom.

Doch nicht für seine traditionellen Verwendungsformen als Tee, zum Kauen oder bei Ritualen, sondern als pflanzlicher Grundstoff für die Herstellung von Kokain. Gerade deshalb suchten die Neo-Bauern die Abgeschiedenheit des Chapare. Die Lebenswelt der Tropen war für die SiedlerInnen vom Altiplano fremd und feindlich, viele Herausforderungen waren nur kollektiv zu bewältigen. In Abwesenheit des Staates wurden sindicatos gegründet, Gewerkschaften. Das war die soziale Organisation, die sie schon als Land- und Bergarbeiter kannten: Wege, Brunnen, Sportplätze und Schulen wurden kollektiv von den sindicatos gebaut, die selbst für die öffentliche Sicherheit zuständig waren und Landtitel vergaben. Eine lokale De-facto-Regierung.

In Shinahota, wenige Kilometer von Villa Tunari entfernt, besuchen wir ein Aufkaufzentrum für Kokablätter. Die neue Verfassung von 2009 hat die Kokapflanze zum schützenswerten andinen Natur- und Kulturerbe erklärt. Und die Regierung bemüht sich im Rahmen ihrer Politik der „racionalización“, einen möglichst großen Teil der Koka-Ernte legalen Verwendungszwecken zuzuführen und eine Überschussproduktion zu vermindern. „In den frühen 1980er Jahren war Shinahota die Hauptstadt der Pasta Básica de Cocaína“, erinnert sich Doña Julia. Das Zwischenprodukt der Kokainherstellung und die zu seiner Herstellung nötigen Utensilien wurden auf offener Straße gehandelt. Daneben lag nicht selten ein Revolver. In der Bretterbudensiedlung herrschte eine Atmosphäre wie in den Goldgräberromanen von Jack London: Saufgelage, Prostitution und Gewalt.

In der Zeit der Koka-Kokain-Bonanza verloren die sindicatos kurzfristig an Gewicht, um es dann im Kampf gegen die Kokavernichtung potenziert wiederzugewinnen. Im Jahr 1984 wurde der Chapare zur roten Zone erklärt und von einer paramilitärischen Eingreiftruppe besetzt: den Leopardos, die ein Jahr vorher auf US-Initiative geschaffen, ausgerüstet und ausgebildet worden waren. „Das war das erste, was wir hier unten vom Staat zu sehen bekamen“, erinnert sich Doña Julia: „Die haben uns Kokabauern als fünfte Kolonne des Drogenhandels gesehen und auch so behandelt.“

Trocknungsanlage im Aufkaufzentrum für Kokablätter in Shinahota, Bolivien.

Menschenrechtsverletzungen waren an der Tagesordnung. Als im Jahr 1988 durchsickerte, dass Amerikaner auf dem Gebiet der Kaserne der Leopardos geheime Tests mit Herbiziden an Kokapflanzen durchführten (deren Einsatz in Bolivien gesetzlich verboten war und ist), wurde deren Kaserne in Villa Tunari von 4.000 aufgebrachten Bäuerinnen und Bauern gestürmt. Doña Julia: „Die Leopardos eröffneten das Feuer. Zurück blieben fast ein Dutzend Tote und viele Verletzte.“ Zu diesem Zeitpunkt wurde zwischen Regierung und den Gewerkschaften der Kokabauern noch über ein neues Drogengesetz verhandelt. Aber nun war das Vertrauen zerstört.

Es folgten viele Jahre, in denen die Auseinandersetzungen um die Kokavernichtung – ob zwangsweise oder gegen Kompensation – die wichtigste Ursache für soziale Konflikte in Bolivien waren: Unter dem Druck der US-Botschaft ging die Regierung zu Zwangsmaßnahmen bei der Kokaeradikation über. Die Gewerkschaften der Kokabauern reagierten mit Protestmärschen und Straßenblockaden. Die Regierung schickte Polizei und Militär. Es gab Opfer, dann wurde verhandelt, die Übereinkommen von der Regierung unter dem Druck der Botschaft wieder gebrochen – ein Teufelskreis. Auf diese Weise wurden stets Erfolge bei der Kokavernichtung erzielt. Doch in Abwesenheit von Alternativen wurden im Hinterland neue Felder angelegt.

Diese Politik hat also nicht nur nichts gebracht, sie dürfte im Chapare über die Jahre 200.000 bis 400.000 Hektar subtropischen Regenwald gekostet haben. Die sindicato-Bewegung der Kokabauern entwickelte sich im Widerstand dagegen zu einer der stärksten sozialen Bewegungen Lateinamerikas und schließlich zum Kristallisationskern für die Unzufriedenen im krisengeschüttelten Bolivien. Ihr Chef, Evo Morales, der immer wieder verhaftet und deportiert wurde, avancierte zum wichtigsten Oppositionspolitiker und zum glaubwürdigen Bannerträger der nationalen Souveränität gegen die Zumutungen aus dem Norden. Im Dezember 2005 wurde er mit einem Erdrutschsieg und absoluter Mehrheit zum Präsidenten gewählt.

„Heute arbeiten wir im Konsens mit den Bauernorganisationen“, sagt Oberst Williams Kalimán, Chef der polizeilich-militärischen Fuerza de Tarea Conjunta, den wir in der noch von den USA gebauten Militärbasis der Ortschaft Chimoré besuchen. Die Leopardos sind in der Fuerza de Tarea aufgegangen, die Agenten der Drug Enforcement Administration sind im Jahr 2008 wegen Spionagevorwürfen des Landes verwiesen worden. „Wir kümmern uns heute um die richtigen Drogenschmuggler“, sagt Kalimán: „Um die bolivianischen, aber wir haben neuerdings auch viel Kokain, das von Peru aus über Bolivien nach Brasilien geschmuggelt wird. Außerdem beobachten wir immer wieder Aktivitäten kolumbianischer und mexikanischer Drogenhändler auf unserem Gebiet.“ Die Fuerza de Tarea ist aber auch für die Kokavernichtung zuständig, die heute „racionalización“ heißt. Im Chapare sind es die sindicatos der Kokabauern selbst, die festlegen, wo Kokaflächen, die eine zulässige Größe überschreiten, ausgemerzt werden. Der Ansatz über soziale Kontrolle funktioniert, nicht zuletzt, weil es ein Vertrauensverhältnis gibt: Oberst Kalimáns politischer Chef und oberster Drogenbekämpfer Boliviens ist Vizeminister Felípe Cáceres, der viele Jahre lang Nummer zwei hinter Evo Morales bei den Gewerkschaften der Kokabauern war und danach zweimal Bürgermeister von Villa Tunari.

Doch nicht alle machen mit. „Neuanbau gibt es leider in den Nationalparks, sehr unzugänglichen Gebieten. Da machen wir nach wie vor Zwangseradikation“, erklärt Kalimán. Tatsächlich gab es in Bolivien seit 2006 einen leichten Zuwachs der Kokaanbauflächen. Den gab es aber auch im benachbarten Peru unter ganz anderen politischen Vorzeichen. Marktdynamiken sind oft stärker als politische Strategien. In den letzten beiden Jahren konnte Cáceres nun eine Nettoreduzierung vermelden.

Im Aufkaufzentrum für Koka in Shinahota treffen wir den Kokabauern Don Emilio. Die Kokapreise seien relativ stabil, sagt der: „Im Geldbeutel spüren wir nur eine langsame Verbesserung. Aber Evo lässt uns nicht im Stich. Wir haben nun ein Krankenhaus hier und in Chimoré drüben wollen sie eine indigene Universität eröffnen.“ Was aber das Wichtigste sei, darüber ist sich Don Emilio mit allen einig: „Die Gewalt ist weg!“

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