Run auf Ressourcen

Jahrzehntelang wurde die Sahara als eine unprofitable Barriere zwischen Maghreb und Sahel gesehen. Doch mittlerweile hat ein neuer kolonialer Wettlauf um ihre enormen Reichtümer an Uran, Öl, Gas und anderen Rohstoffen eingesetzt. Dabei verschmelzen ökonomische und politisch-militärische Interessen miteinander.

Von Ines Kohl
Die Stadt Arlit in Niger liegt auf einem vegetationslosen Plateau. Der Großteil der Bevölkerung profitiert nicht von den naheliegenden Uran-Minen.

Moussa fährt mit dem Geigerzähler über den Sand. Neben ihm beobachten Schaulustige teils verständnislos, teils interessiert sein Vorgehen. Immer lauter wird das Knacksen des Zählers, bis es sich schließlich zu einem durchgehenden Rauschen verändert. Moussa schiebt die Kinder zur Seite und winkt den Baggerfahrer zu sich, damit er den radioaktiv kontaminierten Sand durch neuen unbedenklichen ersetzen kann.

Wir sind in Arlit, der staubigen nordnigrischen Stadt mit rund 120.000 EinwohnerInnen, in der der französische Atomenergiekonzern AREVA Uran abbaut. Der Konzern ist zum Großteil im Besitz des französischen Staates und Weltmarktführer in Nukleartechnik. Das Stadtgebiet und die Umgebung sind hochgradig verstrahlt. Der lokalen NGO Aghiri n man ist es zu verdanken, dass zumindest einige Häuser und Straßen vom verstrahlten Sand gereinigt werden. Nach über 40 Jahren.

In Arlit werden seit den 1970er Jahren zwei Minen betrieben, Somaïr und Cominak. Derzeit verhandelt AREVA über eine Verlängerung des Vertrages einschließlich einer Fortführung der vorteilhaften Konditionen mit der nigrischen Regierung. 40 % der Stromversorgung Frankreichs werden durch das Uran aus Niger ermöglicht, während 90% der nigrischen Bevölkerung ohne Strom und Fließwasser leben. Obwohl die Ausbeute aus den Minen über 70% der nigrischen Exporte ausmachen, tragen sie nur 5,8% zum Bruttoinlandsprodukt bei, da AREVA weder Umsatzsteuer noch Einfuhrzölle bezahlt.

Rund um Arlit türmt sich ein Gebirge, das aus rund 35 Millionen Tonnen Abraum besteht, jenem Gestein, das von der Urangewinnung zurückbleibt. Jedes Jahr kommen ein paar hunderttausend Tonnen hinzu. AREVA versichert, dass es sich dabei um unbedenkliches Erdreich handelt. Die Organisationen Greenpeace und das französische Strahlenforschungsinstitut CRIIRAD hingegen konnten beweisen, dass bei der Urangewinnung nicht nur die Gesundheit der Minenarbeiter gefährdet, sondern auch die gesamte Umgebung der Mine stark radioaktiv verseucht wird. Der Sand in den Höfen der Häuser ist verstrahlt, das Wasser, mit dem der Uranstaub gebunden wird, geht ungefiltert zurück ins Grundwasser und Altmetall aus der Mine wird in Form von Kochtöpfen wiederverwertet. AREVA streitet jegliche Gesundheitsgefährdung ab, hat aber in Folge der zunehmenden internationalen Kritik zumindest Schutzkleidung und Atemmasken für die Minenarbeiter bereit gestellt. Die häufigen Krebserkrankungen unter ehemaligen französischen Minenarbeitern werden nicht als Berufskrankheit anerkannt und unter der Lokalbevölkerung gibt es laut Auskunft des von AREVA finanzierten  Krankenhauses überhaupt keinen Krebs, sondern die Menschen stürben an Aids.

In den letzten Jahren wurden weitere Regionen im Nordwesten von Niger parzellenartig aufgeteilt und an Uraninteressenten verpachtet. Die größten Gebiete gingen an Frankreich, Kanada, Australien und Südafrika, weitere Parzellen an China, Russland, Indien, Saudi-Arabien, USA und Großbritannien. China und Frankreich arbeiten bereits an der Errichtung der neuen Minen und werden bald die Förderung aufnehmen. Für die dort lebenden Peul- und Tuareg-NomadInnen, die mit ihren riesigen Tierherden von Weidewirtschaft leben, wird kein Platz mehr bleiben, wenn alle Firmen ihr Gebiet so wie die neue, ebenfalls von AREVA betriebene, französische Mine Imouraren mit Stacheldraht und Sicherheitszonen hermetisch abdichten.

Diese und andere Missstände führten bereits zu zwei Tuareg-Rebellionen im Niger: eine in den 1990ern und eine weitere von 2007 bis 2009. Beide Male zählten Teilhabe am wirtschaftlichen Gewinn des Uranabbaus und ein Ausbau sozialer Einrichtungen zu den Forderungen der Rebellen. Beide Rebellionen endeten in leeren Versprechungen der Regierung, nicht zuletzt aufgrund des Einflusses des multinationalen Riesen AREVA.

Tipp: Im März gab es in Wien, vom VIDC organisiert, eine Sahara-Uran-Konferenz.
Sie ist nachzuhören unter: etalks.tv/2014/03/30/uranium-in-africa/

Jüngst entdeckte Öl- und Gasfelder, vor allem in Mali, Mauretanien und der marokkanisch besetzten Westsahara, haben neue Akteure auf den Plan gerufen. Neben dem omnipräsenten Frankreich konkurrieren die USA mit China. In Zeiten von knapp werdenden förderbaren Ressourcen geht es nicht mehr ausschließlich um deren ökonomische Nutzung, sondern es geht vielmehr um eine militärische Sicherung dieser Rohstoffe. Der von George Bush 2003 inszenierte „Krieg gegen den Terror“ bildete die Basis der Militarisierung der Sahara und der Sahelregion und mündete 2008 in der Gründung von Africom, dem Oberkommando der US-amerikanischen Militäroperationen in Afrika. Diese dienen der Sicherheitsberatung und dem Training lokaler Militärs zum Zwecke einer Kriegsprävention. Dahinter steht jedoch die dauerhafte Durchsetzung von US-Interessen im Energiesektor.

Die Hysterie um das Erstarken islamistischer Terroristen in der Sahara und deren Bekämpfung wegen angeblicher Bedrohung Europas sind geopolitische Strategien, um die Interessen einiger Weniger zu sichern.

Putschversuche und der Sturz von Regierungen, die Ausbreitung militanter islamistischer Gruppierungen und gewaltbereiter Banden haben viele Ursachen. Die neokolonialen Kämpfe um Ressourcen sind mit ein Grund für die politische und wirtschaftliche Destabilisierung der Sahara und des angrenzenden Sahel.

Ines Kohl ist Forscherin am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

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