Sandkorn der Hoffnung

Es könne nur besser werden, meinen viele Sahrauis. Anzeichen für eine Lösung der Westsahara-Frage sind jedoch nach wie vor kaum zu erkennen.

Von Jan Marot
Ein Fußballspiel im Flüchtlingslager „27. Februar“ nahe Tindouf. Zur Abwechslung ein Grund zum Jubeln für einige BewohnerInnen.

Im Schatten sozialer und politischer Umbrüche in Nord- und Westafrika bleibt ein ungelöster Konflikt der Region in Vergessenheit. Die Westsahara beanspruchen sowohl Marokko als auch das halbnomadische Volk der Sahrauis mit der 1973 gegründeten Frente Polisario, der Guerillabewegung und sozialistischen Einheitspartei, für sich. Während Marokko über zwei Drittel des Territoriums seit 1976 sukzessive annektiert hat, leben rund 90.000 bis 160.000 Sahrauis in Flüchtlingslagern um die Bergbaustadt Tindouf im äußersten Südwesten Algeriens. Ein trostloser Landstrich ohne jegliche Vegetation, den die Einheimischen trefflich als des Teufels Vorgarten bezeichnen. Exakte Zahlen stellen ein Politikum dar und variieren daher stark. Das UNHCR orientiert sich an den Minimalangaben und hat die Zahl der EmpfängerInnen der Hungerhilfen des World Food Programms auf 90.000 deutlich nach unten korrigiert. Die sahrauischen Flüchtlinge, die selbst das Futter für ihre Kamele und Ziegen importieren müssen, überleben einzig dank internationaler Hilfsgüter, privat organisierter „Solidaritätskarawanen“ und freiwilliger HelferInnen. In Krisenzeiten und nach der gewaltsamen Entführung dreier NGO-MitarbeiterInnen im Flüchtlingslager Rabouni bei Tindouf durch die Al Kaida des Islamischen Maghreb (AQMI) Ende Oktober 2011 ist die internationale Hilfe aber stark rückläufig. Anfang April warnte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon vor „einer Situation Besorgnis erregender Instabilität“ in der Westsahara sowie in der Grenzregion zwischen Algerien, Marokko und Mauretanien.

„Wir können so nicht ewig weiterleben. Wir haben vierzig Jahre der Erniedrigung durchgemacht“, klagt Mohamed Abdelaziz, seit 1976 Präsident der selbst ernannten Demokratischen Arabischen Republik Westsahara (RASD). Ab 1968 kämpfte er zunächst gegen die spanischen Kolonialherren. Diese wurden ihrer „Fluss des Goldes“ (Rio de Oro) genannten Kolonie nach dem Tode Francisco Francos überdrüssig. Die Spanier überließen die Sahrauis und mit ihnen die größten Phosphatvorkommen der Welt ihrem Schicksal. 1975 zwang der Aufruf von Marokkos König Hassan II. zum „Grünen Marsch“ Hunderttausender, begleitet von militärischen Offensiven, die Guerilla der Sahrauis immer weiter zum Rückzug. Mauretanien, das in den Süden der Westsahara vorgedrungen war, gab 1979 sein Vorhaben auf. Der Süden wurde damit ebenso von Marokko besetzt. Der bewaffnete Konflikt dauerte noch über eine Dekade an. 1991 vermittelte die UNO einen Waffenstillstand und startete die MINURSO-Mission (Mission der Vereinten Nationen für das Referendum in Westsahara).

 

 

Seit nun mehr als 20 Jahren scheint der Status quo zementiert. Mit April diesen Jahres wurde die MINURSO-Mission erneut um zwölf Monate verlängert. Bereits 1992 hätte ein Referendum über die staatliche Souveränität der Sahrauis, unter Einbeziehung auch derer, die unter marokkanischer Besatzung leben, stattfinden sollen. Wiederholte Verhandlungen, zuletzt im US-amerikanischen Manhasset (New York) im März 2012, brachten keinerlei Annäherung. Die marokkanische Regierung weigert sich beharrlich, ein Referendum abzuhalten und verfolgt eine Politik der Regionalisierung, gekoppelt an die Gewährung gewisser Autonomierechte. Diese Strategie wird von einzelnen EU-Staaten wie Frankreich und Spanien unterstützt, während die RASD und die Vereinten Nationen am Volksentscheid festhalten. Ein solcher scheint aber auch auf lange Sicht höchst unwahrscheinlich. Denn gleichzeitig lockt Marokko über günstige Steuersätze NordmarokkanerInnen in die Westsahara. Dort werden Arbeitskräfte gebraucht – im Bergbau, für die Fischerei und für den Ausbau von Infrastruktur, im Tourismus und für den Bau von Solarkraftwerken, die in Zukunft auch Strom nach Europa liefern sollen.

Unbeachtet von der Weltöffentlichkeit ist die Westsahara geteilt durch einen knapp 2.700 Kilometer langen „Wall der Schande“, wie ihn die Sahrauis nennen. Ein Gürtel aus Anti-Personen- und Panzerminen sowie Militärbasen inmitten der Wüste. Der Wall wurde sukzessive verlängert und ermöglichte die Ausweitung der Kontrolle durch die marokkanischen Besatzer. Er verunmöglichte gleichzeitig die Rückkehr von sahrauischen Geflohenen. So leben bis heute Generationen von Familien in Trennung. Kinder kennen nächste Verwandte und ihre einstige Heimat bestenfalls aus Geschichten und aus der Schule.

Die Konfliktparteien einigten sich zwar dank UN-Vermittlung darauf, Sahrauis aus den Lagern Kurzreisen zu Angehörigen auf marokkanischem Territorium zu gewähren. Aber: „Tausende Anträge wurden abgelehnt. Viele, die reisen durften, wurden schikaniert, attackiert, aber auch verhaftet und misshandelt“, sagt Abdeslar Omar, Präsident der sahrauischen Menschenrechtsorganisation Afapredesa in Rabouni. Sein Mitarbeiter Mohamed Hassanna erwirkte ein Wiedersehen mit Angehörigen mittels Hungerstreik. „Man hat alle meine Anträge abgewiesen“, erzählt er und glaubt zu wissen warum: „Ich habe mich für eine unabhängige Westsahara ausgesprochen.“

Einen Monat lang harrte Hassanna an den Zaun der hiesigen UN-Dependance gekettet aus. Fünf Tage durfte er danach seine Familie wiedersehen. „Es etabliert sich unter marokkanischer Besatzung eine Art der Apartheid“, warnt Menschenrechtsaktivist Omar. Er kennt die Situation der Sahrauis auf der anderen Seite: „Wir werden in Marokko wie minderwertige Menschen behandelt.“ Seit mittlerweile sechs Jahren begehrt zudem die vornehmlich studentische Generation der Sahrauis in den Städten Marokkos mit zivilem Ungehorsam in Form von Protesten auf, von einer „Intifada“ wird gesprochen. Bei der gewaltsamen Räumung eines Protestzeltlagers bei El Aaiún, der einstigen Hauptstadt und dem Verwaltungssitz der marokkanischen Provinzregierung, kamen im Oktober 2010 mindestens elf Menschen ums Leben. Ein tragischer Höhepunkt, doch nicht nur denjenigen, die aktiv den Widerstand proben, drohen Repressalien wie Zwangsverschleppungen oder Folter. Menschenrechtsverletzungen seien „im Ansteigen begriffen“, sagt der Politologe Omar, der diese seit den späten 1990ern dokumentiert.

„Ich habe selbst nie an den Erfolg von zivilem Ungehorsam geglaubt. Aber es ist der einzige Weg“, rät auch RASD-Bildungsministerin Mariam Salek Hmada der jungen Generation anlässlich des Empfangs einer österreichischen Solidaritätskarawane. Aus Eigeninitiative um Professor Hubert Höllmüller, Soziologe an der FH Kärnten, entstanden, brachte man auf dem Landweg von Klagenfurt, via Marseille und dem nordalgerischen Oran, Turngeräte und PCs in die Schulen der Flüchtlingslager. Den widrigen Umständen zum Trotz schaffe die überwiegende Mehrheit den Schulabschluss nach algerischem Lehrplan, erzählt Hmada stolz. Ihre LehrerInnen, darunter zahlreiche Landminenopfer, arbeiten allesamt ehrenamtlich. Lehrbücher sind Mangelware und die Klassenzimmer schwer baufällig und überfüllt. So sind auch Atemwegserkrankungen unter den SchülerInnen weit verbreitet.

„Eine gute Ausbildung ist der Schlüssel zu einem guten Leben, auch wenn dieses dann oft fern der Lager gelebt wird“, betont Hmada. So studieren rund 20.000 Sahrauis im Ausland, zumeist in Algerien, Kuba und Venezuela. Jene drei Staaten sind die engsten Verbündeten der RASD. Wegen der steigenden Aktivität der AQMI-Terrorgruppen in der Region appellierte zuletzt auch US-Außenministerin Hillary Clinton an Algerien und Marokko, die seit 1992 ihre Grenzen geschlossen halten, ihre Differenzen beizulegen.

„Schlimmer als es war kann es nicht mehr werden. Unser Widerstand wird weiter wachsen, denn wir Sahrauis fürchten uns nicht mehr“, meint Präsident Abdelaziz. Er, der selten seine Uniform ablegt, lebt in einem für die einst halbnomadische Lebensweise typischen Zelt. Seinen Optimismus hat er nicht verloren. „Angesichts der Revolutionen in der arabischen Welt die Sahrauis zu unterdrücken und dem eigenen Volk grundlegende Rechte zu verwehren ist eine Doppelbelastung, die Marokkos Regime nicht langfristig durchhalten kann“, hofft er. Der „Arabische Frühling“ zeigte seit Anfang 2011 im Maghreb-Königreich sanfte Wirkung. Abdelaziz glaubt fest daran, dass sein Volk binnen 15 Jahren die Souveränität erlangen werde, und gibt sich konziliant: „Wir werden unsere Nation in Freundschaft mit unseren Brüdern im Maghreb errichten und gute Nachbarn sein.“

Jan Marot studierte Publizistik in Wien und Zürich. Er arbeitet als freier Journalist im südspanischen Granada.

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