SANITÄRE VERSORGUNG

Ein Problem stinkt zum Himmel

Gerne verschließen wir vor unangenehmen Themen die Ohren und Augen (und die Nase). Doch Shit happens. Und die Misere fehlender sanitärer Grundversorgung besonders in armen Ländern wird immer größer – mit allen gravierenden negativen Folgen für Lebensqualität, Gesundheit und selbst bescheidensten Wohlstand.

Von Frank Kuerschner-Pelkmann

"Wohin mit den Exkrementen?" Diese Frage stellt sich für die meisten Menschen in Kibera jeden Tag. Denn im größten Slumgebiet Afrikas haben zwei Drittel der etwa eine Million BewohnerInnen keinen Zugang zu einer Toilette. Die Stadtverwaltung der kenianischen Hauptstadt Nairobi ignoriert die Existenz des Slumgebietes, und so bleiben die Menschen allein mit ihren sanitären Problemen. In ihrer Not verwenden viele Menschen Plastiksäckchen für die Notdurft und werfen die dann in hohem Bogen möglichst weit weg. Diese "fliegenden Toiletten" sind ein alltägliches Bild in Kibera und ein krasser Ausdruck der sanitären Misere. Die Grubenlatrinen, die es in Kibera gibt, laufen in der Regenzeit oft über - eine Ursache für die rasche Ausbreitung zahlreicher Infektionskrankheiten.
Von den weltweit rund 2,6 Mrd. Menschen ohne ausreichende sanitäre Grundversorgung leiden besonders Frauen und Mädchen. Für sie bedeuten fehlende Toiletten oft, weit zu gehen, um irgendwo einen nicht einsehbaren Platz zu finden. Häufig müssen sie bis zum Einbruch der Dunkelheit warten, um sich zu erleichtern. Je enger die Menschen zusammenleben, desto mehr werden menschliche Würde und Gesundheit gefährdet, wenn Toiletten fehlen.

Als die Staatschefs aus fast allen Ländern der Welt im Jahre 2000 in New York zusammentrafen, um Ziele für das dritte Jahrtausend zu verabschieden, diskutierten sie über Armut, Gesundheit, Bildung, Wasser und andere Themen - die katastrophale sanitäre Situation in vielen Städten und Dörfern der Welt wurde "vergessen". Deshalb ist die Verbesserung der sanitären Situation auch nicht in die lange Liste der UN-Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) aufgenommen worden. Erst zwei Jahre später, beim Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg, wurde beschlossen, die Halbierung des Anteils der Menschen ohne sanitäre Grundversorgung bis zum Jahre 2015 in die Liste der MDGs einzufügen.
Dennoch geschieht seither viel zu wenig. Während recht gute Aussichten bestehen, das Trinkwasser-Millenniumsziel zumindest im globalen Durchschnitt zu erreichen, also den Anteil der unversorgten Menschen zu halbieren, ist man auf sanitärem Gebiet sehr weit vom Ziel entfernt. Jedes Jahr werden weltweit sieben Millionen Menschen neu an eine Sanitärversorgung angeschlossen (Millenniumsziel: 28 Millionen). In manchen Regionen des Südens sieht es besser aus, so in Nordafrika, Lateinamerika und Westasien. Doch auch hier wird man das Millenniumsziel nicht erreichen. Wenn die gegenwärtigen Trends nicht grundlegend verändert werden, müssen im Jahre 2015 immer noch 2,1 Milliarden Menschen ohne Toiletten auskommen - eine tödliche Botschaft für viele.

Die unzureichende Wasser- und Abwasserversorgung fordert jedes Jahr Millionen Menschenleben, ist dem "Bericht über die menschliche Entwicklung 2006" des UN-Entwicklungsprogramms UNDP zu entnehmen. Viele Krankheiten werden durch unsauberes Wasser und ungesunde sanitäre Verhältnisse ausgelöst. In Ägypten wurde festgestellt, dass eine gesundheitlich unbedenkliche Toilette das Sterbesrisiko von Säuglingen um 57 % vermindert.
Auch bei Erwachsenen ist die Situation dramatisch: Es wird geschätzt, dass die Hälfte der PatientInnen in Krankenhäusern des Südens gesund wären, hätten sie und ihre Umgebung sauberes Trinkwasser und angemessene Toiletten. Die wirtschaftliche Belastung durch diese häufigen Erkrankungen ist für die Gesundheitsetats der Regierungen, die einzelnen Familien und die Volkswirtschaften enorm hoch. Daraus erklärt sich, dass nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation WHO jeder Dollar Investitionen in die Verbesserung der Wasser- und Sanitärversorgung eine Rendite von acht Dollar erbringt. Der Bau von Toiletten ist folglich eine besonders wirksame Form der Armutsbekämpfung.
Politisch steht die sanitäre Versorgung trotzdem in vielen Ländern weit unten auf der Prioritätenliste. Man spricht nicht gern über das "anrüchige" Thema, schon gar nicht mit ausländischen Regierungsdelegationen. Und: Welcher Präsident weiht nicht lieber einen neuen Staudamm oder eine Straße ein als einen Toilettenblock?

Die Misere hat eine starke Gender-Dimension. Frauen legen sehr viel mehr Wert auf funktionierende und gesundheitlich unbedenkliche Toiletten als Männer. Aber nur selten haben sie die Chance, an Diskussionen und Entscheidungen über Entwicklungsprioritäten mitzuwirken. Und selbst wenn Frauen an einer Dorfversammlung mit Fachleuten von der Regierung oder ausländischen Entwicklungsorganisationen teilnehmen dürfen, trauen sie sich meist nicht, über die dringend erforderlichen Toiletten zu sprechen. Sie müssten befürchten, hinterher diffamiert zu werden, sie hätten ein "solches" Thema nicht ansprechen dürfen und nun sei der Ruf des ganzen Dorfes ruiniert. Vielerorts sind menschliche Fäkalien mit einem ähnlichen Tabu belegt wie HIV/Aids - beides mit tödlichen Folgen.
Mädchen sind besonders betroffen, wenn es in den Schulen keine Toiletten gibt. In Uganda verfügen nur 8% der Schulen über Latrinen und davon nur ein Drittel über getrennte Toilettenanlagen für Buben und Mädchen. Viele ältere Mädchen gehen vor allem während der Menstruation nicht in die Schule oder brechen den Schulbesuch ganz ab. Umgekehrt hat UNICEF festgestellt, dass der Schulbesuch von Mädchen rasch zunimmt, wenn es angemessene Toiletten gibt.
Damit aus einem Tabu eine "Klo-Kultur" wird, hat sich die andere WTO gebildet, die "World Toilet Organisation". WTO-Gründer Jack Sim aus Singapur verkündet: "Die Menschen sollen von der Toilette kommen und einfach glücklich sein." Die WTO will, dass alle Menschen dieses Glücksgefühl haben und setzt sich für den Bau von Toiletten ein. Für die Erreichung der MDGs im Wasser- und Abwasserbereich sind jährlich zusätzlich mindestens zehn Milliarden US-Dollar erforderlich, das entspricht dem, was auf der Welt in acht Tagen für Rüstungszwecke aufgewendet wird. Für weitere zehn bis 20 Milliarden Dollar im Jahr wäre ein höheres Niveau der Versorgung sowie eine Sanierung bestehender desolater Versorgungssysteme möglich.

In Ländern wie Indien und Pakistan hat sich gezeigt, dass in kurzer Zeit Millionen Menschen mit Toiletten versorgt werden können, wenn Regierung und Behörden das Thema entschlossen aufgreifen, lokale Selbsthilfegruppen sich für preiswerte Klos engagieren und zusätzlich von außen Gelder bereitgestellt werden. Dank angepasster Technologien kostet eine einfache Toilette, die die britische Organisation "WaterAid" mit lokalen Partnern in mehr als einem Dutzend afrikanischer und asiatischer Länder baut, nur 15 britische Pfund.

Längst ist erwiesen, dass die europäischen Spültoiletten keine Lösung für arme Länder darstellen. Eine fünfköpfige indische Familie verbraucht für die Toilettenspülung pro Jahr 150.000 Liter Wasser, rechnet Sunita Narain vom "Centre for Science and Environment" vor, und weil dieses verschmutzte Wasser ungeklärt in die Flüsse gelangt, "sterben unsere Flüsse und unsere Kinder". Gefragt sind deshalb Komposttoiletten, zum Beispiel die so genannten "ecosan"-Toiletten, auch Trockenklos genannt (siehe Seite 34). Wo solche technisch anspruchsvollere Lösungen nicht genutzt werden können, reicht es oft auch schon, die Grube, auf der ein Plumpsklo stand, etwas zuzuschütten und darauf einen Baum zu pflanzen, der durch die natürliche Düngung prächtig gedeiht und Früchte trägt. Es gibt inzwischen viele erprobte preisgünstige und effiziente technische Lösungen für den Bau von Toiletten. Sie alle funktionieren allerdings nur, wenn man die betroffene Bevölkerung aktiv beteiligt und nicht einfach eine Toilette auf den Dorfplatz setzt.
Kaum irgendwo zeigt sich die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich so krass wie bei der sanitären Versorgung. Wer nach Höherem strebt und das nötige Geld dafür hat, für den ist Singapur ein Vorbild. Hier werden die öffentlichen WCs mit Sternen ausgezeichnet. Und wer sich trauen sollte, eine der Fünf-Sterne-Toiletten zu verschmutzen, muss mit einer empfindlich hohen Geldstrafe rechnen. Der Stadtstaat verfügt inzwischen sogar über eine "Toiletten-Akademie", deren AbsolventInnen dafür sorgen, dass die Standards weiter erhöht werden. Jedes Jahr wird eine der öffentlichen Anlagen mit dem "Happy Toilet"-Preis ausgezeichnet.
Auch in China greift man inzwischen nach den Sternen und zeichnet vorbildliche öffentliche Toiletten aus - jedenfalls in Beijing, wo man sich zur Olympiade 2008 auch in dieser Hinsicht als Weltstadt präsentieren will. Bereits 2004 verkündete Liang Guangsheng, stellvertretender Vorsitzender des Stadtrates von Beijing das Ziel: "Wir streben an, saubere, zivilisierte, energiesparende, angenehme und umweltfreundliche Toiletten zu bauen." Darauf müssen die meisten ChinesInnen allerdings noch warten. 2004 hatten erst 44% von ihnen den Zugang zu gesundheitlich unbedenklichen Toiletten. Es ist ein schwacher Trost, dass man den Konkurrenten Indien (33%) weit abgehängt hat. In China hat sich die Anschlussrate allerdings seit 1990 fast verdoppelt und in Indien mehr als verdoppelt, und es ist zu erwarten, dass der Zugang zu Toiletten weiter stark ansteigt.

Mit dem Bau von Toiletten ist es allerdings nicht getan. In vielen armen Kommunen fehlt ein Kanalisationsnetz oder es funktioniert nicht. In Städten wie Dakar und Abidjan in Westafrika sind nur 8-10% der Haushalte an die Kanalisation angeschlossen.
Nächstes Problem ist die Klärung der Abwässer. In Lateinamerika werden weniger als 14% aller Abwässer in irgendeiner Weise gereinigt, bevor sie in Flüsse, Seen oder Meere geleitet werden. In Neu-Delhi gelangen mehr als vier Fünftel der Abwässer in den heiligen Yamuna-Fluss, der sich wie der Ganges und andere indische Flüsse immer mehr in eine Kloake verwandelt. Technisch ist die Klärung der Abwässer von Millionenstädten längst kein Problem mehr, aber oft fehlen das Geld, der politische Wille und funktionierende Abwasserbetriebe.
Um die Weltöffentlichkeit und die politisch Verantwortlichen stärker auf die zum Himmel stinkenden Probleme in vielen Regionen der Welt aufmerksam zu machen, haben die Vereinten Nationen das Jahr 2008 zum "Internationalen Jahr der sanitären Grundversorgung" erklärt. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon erklärte anlässlich seiner Ankündigung: "Zugang zu einer sanitären Versorgung ist eine fundamentale Frage der Menschenwürde und der Menschenrechte, ebenso der wirtschaftlichen Entwicklung und des Umweltschutzes." Die BewohnerInnen von Kibera in Nairobi werden ihm zustimmen und hoffen, dass aus internationalen Appellen praktische Schritte werden, damit die "fliegenden Toiletten" in ihrem Stadtteil bald der Vergangenheit angehören.

Frank Kürschner-Pelkmann arbeitet als freier Journalist in Hamburg. Er betreibt die Website www.wasser-und-mehr.de

Vom Autor ist u.a. erschienen: Das Wasser-Buch. Kultur-Religion-Gesellschaft-Wirtschaft, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 2007, 2. aktual. Auflage, 469 Seiten, € 22,70

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