

Auf der Insel São Tomé kehren Frauen mit alten Vorstellungen auf und kämpfen für Teilhabe, Einkommen und Gleichberechtigung – zwischen Haushalt, Arbeit und neuen Besen.
Die 30-jährige Eloneid Mandinga hat drei Kinder und drei Jobs. Damit ist sie auf São Tomé keine Ausnahme. Der kleine afrikanische Inselstaat im Golf von Guinea in der Nähe des Äquators erstreckt sich auf die zwei Inseln São Tomé und Príncipe. Über 240.000 Menschen leben hier, mehr als 90 Prozent auf São Tomé, der größeren Insel der ehemaligen portugiesischen Kolonie. Der Garten und das Holzhaus auf Stelzen von Mandinga sind von einem Wellblechzaun umgeben. Im Garten wachsen Blumen, Bananen und Jackfrüchte. Hühner und Küken in unterschiedlichen Größen laufen umher und suchen nach Futter. Die studierte Agronomin untersucht als Angestellte Lebensmittel und Agrarprodukte, die den Hafen von São Tomé erreichen. Zusätzlich unterrichtet sie Naturwissenschaften in der Sekundarschule San Fenícia und hat auch ein eigenes Unternehmen, mit dem Namen Bassola Pet. Mandingas große Tochter hält das zehnmonatige Baby im Arm. Kinder sind auf São Tomé omnipräsent, sie spielen neben der Straße, holen Wasser. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 20 Jahre. Hilfe mit den Kindern bekommt Mandinga von ihrer Mutter. Ihr Mann ist zum Geldverdienen nach Portugal gegangen.
Armut trifft Frauen. „Armut hat ein weibliches Gesicht. Die Arbeitslosigkeit von Frauen ist doppelt so hoch wie die von Männern“, sagt Jailça Lima. Sie ist Leiterin des Nationalen Instituts zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter (INPG). Seit 2004 gibt es einen nationalen Rahmen für Gleichstellung, Strategien und Förderprogramme. Doch die Realität bleibt ungleich – nicht nur im Privaten: Von 55 Abgeordneten im Parlament sind nur acht Frauen, also 14,55 Prozent. Beatriz Azevedo ist eine von ihnen. „Frauen sind interessiert und wollen die Gesellschaft mitgestalten, doch wenn es darum geht, auf einer Wahlliste zu stehen, fühlen sich viele oft nicht genügend vorbereitet“, erzählt sie. Azevedo selbst musste nach der 7. Schulstufe die Schule abbrechen, da es für sie keine Möglichkeit gab in eine weiterführende Bildungsstätte zu kommen. Ihren Abschluss und die Ausbildung zur Buchhalterin hat sie später nachgeholt.
Entrepreneurship ist eine Möglichkeit für Frauen, ein eigenes Einkommen und damit mehr Unabhängigkeit zu generieren, auch von zuhause aus. „Reina entfesselt ungenutztes Potential. Frauen, die bei uns Trainings gemacht haben, fangen nun an, ihre Communities zu verändern,“ sagt Nádia Catraio, Koordinatorin von Reina, der nationalen Plattform für Entrepreneurship. „Wenn Frauen in der Bank um einen Kredit anfragen, ist die Antwort oft ‚Nein‘. Sogar wenn sie mit dem gleichen Businessplan kommen wie ein Mann“, schildert die Unternehmerin.

Besen aus Flaschen. Zum Gründen wurde Mandinga bei einem Wettbewerb für nachhaltige Business-Ideen motivert. Die Idee dazu hatte sie schon längst im Kopf. Zum ersten Mal hatte die Entrepreneurin diese Upcycling-Technik auf Youtube in einem DIY-Video gesehen, in dem ein Brasilianer vorzeigte, wie er Besen aus Plastikflaschen fabrizierte. „Alles was wir kaufen, wird uns in Plastik angeboten. So viele Flaschen landen in der Natur oder werden verbrannt“, erzählt die junge Frau. Sie bewarb sich und gewann. Es folgte ein Training in Entrepreneurship, Hilfe mit ihrem Businessplan und finanzielle Unterstützung für den Ankauf von Werkzeugen und Maschinen.
Mandinga erzählt: „Der Anfang von Bassola Pet war nicht einfach.“ Für den ersten Besen brauchte sie zwei Tage. Mittlerweile stellt sie in ihrer Werkstatt zuhause einen Besen in unter zehn Minuten her. Ein speziell angefertigtes Metallgestell ermöglicht ihr die Flaschen in dünne Plastikfäden zu zerlegen, die sie wie Garn auf einer breiten Spindel aufrollt – das Material für die Borsten. Die Plastikfäden werden aufgeschnitten und mit einem Industriefön verklebt. Dann wird noch der Stiel befestigt.
Für die Insel eine Innovation, die es Frauen ermöglicht aufrecht zu fegen. Ein Besen kostet in der Produktion 55 Dobra und wird für 120 Dobra verkauft, was ungefähr 4,80 Euro entspricht. Die Nachfrage ist groß. Mandinga bekommt schon Bestellungen für ihre robusten Bassola Pet-Besen vom afrikanischen Festland.
São Tomé und Príncipe
Hauptstadt: São Tomé
Fläche: 1.001 km2 (ca. 2,5 Mal Wien)
Einwohner:innen: ca. 240.000 (2024)
Human Development Index (HDI): Rang 141 von 193 (2023)
BIP pro Kopf: ca. 3.244 US-Dollar (2024, Österreich: 56.856 US-Dollar)
Regierungssystem: semipräsidentielle Republik. Am 25. November 2022 kam es zu einem Putschversuch, der niedergeschlagen wurde, in diesem Zusammenhang wurde der Präsident der Nationalversammlung, Delfim Neves, verhaftet.
Gesetzliche Schritte. Ein Meilenstein ist das Gleichstellungsgesetz Nr. 11 von 2022. Es soll mindestens 40 Prozent Beteiligung beider Geschlechter in Regierung, Parlament und Verwaltung sichern. Helfen soll dabei das Zebra-System. Es sorgt für eine abwechselnde Platzierung von Frauen und Männern auf Wahllisten und könnte bei der im Juli anstehenden Wahl mehr Frauen in die Politik bringen. Bis dahin muss sich noch einiges ändern. Die Politikerin Azevedo erzählt: „Meetings finden oft zu Uhrzeiten statt, zu denen Frauen und besonders junge Mütter nur schwer teilnehmen können.“ Auch finanziell ist es vielen Frauen nicht möglich politisch aktiv zu werden. „Sie haben nicht das Geld, um zu Parteitreffen in die Hauptstadt zu fahren“, sagt die Abgeordnete, die auch im Netzwerk der Parlamentarierinnen aktiv ist. Hindernisse für Frauen sind aus ihrer Erfahrung zudem die Erwartungen der eigenen Familie. Als Azevedo zu arbeiten begann, war ihr Mann anfangs nicht einverstanden. Sie war es von ihren Eltern gewohnt, die 1954 nach Hungersnöten von Kap Verde nach São Tomé migriert waren, dass beide Elternteile einer Lohnarbeit nachgingen, während in den alteingesessenen Familien die Frauen eher zuhause blieben. Ihre eigenen Kinder hat sie gendersensibel erzogen. Auch ihr Sohn lernte Wäsche waschen und kochen. Mit einem Lächeln fügt Azevedo hinzu: „Heute lebt er mit seiner Familie in England. Da seine Frau früher zur Arbeit muss, ist er derjenige, der seinen Töchtern das Frühstück macht und die Haare flechtet.“
Die Reise nach São Tomé fand im Rahmen des EU-Projekts Ecoality statt. Der Inhalt des Artikels kann unter keinen Umständen als Ausdruck der Position der Europäischen Union angesehen werden.
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