Schamanengeschichten aus Tuwa

Von Redaktion · · 2012/05

Mongusch B. Kenin-Lopsan

Hg. von Paul Uccusic, übersetzt von Isolde Schmitt, illustriert von Alexandra Uccusic. Lamuv Verlag, Göttingen 2011, 340 Seiten, EUR 23,60

In Europa und den USA erfreut sich der Schamanismus wachsender Beliebtheit. 1979 hat der US-amerikanische Anthropologe Michael Harner die „Foundation for Shamanic Studies“ gegründet. Seither praktizieren Tausende Menschen in den Industrieländern den so genannten Core Schamanismus. Dieser Kern-Schamanismus, so seine Erfinder, destilliere gewissermaßen das Wesen des Schamanismus heraus und könne unabhängig von einer bestimmten Kultur praktiziert werden.

Doch auch AnhängerInnen des Kern-Schamanismus suchen als Inspirationsquelle Formen des traditionellen Schamanismus, der kulturell verwurzelt ist. Als Mekka hierfür gilt die autonome Republik Tuwa in Russland. Unter Sowjetherrschaft waren dort SchamanInnen grausam verfolgt worden. In den 1990er Jahren allerdings wurde in Tuwa von Regierungsseite der Schamanismus dem Christentum und Buddhismus gleichgestellt, SchamanInnen sind als HeilerInnen und spirituelle FührerInnen heute hoch geachtet.

Eine zentrale Figur bei der Wiederbelebung schamanischer Traditionen und Heilpraktiken ist Mongusch B. Kenin-Lopsan, der Autor des vorliegenden Buches. Seit den 1940er Jahren, noch unter Sowjetzeiten, hat er unter beträchtlichen Gefahren Schamanen, Männer und Frauen, aufgesucht und ihr spirituelles Wissen aufgezeichnet. Für seine Studien kam der Autor vorübergehend ins Gefängnis, seine Manuskripte wurden von kommunistischen Funktionären vernichtet. Unbeirrt hat er seine Lebensaufgabe weitergeführt und die verloren gegangenen Interviews wiederholt.

Der erste Teil des Buches ist Tuwas Mythologie gewidmet. Bei den eigentlichen Schamanengeschichten kommen 122 namentlich genannte ErzählerInnen mit Geburtsjahren von 1876 bis 1961 zu Wort. Sie erzählen von ihrer Arbeit, von Heilung, Versöhnung, vom Vermeiden von Schäden und Unfällen, aber auch von Macht und Rivalität.

Kenin-Lopsan bereitet die mündlichen Überlieferungen, die sich teilweise widersprechen, distanzlos und unkommentiert auf. Eine überaus reichhaltige ethnographische Fundgrube, die zum Teil auch befremdende Einblicke in die Reste der Weltsicht einer steinzeitlichen Jägerkultur bietet – mit verzaubernden Zeichnungen von Alexandra Uccusic.
Irmgard Kirchner

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