Schatten über Brasilien

Brasilien erlebte vor Kurzem die größten Proteste der letzten 20 Jahre – und das trotz des Wirtschaftsbooms und einer Dekade linker Regierung. Wer sind die Unzufriedenen und warum reicht es ihnen gerade jetzt?

Von Philipp Lichterbeck
Humorvolle Proteste auf der Avenida Rio Branco im Zentrum Rios: Aus der „tropa de choque“, der Einsatzeinheit der Polizei, machen DemonstrantInnen die „tropa de nhoque“, die Gnocchi-Truppe.

Als der Fotograf Ubirajara Carvalho eines Abends im Mai in sein Haus in der Favela da Maré in Rio de Janeiro heimkehrt, ist die Tür eingetreten. Auf dem Wohnzimmerboden liegen Kleidung, Bücher und Möbel durcheinander geschmissen. Seine Kameraausrüstung findet Carvalho, den alle in der Maré nur Bira nennen, im Klo wieder. Die Nikon D200, mit der er jahrelang das Leben in der Favela dokumentiert hat, ist nur noch Schrott. Der Eindringling, das weiß Bira, war kein Verbrecher, sondern der brasilianische Staat.

Den ganzen Tag lang hatte Rios berüchtigtes Bataillon für Spezialoperationen (BOPE) die Maré nach Waffen, Drogen und Dealern durchkämmt. Am Ende gab es sechs Festnahmen – und zahlreiche Beschwerden über die Brutalität der Polizei. „Sie agiert hier wie eine Invasionsarmee“, sagt der 42-jährige Bira.  „Favelabewohner haben keine Rechte.“

Bira sitzt an einer belebten Kreuzung in der Maré. Hier gibt es eine Bar, ein Restaurant, einen Friseur und eine boca de fumo, eine Drogenverkaufsstelle: Drei Jugendliche sitzen an einem Tisch, darauf Plastiktüten voller Kokain, Marihuana und Geld. Aus ihren Badeshorts ragen Pistolenknäufe. „Kein Problem“ sagt Bira, „nur fotografieren darfst du sie nicht.“

Bira grüßt die Dealer ebenso wie die vorbei eilenden PassantInnen, einige lehnen sich zu einem Plausch zu ihm herab. Bira ist Rollstuhlfahrer, seit ihn vor 20 Jahren eine Kugel in den Rücken traf. „Wir drehten ein Ding und wurden überrascht“, erzählt er. Konkreter will er nicht werden, Favelaschicksal. Seit dem Schuss hat Biras Leben sich radikal verändert: Er machte verschiedene Aushilfsjobs und wurde mit seiner Kamera zum Bildchronisten der Favela. „Ich liebe die Maré“, sagt Bira. „Aber alles, was der Staat für uns übrig hat, sind Kugeln. Es gibt keine Plätze, keine Bäume, keine Mistkübel. Wir sind Bürger zweiter Klasse.“

Ist es das, was zehn Jahre Arbeiterpartei Brasilien gebracht haben? Polizeigewalt und Rechtlosigkeit? 2002 war die Partido dos Trabalhadores (PT) mit dem Versprechen an die Macht gelangt, ein gerechteres Land zu schaffen. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva rief groß angelegte Sozialprogramme ins Leben, mit denen Millionen Menschen aus der Armut geholt wurden. Auch der Mindestlohn wurde immer wieder angehoben und stieg um rund 300 Prozent. Bira etwa bestreitet seinen Lebensunterhalt mit einer Pension in Höhe des Mindesteinkommens: 678 Reais, rund 240 Euro. All diese Maßnahmen waren auch möglich, weil die brasilianischen Staatseinnahmen dank hoher Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt stiegen und Brasilien den Globus mit Soja, Zucker und Eisenerz regelrecht überschwemmte.

2010 wählten die BrasilianerInnen Lulas Parteifreundin Dilma Rousseff zur Präsidentin. Sie setzte seinen Kurs fort: Exporte und Sozialprogramme. Umso überraschender kamen für viele dann die Massenproteste im Juni dieses Jahres, als Millionen BrasilianerInnen für eine andere Nation auf die Straße gingen. Sie verlangten bessere Schulen, bessere Krankenhäuser, bessere Transportsysteme, mehr Sicherheit und ein Ende der Korruption. „Entschuldigen Sie die Störung“, las man auf vielen Plakaten, „wir verändern gerade Brasilien.“

Doch haben die letzten zehn Jahre PT-Regierung nicht auch für die Favela da Maré etwas gebracht? „Ja“, sagt Bira, „die Kaufkraft ist gestiegen. Aber wir wollen Bildung, Gesundheit und Respekt. Was nützen Kreditkarten, wenn man keine Rechte hat. Ich bin arm, schwarz und lebe in einer Favela – in dieser Gesellschaft gelte ich als Verbrecher.“

Tatsächlich ist die Maré nicht irgendein Viertel, sondern der größte Favelakomplex von Rio de Janeiro. 130.000 Menschen leben hier. Und noch etwas macht die Maré besonders: Es gibt hier keine Einheit der Befriedungspolizei UPP, die seit fünf Jahren in die Armenviertel Rios gesandt wird, um die bewaffnete Macht der Drogengangs zu brechen. Stattdessen herrschen die verfeindeten Gangs Comando Vermelho und Terceiro Comando sowie eine Polizeimiliz, die Schutzgelder erpresst. Eine Besatzungstruppe wie die UPP brauche man trotzdem nicht, meint Bira, vielmehr eine urbane Infrastruktur. 

Nur wenige Wochen nach dem Einbruch in Biras Haus wird ein BOPE-Polizist in der Maré erschossen. In der folgenden Nacht nimmt die Spezialeinheit Rache: Sie dringt mit einem Schützenpanzer ein, verwüstet Häuser und Wohnungen und erschießt neun Menschen, darunter mindestens zwei Unbeteiligte, einer von ihnen 16 Jahre alt. „In jener Nacht wurde die Demokratie zerstört“, sagt Bira, „die Utopie von einem besseren Land.“

Ortswechsel: Im aufgeräumten Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Rio de Janeiro richtet sich die Umweltexpertin Maureen Santos ein. Sie ist gerade zu der den deutschen Grünen nahestehenden Organisation gewechselt. Zuvor hat sie bei Fase, der ältesten NGO Brasiliens, gearbeitet. „Damals, als Lula gewählt wurde“, sagt Santos, „hatten wir große Hoffnungen. Sie beruhten auf einem Irrglauben.“

Wie viele brasilianische UmweltschützerInnen ist auch Santos enttäuscht von der Arbeiterpartei. Die PT setze beim Thema Entwicklung einzig auf die Wirtschaft. Das bedeute, dass die kurzfristigen Interessen der Industrie den langfristigen Interessen der Umwelt vorgezogen würden: „Jeder Gedanke an Nachhaltigkeit ist dieser Regierung fremd. Es begann schon 2003 mit der Zulassung für gentechnisch verändertes Saatgut“, beginnt Santos ihre lange Liste mit Klagen. 90 Prozent der brasilianischen Sojabohnen sind heute genmanipuliert, ebenso 60 Prozent der Maisernte und 55 Prozent der Baumwolle. Damit einher geht der erhöhte Einsatz von Breitbandpestiziden. „Kein Volk der Welt nimmt mehr Agrochemikalien mit der Nahrung zu sich als die Brasilianer“, sagt Santos. Es sind jedes Jahr im Schnitt 5,2 Liter pro Person.

Die Fläche, auf der heute in Brasilien Sojabohnen angepflanzt werden, beträgt rund 28 Millionen Hektar – die dreieinhalbfache Fläche Österreichs. Im Jahr 2001 waren es nur halb so viel. Und die Industrie drängt weiter auf Expansion – auf Kosten des Waldes.

Letztes Jahr stimmte der Kongress in Brasília einem neuen Waldgesetz zu. Es sieht eine Amnestie für illegale Rodungen vor, außerdem die Verkleinerung des Schutzwaldes entlang von Flüssen um bis zu 80 Prozent. „Aber was erwartet man von einem Kongress“, fragt Santos, „in dem der Vorsitzende des Umweltausschusses Blairo Maggi heißt?“ Der ehemalige Gouverneur von Mato Grosso ist nicht nur der größte Landbesitzer des Bundesstaats, sondern auch der größte Sojabauer.

Auf Maureen Santos Klageliste steht auch Brasiliens dritter Atomreaktor Angra III, dessen Bau 2010 wieder aufgenommen wurde. Die Regierung argumentiert, dass die aufstrebende Wirtschaftsnation Strom brauche. Tatsächlich sagen ExpertInnen eine Verdreifachung des Verbrauchs bis 2050 voraus. Der größte Konsument ist Brasiliens Schwerindustrie: Aluminium-, Stahl-, Zement- und Eisenwerke. Für diese wird nun Belo Monte errichtet, das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt am Rio Xingu, einem Zulauf des Amazonas. Es wird rund 700 Quadratkilometer Regenwald vernichten. „Diese Regierung denkt nur an Export und Wachstum“, sagt Santos, „die Umwelt ist die große Verliererin der letzten Dekade.“

Und mit ihr Kleinbauern und -bäuerinnen sowie die indigene Bevölkerung Brasiliens, die den Expansionsplänen von Agroindustrie, Holzfirmen und Minenkonzernen im Weg stehen. Im März dieses Jahres zählte die Regierung 4.500 Anträge alleine von Minenfirmen, die in insgesamt 17 indigenen Gebieten nach Gold und Kupfer schürfen wollen. Nun befinden sich die Indios in erhöhter Alarmbereitschaft, denn von der Regierung Rousseff erwarten sie keine Hilfe mehr. Auch nicht im Kampf gegen die Agro-Industrie.

Um nicht vollends vertrieben zu werden, sehen sich die Indigenen immer öfter dazu genötigt, Land zu besetzen. Woraufhin die Großgrundbesitzer mit Kugeln antworten. Der Conselho Indigenista Missionário (Cimi) registrierte 2012 einen enormen Anstieg der gewalttätigen Vorfälle. 60 Indigene wurden 2012 umgebracht, insgesamt 563 brasilianische Indios wurden seit 2002 getötet. Der Präsident der Cimi, der österreichische Bischof von Xingu Erwin Kräutler, macht für den Anstieg der Morde den Staat mitverantwortlich, der die indigenen Territorien nicht schütze.

Was sich in Brasilien im Großen ereignet, ist in Rio de Janeiro im Kleinen geschehen. Nach monatelangem Streit wurde dort im März das Museu do Índio geräumt, ein imposantes, 150 Jahre altes Gebäude auf dem Gelände um das Maracanã-Stadion. Bis 1978 war darin die FUNAI untergebracht – die nationale Stiftung der Indigenen. Nach dem Auszug der FUNAI interessierte sich drei Jahrzehnte lang niemand für das Gebäude, es stand leer und verfiel. 2006 zogen dann 23 indigene Familien auf das Gelände, viele von ihnen Kunsthandwerker. Sie nannten das Grundstück Aldeia Maracanã – Maracanã-Dorf. Dann sollten sie verschwinden, weil Rios Landesregierung das Haus abreißen wollte. Es steht auf einem der begehrtesten Grundstücke der Stadt. Immerhin bekamen die ProtestiererInnen vor der gewaltsamen Räumung ein Versprechen: Das Gebäude bleibt stehen.

Gabriel Xukurú will wieder zurück. Sechs Monate hat der 21-jährige Halbindio in der Aldeia Maracanã gelebt, nun ist er bei einem Freund in Rios Norden untergekommen.

An einem Abend im Juli ist Xukurú auf dem Weg in Rios Luxusviertel Leblon. Er trifft sich mit einer Handvoll anderer Indios vor dem Haus von Rios Gouverneur Sérgio Cabral, sie wollen für den Wiedereinzug der Aldeia Maracanã demonstrieren. Xukurú trägt einen Federschmuck und Holzpiercings in Wange und Kinn. Er sagt: „Das Museu do Índio ist ein sakraler Ort, weil dort Knochen unserer Vorfahren liegen.“ Gleichzeitig aber zieht es ihn auch nach Mato Grosso, „um dort die Brüder bei ihrem Kampf um Land zu unterstützen. Wir geben nicht so leicht auf, wenn uns ein Stück Erde gehört“.  Tatsächlich: Im August besetzt eine Gruppe von Indigenen erneut das Aldeia Maracanã, Xukurú ist mit dabei.

Einige Tausend GewerkschaftlerInnen strömen Mitte Juli in Rios Geschäftszentrum zusammen. Sie wollen unter anderem für die 40-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich protestieren. Es ist der Versuch der Gewerkschaften, sich an die Jugendproteste anzuhängen. Doch der Aufruf zum Generalstreik wird nur schwach befolgt. Die Gewerkschaften sind in Brasilien stark an Parteien gebunden und gelten als Teil des etablierten Systems.

Julia Bustamente ist dennoch ins Zentrum gekommen. Die 21-jährige Studentin geht mit einigen KommilitonInnen auf der Demo mit, weil die Gewerkschaften die Forderung nach besserem Zugang zu Bildung unterstützen. Bustamente studiert seit vier Jahren Wirtschaft an Rios Bundesuniversität UFRJ und befindet sich damit eigentlich auf der Sonnenseite des Bildungswesens. Denn Brasiliens staatliche Universitäten gelten als gut. Nur kommt man nicht so leicht in eine hinein. „Das Problem ist“, sagt Bustamante, „dass man in den staatlichen Schulen nicht auf die Aufnahmeprüfung für einen der begrenzten Plätze vorbereitet wird.“ Diese besteht nur, wer eine teure Privatschule besucht hat oder viel Zeit in private Weiterbildung steckt. Den Armen wird der Zugang damit praktisch verwehrt.

Es ist paradox: Um auf eine gute staatliche Uni zu gehen, muss man eine Privatschule besuchen. Wer hingegen in einer öffentlichen Schule lernt, dem bleibt später nur eine teure, aber schlechte Privatuniversität. Dass die staatlichen Schulen so schlecht sind, hat nachvollziehbare Ursachen. Zwar gehen heute dank staatlicher Programme mehr Kinder in eine Schule, doch die LehrerInnen sind schlecht ausgebildet und unmotiviert. Im Durchschnitt verdient eine Lehrerin in Brasilien 1.567 Reais, rund 550 Euro. Unter den OECD-Ländern befindet sich das Land auf einem der letzten Plätze, wenn es um Investitionen in Schulen geht.

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig nannte Brasilien einst optimistisch das Land der Zukunft, mittlerweile ein geflügelter Ausdruck für die Nation. Studentin Julia Bustamente ist sich sicher: „Brasilien wird immer das ‘Land der Zukunft’ bleiben. Denn diese angeblich tolle Zukunft kommt ja nie.“ 

Phillip Lichterbeck ist Journalist und lebt als freier Korrespondent für deutschsprachige Medien in Rio de Janeiro. www.philipp-lichterbeck.com

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