Schicksalswahl

Am 19. April wird einer neuer Präsident für Nigeria gewählt. Doch viele NigerianerInnen stellen sich die Frage, was die Demokratie für sie gebracht hat.

Von Hakeem Jimo
Der Mann will keine Laienpredigt im Bus halten. Auch will er nicht laut über Politik nachdenken, was sonst öfter unter Passagieren vorkommt. Es ist ein Überfall: Unverdächtig kam der Bus hinter dem Verkehrsknotenpunkt Oshodi im Norden der Millionenstadt Lagos angerollt. Keine Passagiere, nur der Fahrer und der Conductor, wie die an den Schiebetüren hängenden Schaffner genannt werden. Geredet wird in Lagos viel von diesen Räuber-Bussen – auch „letzte Chance“ genannt. Denn eine Taktik der Banditen ist es, nur einen Platz für ein einzelnes Opfer im Bus freizulassen – auf den restlichen 17 sitzen die Räuber und Komplizen.
Dieses Mal allerdings saßen die Räuber nicht schon im VW-Bus. Sie warten gut getarnt mit den anderen nichts ahnenden Passagieren an der Bushaltestelle. Das bringt ihnen gleich drei Opfer: eine sofort in flehende Gebete fallende Frau mittleren Alters, einen Vater mit seinem dreijährigen Sohn und einen internationalen Journalisten. Die Räuber geben vor, Polizisten zu sein und nach unerlaubten Drogen und Waffen zu suchen. Gefundenes Geld würden sie nicht anrühren, sagen sie. Zuerst scheinen sie glaubwürdig. Ihr Englisch ist nicht das Pidgin von der Straße. Dies sind junge Männer, die mehrere Jahre Schulausbildung, wenn nicht gar Universität hinter sich haben. Verwundern bräuchte das nicht, dass die Räuber Studenten oder gar Absolventen sein könnten: Auf 100.000 UniversitätsabgängerInnen warten jedes Jahr nur 10.000 Jobs. Vor allem für die Jugend ist die wirtschaftliche Lage im mit rund 120 Millionen Menschen bevölkerungsreichsten Land Afrikas ohne viel Perspektive.

Alltag auf den Straßen Lagos, Alltag in Nigeria: Politik, Religion und eine Prise Kriminalität. Viele würden behaupten, dass man die drei Punkte eigentlich gar nicht zu trennen braucht. In der Tat waren Erwartungen und Hoffnungen anders nach dem Ende der Militärherrschaft vor vier Jahren, die Nigeria rund 30 von 40 Jahren Unabhängigkeit im eisernen Griff hielt. In den vier Jahren Demokratie unter der Führung des ehemaligen Militärmachthabers Olusegun Obasanjo kamen über 10.000 Menschen gewaltsam ums Leben. Die Ursachen waren vielfältig: ethnische Konflikte, religiöse Unruhen, Rache übende Soldaten. Hochrangige Politiker wurden ermordet. Der Kampf gegen Korruption hat noch keine durchschlagenden Ergebnisse gebracht. Das Land ist durch die Einführung der Scharia in vielen nördlichen Bundesstaaten endgültig religiös gespalten. Das ölproduzierende Nigerdelta erlebt fast wöchentlich Proteste. Die wirtschaftlichen Daten sehen nicht nach einem Umschwung aus.
Aber es ist nicht alles düster. Unbestreitbar ist, dass Nigeria vier Jahre Demokratie in einem Stück hinter sich gebracht hat. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes organisiert eine gewählte Regierung Wahlen. Nigeria bleibt immer noch ein vereintes Land – entgegen vieler Vorhersagen, dass das Land unweigerlich auseinander brechen werde. Auch hat sich der westafrikanische Staat daran gemacht, seine Vergangenheit mit den unrühmlichen Militärdiktaturen in einer Wahrheits- und Versöhnungskommission aufzurollen. Wie aber geht es weiter für das Land mit fast 400 verschiedenen Volksgruppen?

Anfang Februar dieses Jahres knallt es wieder in Lagos. Eine Bombe zerfetzt die Fassaden mehrerer Häuser und lässt eines einstürzen. Unter den Trümmern liegen Dutzende von Opfern. AnwohnerInnen sind sich schnell klar: Das war kein Unfall. Denn in dieser belebten Straße im Zentrum Lagos gibt es kein Munitionslager und auch keine Erdgasleitungen.
Überleben in der fast 20-Millionen-Metropole Lagos ist so hart wie in nur wenigen anderen Städten dieser Welt. LagosianerInnen müssen mit vielem zurechtkommen: hoffnungslos überfüllte Wohnungen, täglich stundenlange Stromausfälle, Überfälle und Einbrüche, besonders korrupte Polizei und Behörden, formelle Arbeit für nur die wenigsten, Verkehrsstaus ohne Ende.
Am 27. Januar des vergangenen Jahres aber erlebte auch die ehemalige Hauptstadt eine neue Qualität des Chaos. Als Folge der Explosion eines Munitionslagers in den Abendstunden dieses Sonntags kommen über 1000 Menschen zu Tode. Mehrere Stunden detonieren Bomben und Granaten. Flammen schießen hundert Meter in die Höhe. Die Explosionen sind kilometerweit zu hören. Druckwellen decken Dächer in der Nachbarschaft ab und drücken Fenster ein. Trotz sofortiger militärischer Aufräumarbeiten liegen auch Tage später überall Blindgänger und Bombensplitter. Zwei Kinder hätten ihre Füße benutzt, um Granaten zu berühren und seien im nächsten Augenblick zerfetzt worden, sagen AnwohnerInnen der Kaserne. Dennoch bleibt die Zahl der Opfer auf dem Kasernengelände – mit wahrscheinlich unter einem dutzend – verhältnismäßig gering. Verhältnismäßig zu den angrenzenden Wohngebieten im zentralen Lagoser Stadtteil Ikeja, in denen bei der beispiellosen Massenpanik über 1000 Menschen sterben. Vor allem Kinder ertrinken in einem Kanal, als sie vor den ohrenbetäubenden Explosionen, Druckwellen und dem Flammeninferno über dem Kasernengelände fliehen.

Gerba Abba Baku erinnert sich noch gut an die gewaltige Explosion vor einem Jahr. Der 36-jährige betreibt in dem „Ikeja Military Cantonment“ ein Motorradtaxi. Die Kaserne erstreckt sich über vier Quadratkilometer mitten in Lagos. Es ist eine Stadt in der Stadt. Es gibt sogar Schulen, einen Markt, Verwaltungsgebäude, Kirchen, Moscheen. Und es gab auch das Munitionslager, eines der größten des Landes. Von hier aus wurden regionale Waffenlager versorgt. Wie viele Menschen in dieser Kaserne leben, kann keiner mit Bestimmtheit sagen. Aber es dürften mehrere zehntausend sein. Der weitaus größte Teil sind Angehörige von Soldaten wie Gerba Abba Baku. Er ist der Cousin eines Gefreiten. Eigentlich dürfte Gerba gar nicht auf dem Kasernengelände sein. Denn abgesehen von Lebensgefährten und den Kindern eines Militärangehörigen darf kein hier wohnender Verwandter über 18 Jahre alt sein. Aber verantwortliche Offiziere, die das Mitwohngeflecht auflösen wollten, konnten diese Festung nicht einnehmen. Gerba ist 36 Jahre. Er verdient sein Geld damit, dass er mit seinem Motorradtaxi Passagiere innerhalb des Kasernengeländes transportiert. Er wohnt mit über einem halben dutzend anderer Verwandten des Soldaten in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Alleine lebt in Afrika niemand – und erst recht nicht in einer Stadt mit chronischem Wohnungsmangel.

Wer trägt die Schuld an dem Desaster auf dem Kasernengelände? Auch ein Jahr nach dem Unglück gibt es auf diese Frage keine Antwort. Wie zu allen großen Katastrophen, wie auch zum Mord an Justizminister Bola Ige im Dezember vor einem Jahr, wurde eine Untersuchungskommission gegründet. Aber die großen Mysterien in der nigerianischen Politlandschaft werden selten erhellt. Weil Interessen von wichtigen Persönlichkeiten dahinterstehen, glauben viele NigerianerInnen. Deswegen entstehen und halten sich Gerüchte. Auch bei der Explosion des Munitionslagers sprechen viele von einer Verschwörung: Geschäftsinteressen einzelner Personen im Militär oder außerhalb, die sich neue Rüstungsaufträge durch die Zerstörung der alten Munition erhoffen, stünden dahinter, sagen manche. Augenzeugen vor einem Jahr dachten dagegen sofort an einen neuerlichen Militärputsch.
Nigeria kennt Bombenanschläge. Oppositionelle entschlossen sich, die brutale Diktatur von General Sani Abacha mit Bomben zu Ende zu bringen. Mehrere Anschläge im ganzen Land verantworteten sie.
Die jüngste Explosion Anfang Februar allerdings hat eine andere Dimension. Keiner der früheren Anschläge hatte solche Vernichtung gebracht.
Die Bombe im Herzen Lagos markiert den Beginn des Wahlkampfs. Nach Monaten innerparteilichen Gezerres stehen nun die Kandidaten fest: sowohl für das Präsidentenamt als auch für die meisten Gouverneursämter und für die Sitze in den beiden Kammern der Nationalversammlung. Wegen Verzögerungen bei der Wählerregistrierung folgen mehrere Wahlen knapp hintereinander. Die Präsidentenwahlen am 19. April stehen fest. Die anderen Wahlen sollen kurz davor oder danach stattfinden. Viele Nigerianerinnen und Nigerianer stellen sich die Frage, was die Demokratie für sie überhaupt gebracht hat. Millionen Menschen aus dem einfachen Volk warten noch immer auf die Einlösung eines Versprechens des Präsidenten Olusegun Obasanjo, das er gab, als er die Regierungsführung 1999 von den Militärs übernahm: eine „Demokratiedividende“. Viele glaubten, Demokratie würde sich auch schnell materiell auszahlen. Heute argumentiert Obasanjo richtig, dass die NigerianerInnen noch nie solche persönlichen Freiheiten besessen haben wie derzeit, dass die Strom- und Telekommunikationsversorgung immer besser würde, Regierungsentscheidungen noch nie so transparent gewesen seien. Aber die Frage nach der Dividende bleibt.

Gerba Abba Baku hat auch noch nichts von einer Dividende gesehen. Trotzdem glaubt er weiter an die Demokratie. Er ist Haussa aus der nördlichen Stadt Kano. Aber er ist kein Muslim wie die meisten Haussa, sondern Christ. Gerba kennt das Misstrauen zwischen den beiden Religionen aus der eigenen Familie. Sein reicher Onkel beachtet den christlichen Zweig in der Familie nicht so wie den muslimischen. Seit rund ein Dutzend nördlicher Bundesstaaten das islamische Gesetz der Scharia eingeführt haben, sind die Spannungen zwischen den Religionen in Nigeria noch größer geworden. In mehreren blutigen Massenunruhen in Kano und vor allem Kaduna kamen mehrere tausend Menschen ums Leben. Hunderte Moscheen und Kirchen sind zerstört. Zehntausende Menschen mussten sich eine neue Heimat suchen. Im vorwiegend christlichen Süden des Landes gab es Vergeltungsaktionen. Gerba nennt die Scharia ein politisches Kalkül einer auf Macht besessenen Elite im Norden, die in den Zeiten der Militärdiktaturen gut lebte und nun in der Demokratie nicht so einfach an die lukrativen Staatsaufträge käme. Das sei wohl auch der Grund, sagt Gerba, dass der Norden den ehemaligen Militärmachthaber General Mohammadu Buhari als wichtigsten Herausforderer für das Präsidentenamt nominierte. Aber auch in der Regierungsmannschaft von Obasanjo finden sich viele aus den alten Eliten, Vertreter der gescheiterten und korrupten Zivilregierungen der Jahrzehnte vor der Diktatur.

Politik ist in Nigeria „Big Business“. Der Staat bleibt der größte wirtschaftliche Auftraggeber mit rund zwei Drittel Anteil und ist auch der größte Arbeitgeber. Die politische Klasse und die Eliten von gestern haben nicht zuletzt wegen ihres angehäuften Geldes noch zu viel Einfluss und Eigeninteressen. So zum Beispiel Ex-Militärmachthaber und reichster Mann Nigerias und vielleicht Afrikas, General Ibrahim Babangida. Als Vorsitzender des Petroleum Trust Funds hatte er unter der Herrschaft von General Sani Abacha Geld veruntreut. Aufgrund seines Reichtums gilt Babangida als wichtige politische Figur.
Gerba Abba Baku setzt nicht auf die alten, politischen Zirkel. Er will einen radikalen Menschenrechtsanwalt zum Präsidenten wählen: Gani Fawehimni, der die National Consciousness Party (NCP) gründete. Auch die meisten der anderen Motorradtaxifahrer wollen für Gani Fawehimni stimmen, sagt Gerba. Auch ein Funktionär im Haupthaus des nigerianischen Dachverbandes der Gewerkschaften sagt: „Ihr werdet euch wundern, wie viele Stimmen dieser Gani Fawehimni holen wird.“

Hakeem Jimo ist Westafrika-Korrespondent mehrerer deutschsprachiger Medien mit Sitz in Cotonou (Benin).

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