Schlummernde Zerstörung

Den 4. April haben die Vereinten Nationen zum „Internationalen Tag der Minenaufklärung“ erklärt. Obwohl Antipersonenminen seit 15 Jahren per Konvention verboten sind, besteht die Gefahr in den von Landminen verseuchten Ländern weiter.

Von Barbara Kopf
Warnung vor der Gefahr, wie hier auf Tafeln in Burma, ist essenziell.

Eine Berührung oder leichte Erschütterung genügt, um in einem Sekundenbruchteil Leben zu zerstören. Am Boden oder direkt darunter platziert, sind Landminen heimtückische Sprengfallen, die die Zivilbevölkerung noch Jahrzehnte nach der Beendigung eines militärischen Konflikts bedrohen, ihre Bewegungsfreiheit massiv einschränken und die wirtschaftliche Erholung einer Region wesentlich behindern. Wenn die Explosion nicht tödliche Auswirkungen hat, hat sie meist verheerende Folgen für die soziale und wirtschaftliche Stellung des Minenopfers und seiner Familie, etwa durch Amputationen, Verlust der Ernährungsgrundlage, hohe Gesundheits- und Rehabilitationskosten, lebenslangen Betreuungsbedarf oder Ausgrenzung in der Gesellschaft.

Täglich verunglücken, von Medien und Weltöffentlichkeit weitgehend unbeachtet, Menschen durch Landminen. Nur die opferreichsten Ereignisse schaffen es in die Nachrichten, so etwa eine Minenexplosion am 8. Februar in Südkordofan, Sudan, durch die 19 Menschen getötet und 30 weitere zum Teil schwer verletzt wurden.

Die meisten Opfer waren Kinder, Frauen oder alte Menschen. Zwei Tage später gab es einen Vorfall auf den Philippinen mit sechs verletzten Militärangehörigen, wieder zwei Tage später ein schweres Unglück im Sudan mit zumindest fünf Toten, darunter ein Mitarbeiter des sudanesischen Roten Halbmonds.

Auch in Europa bedrohen Landminen die Zivilbevölkerung. Nur wenige 100 Kilometer trennen Österreich vom beliebten Urlaubsland Kroatien, wo abseits der Küstenregionen und der Hauptstadt Zagreb das Erbe des Kriegs nach wie vor eine tödliche Gefahr darstellt. Das österreichische Außenministerium warnt etwa davor, Grundstücke mit verlassenen Häusern zu betreten. In Bosnien und Herzegowina gefährden Minenfelder auch direkt neben Durchzugsstraßen die Menschen, Warnschilder fehlen meist.

Das Verlassen befestigter Straßen kann selbst in der Nähe der Hauptstadt Sarajewo lebensgefährlich sein. Laut offiziellen Angaben starben in Bosnien in den letzten zwanzig Jahren fast 600 Menschen durch Minenexplosionen, ca. 1.700 wurden verwundet.

Landminen wurden von Militärstrategen bis in die 1990er Jahre als unentbehrliches Kampfmittel angesehen – die humanitären Langzeitfolgen wurden nicht bedacht. Aktuell sind mindestens 59 Länder sowie vier Gebiete, die international nicht als unabhängige Staaten anerkannt sind, von Minen, Streubomben und anderen Blindgängern kontaminiert. Nach Schätzungen der UN lagen bis zur Jahrtausendwende weltweit rund 110 Millionen Landminen im Boden. Obwohl NGOs immer deutlicher auf deren verheerende Auswirkungen für die Zivilbevölkerung hinwiesen und sich viele Länder gegen Landminen aussprachen, war ein Totalverbot von Antipersonenminen im Rahmen der UNO nicht zu erreichen.

Einer Koalition aus zahlreichen NGOs und RegierungsvertreterInnen einiger Länder, darunter auch Österreich, ist es zu verdanken, dass 1997 die Ottawa-Konvention (Mine Ban Treaty) verabschiedet wurde. Als völkerrechtlich bindender Vertrag verbietet sie den Vertragsstaaten den Einsatz sowie die Produktion, den Transfer von bzw. den Handel mit Antipersonenminen. Mit der Ratifizierung verpflichten sich die Staaten darüber hinaus, innerhalb von vier Jahren ihre Lagerbestände an Antipersonenminen zu vernichten und die betroffenen Landesteile innerhalb von zehn Jahren von Minen zu räumen. Eine Ausweitung des Verbots auf Antifahrzeugminen war bisher nicht durchsetzbar.

Am 1. März 1999 trat die Ottawa-Konvention in Kraft, in mehrerer Hinsicht ein Meilenstein: So führte zum ersten Mal in der Geschichte öffentlicher Druck zu einem Waffenverbot und erstmals waren NGOs an der Ausarbeitung eines Völkerrechtsabkommens beteiligt. 1997 wurden die InitiatorInnen, die sich in der Internationalen Kampagne für das Verbot von Landminen (International Campaign to Ban Landmines, ICBL) zusammengeschlossen hatten, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Opfer von Landminen brauchen oft ein Leben lang Betreuung, wie dieser Mann in Burma.

161 Staaten sind dem Abkommen bislang verbindlich beigetreten. Als letzter EU-Mitgliedsstaat hat Polen 2013 die Konvention ratifiziert. 36 Staaten haben den Vertrag noch immer nicht unterzeichnet, darunter die USA, Russland, China, Israel, Syrien, Burma (Myanmar), Indien und Pakistan. Laut dem jährlich erscheinenden Landminen-Bericht der ICBL sollen diese Länder zusammen über 160 Millionen Landminen in ihren Depots gelagert haben.

Seit Inkrafttreten der Ottawa-Konvention sind viele Erfolge zu bemerken: Die Zahl der Länder, in denen Landminen durch Regierungstruppen verlegt wurden, ging von 15 im Jahr 1999 auf zwei – Syrien und Burma – im Jahr 2013 zurück. In acht Ländern wurden 2013 Landminen von nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen verlegt, um zehn weniger als im Jahr 1999. Waren es vor Inkrafttreten der Ottawa-Konvention 55 Herstellerländer, produzieren aktuell nur noch vier Länder – Burma, Indien, Pakistan und Südkorea – Antipersonenminen. Acht Länder werden als potenzielle Produzenten geführt. Es gibt kaum noch Belege für den – legalen – Handel mit Antipersonenminen.

Mehr als 50 Millionen gelagerter Antipersonenminen wurden bisher vernichtet. Trotz der enormen Räumungskosten – sie betragen mit rund 300 bis 1.000 US-Dollar pro Mine ein Vielfaches der Produktionskosten von ca. drei US-Dollar pro Stück – wachsen die von Minen befreiten Flächen pro Jahr um rund 200 km2. Von 2000 bis 2010 wurden auf einer Fläche von 1.700 km2 insgesamt 3,1 Millionen Landminen und Blindgänger geräumt.

Ebenso positiv ist der Rückgang der Zahl neuer Minenopfer, was vor allem auf Minenrisiko-Schulungen, Kennzeichnung von Minenfeldern und Minenräumung zurückzuführen ist. 2012 gab es weltweit 3.628 dokumentierte Unglücksfälle mit Landminen, im Durchschnitt also zehn pro Tag. Damit sank die Rate von 1999, als ca. 25 Vorfälle pro Tag registriert wurden, um 60 %. Da viele Minenunfälle nicht gemeldet werden, sind die tatsächlichen Opferzahlen vermutlich wesentlich höher. Weltweit geht man derzeit von über 500.000 Minenopfern aus, die durch eine Behinderung lebenslange Hilfestellung benötigen. Gerade in Bereich der Opferhilfe, z.B. durch Rehabilitation, Wiedereingliederungsmaßnahmen oder Sozialhilfe, sind viele Vertragsstaaten säumig.

Kinder und Jugendliche sind durch Landminen besonders gefährdet. Die Pflichten, die ihnen im Haushalt oft obliegen – Tiere hüten, Wasser holen oder Brennholz sammeln – sowie das Spielen im Freien bringen sie immer wieder auf gefährliches Terrain. Seit 2005 macht diese Gruppe konstant fast die Hälfte der jährlichen Minenopfer aus, wobei zu 73 % Buben betroffen sind. Durch ihre geringe Körpergröße sind die Verletzungen bei Kindern besonders schwer.

Eine Entminung liegt bei vielen Gebieten noch in weiter Ferne, zudem kommen in aktuellen Konflikten neue Sprengladungen hinzu. In der sich zuspitzenden Ukraine-Krise haben prorussische Kräfte laut Medienberichten den Übergang zur Krim vermint.

Nach Ende der Konflikte bleibt viel zu tun: Schulungen über die Minengefahr sowie die eindeutige Kennzeichnung von Minenfeldern können lebenswichtige Sofortmaßnahmen zum Schutz der Menschen vor Unfällen sein. Viele NGOs, etwa die österreichische Organisation Gemeinsam gegen Landminen (GGL), leisten durch Minenrisiko-Schulungen einen wesentlichen Beitrag zur Senkung der Opferzahlen. 

Barbara Kopf ist Vizepräsidentin der österreichischen Hilfsorganisation Gemeinsam gegen Landminen – GGL Austria.

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