Schluss mit Streiten

Durch das Modell der Soziokratie können Gruppen auf neue Art gute, ­gemeinsame Entscheidungen treffen.

Von Ines Zanella
Ein Mitglied der Gruppe hat noch einen schwerwiegenden Einwand (beide Hände in der Höhe),

Wer kennt das nicht: Nervenaufreibende Diskussionen, bei denen nicht alle zu Wort kommen. Wo jeder und jede darauf bedacht ist, die anderen von der eigenen Meinung zu überzeugen. Und die dann oft in Beschlüssen enden, die viele nicht wirklich umsetzen können oder wollen. Wenn Entscheidungen in einer Gruppe getroffen werden müssen – sei es nun im beruflichen oder im ehrenamtlichen Umfeld – sind die Wege dorthin oft mühsam und frustrierend.

Doch es kann auch anders gehen: Zusehends mehr Organisationen und Vereine in Österreich befassen sich mit dem Modell der Soziokratie und versuchen, dieses in der Praxis anzuwenden. Geschaffen wurde der Begriff der Soziokratie im 19. Jahrhundert von Auguste Comte. In den Niederlanden wurde das Konzept dann im 20. Jahrhundert weiterentwickelt. Seit November vergangenen Jahres ist auch hierzulande ein Zentrum für Soziokratie im Aufbau. Regelmäßig veranstaltet dieses Einführungsworkshops für alle Interessierte.

Ausreden lassen und zuhören – wer das beherrscht, der erfüllt schon wichtige Voraussetzungen für eine Entscheidungsfindung nach dem soziokratischen Prinzip. Soziokratie beginnt im kleinen Kreis, wenn eine Frage oder ein Problem besprochen und ein Beschluss dazu gefällt werden soll. Schon die Struktur des Gesprächs in der Gruppe unterscheidet sich deutlich von dem, was man sonst gewohnt ist: Zu Beginn stellt eine Person das Problem unter Einbeziehung möglichst vieler wesentlicher Aspekte und Informationen dar. Dann folgt eine Gesprächsrunde, in der alle anderen GesprächsteilnehmerInnen Informationen beitragen. Erst in einer zweiten Runde dürfen sie Argumente und Einwände vorbringen.

Der Leiter oder die Leiterin des Gesprächs bereitet dann einen so genannten Beschluss vor. Dabei bedenkt er oder sie bereits die Einwände, die vorgebracht wurden. Der gemeinsame Beschluss wird dann im Konsent getroffen. Das ist kein Tippfehler – Konsent und Konsens sind zwei verschiedene Dinge. Während sich bei einem Konsens wirklich alle völlig einig sein müssen, ist das nicht notwendig, wenn Konsent herrschen soll. Einwände können durchaus bestehen bleiben. Nur falls jemand einen schwerwiegenden und gut begründeten Einwand hat, wird der Beschluss verworfen. Dabei regiert das Argument.

In der Praxis heißt das also: Zuerst denken, dann sprechen. Niemandem ins Wort fallen. Informationen von Argumenten unterscheiden. Gemeinsam werden so Bedenken ergründet und gute Lösungen gefunden.

Wenn Vereine oder Unternehmen soziokratisch arbeiten, organisieren sie sich in Kreisen. Ein Kreis besteht aus einer Gruppe von Menschen, die sich regelmäßig zu einem bestimmten Zweck treffen. Wichtig dabei ist die doppelte Verknüpfung durch zwei Verbindungsglieder – so wissen die einzelnen Kreise auch über die Prozesse in den anderen Gruppen Bescheid. Alle einen gemeinsame Ziele. Auf Basis derer treffen die in den Kreisen organisierten Personen dann ihre Entscheidungen. Fazit: Soziokratie hilft der einzelnen Person dabei, zu lernen, wie sie bessere Gespräche führt. Gruppen ermöglicht sie, Entscheidungen zu treffen, die von allen getragen werden. Beherrscht man soziokratische Methoden erst einmal, kann man sie vielfältig anwenden. Auch wenn es auf jeden Fall heißt: üben, üben, üben.

Weitere Infos:
soziokratisches-zentrum.at
Nächste Soziokratie-Workshops:  6.-7. Juli in Linz, 25. Juli in Wien

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