Schwerer Start

Die Friedensverhandlungen mit der FARC, der größten Guerillaorganisation Kolumbiens, haben definitiv begonnen. Gleichzeitig starteten die Paramilitärs eine Offensive und ermordeten an die 200 Menschen.

Von Werner Hörtner
Im vergangenen September haben wir uns in der Titelgeschichte des SÜDWIND-Magazins mit Kolumbiens "Historischer Chance auf Frieden" befaßt. Diese Chance ist nun in die konkrete Realisierungsphase getreten. Die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC), mit zwölf- bis fünfzehntausend KämpferInnen die stärkste Aufständischenbewegung des Landes, haben am 7. Jänner in dem kleinen Dorf San Vicente de Caguán südlich der Hauptstadt Bogotá die offiziellen Friedensgespräche aufgenommen.

Die zweitgrößte Guerillabewegung, das Nationale Befreiungsheer (ELN), wird im Februar unter Beteiligung von Regierung und zivilgesellschaftlichen Organisationen in ihrem Einflußgebiet im Norden des Landes eine Nationalkonvention zur Lage in Kolumbien veranstalten.

Eine Bedingung der FARC für die Aufnahme der Friedensgespräche war der völlige Rückzug aller staatlichen Sicherheitskräfte aus einem Gebiet in der Größe Österreichs gewesen, eben in der Region, wo nun die Verhandlungen stattfinden. Diese de facto-Aufgabe staatlicher Souveränität in einem Teil des nationalen Territoriums war bei der kolumbianischen Armee und in Washington auf heftige Kritik gestoßen. Dieses Gebiet ist nämlich eines der Zentren des Koka-Anbaus, und die US-Regierung befürchtet, daß die Anbauflächen nun ungehindert ausgeweitet werden.

Präsident Andrés Pastrana, seit vergangenem August im Amt, hält unbeirrt an seinem Wahlversprechen, dem Land den Frieden zu bringen, fest. Er nahm auch bei der Eröffnung der Gespräche in San Vicente teil, während FARC-Oberkommandierender Manuel Marulanda überraschenderweise fehlte. Was in der kolumbianischen Öffentlichkeit zu zahlreichen Spekulationen führte. Ein FARC-Sprecher gab Sicherheitsprobleme als Grund an: Man habe Hinweise auf einen geplanten Anschlag gegen den 69jährigen Guerillachef erhalten.

Genau zum Auftakt der Friedensverhandlungen haben die Paramilitärs in weiten Teilen des Landes eine blutige Offensive gegen die Landbevölkerung begonnen, die sie ganz allgemein der Sympathie mit der Guerilla verdächtigen. Die Stärke dieser im Sold von Grundbesitzern und Unternehmen und in Zusammenarbeit mit Sektoren der Armee agierenden Todesschwadronen wird auf fünftausend Mann geschätzt. Die Nachricht von Anfang Jänner, eine FARC-Einheit hätte Carlos Casta?o, den Chef der paramilitärischen Gruppen, in seinem Hauptquartier getötet, hatte sich später als Fehlmeldung herausgestellt. Mit der gegenwärtigen Offensive wollen die "Paras" ihre Beteiligung an den Friedensgesprächen durchsetzen.

In den nächsten Wochen und vielleicht sogar Monaten soll nun eine genaue Tagesordnung für die Verhandlungen festgesetzt werden. Die FARC verlangen als vordringliche Maßnahme ein hartes Durchgreifen der Regierung gegen den Paramilitarismus. Sie haben der Leiterin der Regierungsdelegation, der ehemaligen Erziehungs- und Außenministerin María Emma Mejía, einen langen Forderungskatalog vorgelegt, der u.a. eine umfassende Agrarreform und die Bestimmung von 50% des Budgets für Sozialausgaben beinhaltet.

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